TV-Kritik „Sandra Maischberger“

Ein vorweihnachtlicher Beschluss

Von Frank Lübberding
Aktualisiert am 26.11.2020
 - 07:23
Schalte nach Schwerin: Manuela Schwesig im Gespräch mit Sandra Maischbergerzur Bildergalerie
Am Mittwoch wurde der Lockdown verlängert. Dem Eindruck der Kurzatmigkeit und Hilflosigkeit konnte man allerdings nicht widersprechen.

Mittlerweile haben wir Bürger uns in dieser Pandemie an ein im Grundgesetz nicht vorgesehenes Gremium namens Ministerpräsidentenkonferenz mit der Bundeskanzlerin gewöhnt. Diese erinnert an die endlos langen EU-Gipfel in Brüssel, es fehlen halt nur die vor dem Konferenzraum vorfahrenden Staatskarossen zumeist deutscher Hersteller. Heutzutage findet das virtuell statt, aber dafür dauert es trotz der akribischen Vorbereitung durch 16 Staatskanzleien und einem Bundeskanzleramt fast genauso lange. Für die berichtenden Journalisten ist das eine Zeit des Wartens. Schließlich kam ein sechzehn Seiten langer Beschluss heraus, der für die Freunde bürokratischer Formulierungskunst ein vorweihnachtlicher Festtagsschmaus sein muss.

„Wir als Wirt bestimmen die Dynamik der Pandemie“

Die Gäste von Frau Maischberger gehörten sicherlich nicht zu dieser recht seltenen Spezies. Allerdings war die Ministerpräsidentin aus Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), als zugeschalteter Interviewgast dabei, und sie hatte das Papier mitbeschlossen. Dort beschäftigen sich die Autoren mit einer zentralen Frage: Wie können wir unsere sozialen Kontakte reduzieren, um die Infektionsdynamik der vergangenen Wochen zu unterbrechen? Warum das von zentraler Bedeutung ist, vermittelte Dirk Brockmann. Er leitet die Forschungsgruppe „Epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten“ am Robert-Koch-Institut (RKI). Der Physiker ist ein nüchterner Mensch, der unser aller Verhalten in Modellen abzubilden versucht. Dabei geht es um eine grundlegende Erkenntnis, die er so formulierte: „Wir als Wirt bestimmen die Dynamik der Pandemie.“ Das hört sich trivial an, ist es aber nicht. Brockmann kann Szenarien entwickeln, um die Infektionsdynamik unter sich verändernden Bedingungen zu beschreiben. Das ist schon viel, aber trotzdem hat dieses Forschungsgebiet seine unvermeidlichen Grenzen. Die beschrieb in einem späteren Interview Cihan Çelik so: Es gäbe bisher „wenig Evidenz und wenig Beweismaterial, was uns wirklich hilft“, außer „die Kontakte zu reduzieren. Nur wie kommen wir dort hin?“ Der Darmstädter Lungenfacharzt ist beruflich mit diesem Thema seit Monaten beschäftigt. Er hat sich als Arzt sicherlich auch an alle Vorsichtsmaßnahmen gehalten, trotzdem hatte er sich vor wenigen Wochen infiziert.

Hier lesen Sie das Interview mit dem Arzt zu seiner eigenen Erkrankung.

Die Politik hat es mit einem grundlegenden Widerspruch zu tun. Zwar reduziert die weitgehende Unterbindung sozialer Kontakte die Infektionsdynamik, dafür steigen die sozialen und ökonomischen Kosten einer solchen Politik. Entsprechend sah der Beschluss des Abends aus. Dort lesen wir Bürger lauter Appelle und Empfehlungen, die sich aber mit einem bisweilen an Realsatire erinnernden Regelungsbedarf abwechseln. So wird eine Maskenpflicht auf Parkplätzen verordnet, obwohl sich dort wahrscheinlich bisher niemand angesteckt hat. Wenn ein Bürger zufälligerweise seinen Balkon über einen solchen Parkplatz haben sollte, muss er dort in Zukunft ebenfalls eine Maske tragen?

Warum sich die deutsche Politik dann nicht auch mit der in China gerade diskutierten Problematik einer Infektion durch Tiefkühlprodukte beschäftigt hat, ist ein Rätsel. Immerhin hat aber die Regierung in Peking die in Verdacht geratene Schweinshaxe aus Bremen mittlerweile freigesprochen. Gleichzeitig haben die Bundes- und Landesregierungen zwar die rechtlichen Komplikationen eines Verkaufsverbot für Feuerwerkskörper erkannt, aber dafür eine neue Regelung gefunden. Jetzt wird „auf belebten Plätzen und Straßen die Verwendung von Pyrotechnik untersagt, um größere Gruppenbildungen zu vermeiden.“ Dabei sollen „die örtlich zuständigen Behörden die betroffenen Plätze und Straßen bestimmen.“ Wenn die Kommunen das vor Silvester durch Verordnung umsetzen sollten, treffen sich manche vielleicht in den Nebenstraßen. Und ab wann gilt eine Straße überhaupt als belebt? Aber dafür will sich laut Beschluss die Verkehrsministerkonferenz mit der Schulbusproblematik beschäftigen. Dort treffen sich laut gut informierter Kreise zumeist mehr als die zehn Personen, die dieses Jahr gemeinsam die Festtage verbringen dürfen. Manche sollen sogar jünger als vierzehn Jahre alt sein, die wiederum beim Weihnachtsschmaus nicht mitgezählt werden.

Wie macht man das, so fragte Çelik. Angesichts dieser Mischung aus ordnungsrechtlicher Detailversessenheit, Appellen an die Eigenverantwortung des Bürgers und einem Verschiebebahnhof institutioneller Verantwortung sind Zweifel erlaubt. Das kam auch in der einen oder anderen Bemerkung der Kommentatoren zum Ausdruck.

Nicht einmal geschenkt

So berichtete die Publizistin Lamya Kaddor von ihren Erfahrungen als Lehrerin in Nordrhein-Westfalen. Sie kritisierte etwa die Behörden für die fehlende Ausstattung der Lehrer mit kostenlosen FFP-2 Schutzmasken beim Präsenzunterricht. Nun könnte man unter Umständen auf die Idee kommen, sich angesichts der angenommenen Gesundheitsgefährdung einfach eine solche Maske zu besorgen. Aber mittlerweile hat der Staat eine Mentalität erzeugt, wo sich die Bürger wie unmündige Kinder benehmen. Auf der einen Seite erzeugt er selbst bei den bestens versorgten Beamten für eine Anspruchshaltung, auf der anderen Seite für Widerstand bei denen, die sich einfach nicht ihre Lebensführung vorschreiben lassen wollen. Die lehnen dann die FFP-2 Masken aus Prinzip ab, selbst wenn man sie ihnen schenken würde.

Nun ist sicherlich nicht „alles der Hyperrationalität zugänglich“, wie es „Spiegel“-Autor Markus Feldenkirchen ausdrückte. Nur gibt es halt die politische Rationalität von Frau Schwesig, wie sie sich auch in den Fußnoten dieses Beschlusses mit den abweichenden Meinungen von Bundesländern wiederfindet. Dann gibt es die Erwartung der Bürger an nachvollziehbare Regelungen, was aber mit politischen Entscheidungsprozessen nicht unbedingt übereinstimmen muss. Wobei diese Bürger höchst unterschiedliche Erwartungen haben. Manche wollen möglichst sofort mit allen anderen unter Hausarrest gestellt, andere gar nicht erst belästigt werden. So wollen Bund und Länder wieder einmal „im Rahmen einer gemeinsamen Kommunikationsstrategie für die Transparenz der geltenden Regelungen sowie ihren konsequenten Vollzug und die Sanktionierung von Verstößen im Rahmen der entsprechenden Verordnungen“ sorgen. Der Journalist Hans-Ulrich Jörges sprach dagegen von Kurzatmigkeit und Hilflosigkeit und von „gespielter Souveränität“, die der Politik niemand mehr abnähme. Auf die Sanktionen für die fehlende Maske auf dem Balkon über dem Parkplatz warten wir tatsächlich gespannt.

Ein atypischer Fall

Das betrifft aber keineswegs nur die Politik. Çelik schilderte anschaulich deren eigentliches Problem. Wie verhindert sie durch Reduzierung der Kontakte und der Infektionsdynamik das Überlaufen der Intensivstationen? Dabei machte er die Veränderungen der vergangenen Wochen deutlich, in denen sich zusehends mehr alte Menschen ansteckten. Diese Risikogruppe ist überproportional häufig von einem schweren Krankheitsverlauf bedroht, trotzdem gelingt der Schutz dieser vulnerablen Gruppen immer noch nicht. Çelik war mit seinen 34 Jahren ein atypischer Fall. Er schilderte anschaulich, mit welcher Geschwindigkeit sich die Krankheit bei ihm entwickelte. Dabei machte er eine interessante Bemerkung über die Therapie. Trotz einer besorgniserregenden Sauerstoffsättigung verzichteten seine Kollegen auf die künstliche Beatmung. Sie behandelten ihn nicht-invasiv über eine Sauerstoffmaske. Über Folgeschäden der erst wenige Wochen zurückliegenden Infektion konnte er nicht berichten. Der Lungenfacharzt meinte zudem, dass im Frühjahr noch sehr aggressiv beatmet worden sei, im Gegensatz zu heute.

Daran sind Zweifel erlaubt, wenn man in den vergangenen Wochen etwa dem Hamburger Intensivmediziner Stefan Kluge bei seinen diversen öffentlichen Auftritten zuhörte. Dort war von einer solchen Zurückhaltung nichts zu spüren. Vielmehr vermittelte er dort den Eindruck, den auch weite Teile der Öffentlichkeit immer noch haben: Dass das Nadelöhr Intensivstation durch den Mangel an Beatmungsplätzen verursacht wird, wobei dieser Therapieansatz allerdings häufig mit schweren Folgeschäden verbunden ist. Gleichzeitig waren in der vergangenen Woche fast 70 Prozent der an oder mit Corona Verstorbenen über 80 Jahre alt. So bemühen wir uns alle, die Kontakte zu reduzieren. Die damit verbundenen Unzulänglichkeiten sind nicht nur der Politik anzulasten. Sie liegen wahrscheinlich in der Natur einer solchen Pandemie. Für Behandlungsfehler gilt das aber nicht.

Quelle: FAZ.NET
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