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TV-Kritik „Hart aber fair“

Bettgeflüster mit Donald Trump

Von Frank Lübberding
 - 06:39

Der Titel der Sendung „Hart aber Fair“ war zweifellos vom Mitteilungsbedürfnis des amerikanischen Präsidenten auf Twitter bestimmt. Donald Trump hatte schließlich der Krise nach dem Giftgaseinsatz in Syrien eine besondere Note gegeben. „Russland schwört, Raketen, die auf Syrien fliegen, abzufangen“, schrieb er vergangene Woche. Russland solle sich bereit machen, „denn sie werden kommen, hübsch und neu und intelligent!'“

Dieser Tweet wurde bisweilen als Kriegserklärung interpretiert. So fiel der Redaktion von Frank Plasbergs Sendung „Hart aber fair“ dazu der passende Titel ein: „Mit dem Finger am Abzug: Wie zügellos ist Donald Trump?“ Nun sind solche Überschriften immer pointiert formuliert. Es handelt sich ja nicht um einen akademischen Diskurs, der die „Entscheidungsprozesse in der Präsidentschaft Donald Trumps unter besonderer Berücksichtigung sozialer Netzwerke“ untersucht. Wobei das ein guter Ansatz für eine interessante Fragestellung wäre: Ob das Mitteilungsbedürfnis des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika überhaupt etwas mit den Entscheidungsprozessen in seiner Regierung zu tun hat.

Bettgeflüster mit Donald Trump

Der frühere Nato-General Lothar Domröse beschrieb die Resultate des „zügellosen“ Präsidenten. Er lobte den Militärschlag der drei Westmächte gegen das Chemiewaffen-Potential des Assad-Regimes in den höchsten Tönen. „Präzison“ und „Augenmaß“ waren die Stichworte. Zudem gab es weder Berichte über Kollateralschäden, noch die Gefahr einer ungeplanten Eskalation mit den in Syrien stationierten russischen Streitkräften.

Zwar ist Skepsis gegenüber der Weitsicht geheimdienstlicher Aufklärungsarbeit angebracht, wenn es um die Auswahl militärischer Ziele geht. So hatte Bill Clinton im Jahr 1998 den Angriff auf eine Fabrik im Sudan befohlen. Sie stand im Verdacht, für die Produktion von Chemiewaffen genutzt zu werden. In Wirklichkeit beschäftigte sie sich mit der Herstellung von Medikamenten. Das kann schon einmal passieren, keineswegs nur den Vereinigten Staaten. Trotzdem ist keines jener Szenarien eingetreten, denen der twitternde Trump vermeintlich den Boden bereitet hatte.

So stand diese Sendung etwas verloren im Niemandsland enttäuschter Erwartungen. Trump hält scheinbar nicht das, was sich manche seiner Kritiker von ihm versprochen haben. „Präzision“ und „Augenmaß“ gehören sicherlich nicht dazu. Entsprechend argumentierte der frühere ARD-Korrespondent in Moskau und Washington. Thomas Roth kritisierte den Präsidenten aus einer grundsätzlichen Perspektive. Zum einen wegen der Wortwahl, für die ein Lehrer seine Tochter an einer amerikanischen Highschool „abgemahnt“ hätte. Zum anderen aus einer ethischen Perspektive: So wie Trump spricht man nicht über Krieg. Kein Wunder, wenn nicht nur bei Domröse die Professionalität des amerikanischen Militärs und des Verteidigungsministers James Mattis, früherer General des amerikanischen Marine Corps, als Fels in der Brandung Trumpscher Zügellosigkeit gilt.

„Das ist unser Problem. Geh da rein und mach die Raketen platt, und Du bist am Arsch. … . Wir sind am Arsch, am Arsch, am Arsch, am Arsch. Warum kann er nicht sagen, dass wir diesen Hundesohn erledigen, und zwar richtig, und aufhören herumzusülzen. Das war es, worauf ich hinauswollte. Nicht rumsülzen, sondern eine Rakete ausschalten.“ Das ist kein Tweet von Donald Trump, sondern formulierte ein anderer General des Marine Corps, David Shoup, während der Kubakrise 1962 im Weißen Haus. Der Hundesohn war übrigens Fidel Castro. Damals gab es noch kein Twitter, sondern nur die Tonbänder John F. Kennedys.

Dieser ließ solche Gespräche im Weißen Haus heimlich aufzeichnen. Der Präsident selbst hatte bestimmt auch nicht nur höfliche Formulierungen zur Verfügung, etwa für den damaligen FBI-Direktor Herbert Hoover. Das Zitat stammt aus einer recht subjektiven Zusammenstellung dieser Aufnahmen von der „John F. Kennedy Library“, herausgegeben von Kennedys Tochter Caroline.

Es soll illustrieren, was der Münchner Historiker Michael Wolffsohn zu vermitteln versuchte. Nicht alles an diesem „grässlichen Mann“ (Wolffsohn) als einzigartig zu betrachten. So ist es fast absurd zu nennen, wenn Roth den Sprachgebrauch Trumps wie eine aufgeregte Gouvernante aus dem Haushalt des bekanntlich besonders sittenstrengen Facebook-Gründers Mark Zuckerberg kritisierte. Ironischerweise machte Plasberg mit einem Einspieler deutlich, was sich der Präsident dagegen so alles im Fernsehen anhören muss. Etwa die Aussagen des „Pornosternchens“ (Plasberg) Stephanie Clifford über ihre Verrichtung des Geschlechtsaktes mit Trump als geschäftliche Transaktion. So verwildert in den Vereinigten Staaten die von Roth so hoch gehaltene Ethik. Oder kann sich jemand vorstellen, eine der von Wolffsohn erwähnten Geliebten Kennedys hätte so bereitwillig über den Geschlechtsverkehr mit einem Präsidenten Auskunft gegeben hätte, wie es Frau Clifford so lustvoll praktizierte? Das Abhören solchen Bettgeflüsters blieb damals noch besagtem Hoover überlassen, der als FBI-Direktor wirklich fast jeden in Washington abhören ließ.

Unberechenbarkeit als politische Methode

Wolffsohn wies zudem auf die schon immer stattgefundenen Machtkämpfe im amerikanischen System der „checks and balances“ hin. Der Umgang mit Trump macht da keine Ausnahme. Nur sei die amerikanische Gesellschaft derzeit so gespalten wie wohl noch nie in ihrer Geschichte, so Melinda Crane. Die Chef-Korrespondentin im englischen Programm von Deutsche Welle-TV sprach vom „Unterminieren der amerikanischen Institutionen“ durch Trump. Auf die Idee, den Umgang mit Trump ebenfalls als Beitrag zu dieser Unterminierung zu bewerten, kam sie allerdings nicht.

Obwohl sie sich beim Einspieler mit dem „Pornosternchen“ sogar an die Lewinsky-Affäre Bill Clintons erinnert fühlte. Damals hatten die Republikaner kein Mittel gescheut, um mit Clinton auch die Institution des Präsidenten in den Dreck zu ziehen. Sie scheiterten zwar, setzten aber offenbar Maßstäbe, an denen sich heute sogar amerikanische Linksliberale orientieren. Es gibt nämlich kaum noch jemanden, der jenseits der polarisierten Lager die Einlassungen von Frau Clifford als das bewertet, was sie sind: an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten.

Dafür ist nicht zuletzt Trump selbst verantwortlich. Er ist Symptom und Ursache des Verfalls der guten Sitten in der amerikanischen Innenpolitik. Seinen Wahlsieg verdankte er seinen Grenzüberschreitungen, die kein Tabu mehr akzeptierten. Er brachte damit einen Stein ins Rollen, der ihn am Ende sogar selbst zu Fall bringen könnte. Trump müsse dafür allerdings „gegenüber dem Staat oder einem Gericht die Unwahrheit gesagt haben“, wie Hardt deutlich machte.

Wolffsohn bemühte sich trotzdem um eine analytische Einordnung dieses zweifellos außergewöhnlichen Präsidenten. Um dessen moralische Diskreditierung kümmern sich schließlich schon genügend andere Zeitgenossen. Trump sei ein „Anti-Establishment-Präsident“, der nichts so macht, wie man es von Politikern bisher erwartet habe. Dafür ist allerdings nicht seine Sozialisation als Geschäftsmann verantwortlich, wie es Wolffsohn annahm. Vielmehr hat er diese Mentalität des twitternden Straßenrowdys im Umgang mit dem New Yorker Medien gelernt. Eben auf jeden Vorwurf und jede Kritik, ob berechtigt oder nicht spielt keine Rolle, sofort mit einem Gegenangriff zu reagieren. Es geht nicht darum, was er sagt, sondern es überhaupt zu sagen.

Das kann jeden treffen: Russland, einen von ihm entlassenen FBI-Direktor oder einen Schauspieler. Das macht sein Verhalten unberechenbar. Trump habe diese Unberechenbarkeit zu einer politischen Methode gemacht, wie es Wolffsohn formulierte. Sie setzt Verbündete und Gegner in Verwirrung. Damit habe er allerdings auf verschiedenen Politikfeldern eine nicht zu unterschätzende politische Dynamik in Gang gesetzt, so Wolffsohns These. Er nannte den Krieg in Syrien, den Nahostkonflikt oder die Denuklearisierung Nordkoreas. Die paradoxe Wirkung dieser Methode beschrieb Wolffsohn so: Trump „ist der Haifisch an der Spitze der Nation. Ich stelle mit Entsetzen fest, dass sich endlich was bewegt.“

In Wirklichkeit hat der Hausherr im Weißen Haus noch nichts erreicht. Weder den Krieg in Syrien beendet, noch den Nahostkonflikt oder den Atomkonflikt mit Nordkorea. Das wäre aber auch etwas viel verlangt nach lediglich sechzehn Monaten Amtszeit.

Politisch relevanter Medienkonsum

„Der politische Friedhof ist voll mit Leuten, die ihre Gegner unterschätzt haben.“ Diese Mahnung Wolffsohns an die Kritiker Trumps ist verständlich. Haben sie doch die eigentliche Bedrohung dieses Sponti im wichtigsten Amt der Welt noch nicht begriffen. Das Erschreckende an dem eingangs erwähnten Tweet war weniger der Tonfall, sondern seine Entstehungsgeschichte. Trump reagierte auf eine irreführende Meldung von „Fox News“ über eine mögliche russische Reaktion auf einen Militärschlag gegen Syrien. Das ist das eigentlich Irritierende an diesem Präsidenten, sein politisch relevanter Medienkonsum. Im Vergleich dazu ist sein unorthodoxes Mitteilungsbedürfnis noch das geringere Problem.

Und dann wagt man schon gar nicht mehr zu fragen, wie in einer solchen Regierung überhaupt Entscheidungen getroffen werden. Spätere Historiker werden versuchen, das zu rekonstruieren. Deren Erkenntnisse über Kennedy waren durchaus ernüchternd.

Quelle: FAZ.NET
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