TV-Kritik: „Hart aber fair“

„Jeder sollte doch wissen, was er zu tun hat“

Von Michael Radunski
04.05.2021
, 02:20
Nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie fragt Frank Plasberg, ob der Staat die Kinder im Stich lasse. Bemerkenswert an der Sendung sind vor allem die Bildungsministerin und eine Neunzehnjährige.

Wie oft hat man diese Sätze schon gehört? Deutschlands wichtigster Rohstoff ist Bildung. Und: Die Kinder sind unsere Zukunft. Wahrscheinlich oft. Aber das war früher. Vor der Corona-Pandemie.

Inzwischen ist es zu still geworden um Kinder und Jugendliche in Deutschland. Schließlich geht es jetzt darum, wer zuerst geimpft werden soll – Kinder bislang ja überhaupt nicht. Oder es geht darum, ob der Friseur seinen Laden öffnen darf – Schulen und Kindergärten haben derweil zu.

Umso erfreulicher ist es, dass Frank Plasberg sich mit „Hart aber fair“ den „stillen Helden“ der Pandemie widmet: den Kindern. Der Titel der Sendung lautet: „Ungeimpft, ungeschützt, unbeschult: Lässt der Staat die Familien im Stich?“ Beurteilen sollen das an diesem Abend die Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek, die ARD-Moderatorin Mareile Höppner, die Kinderärztin Susanne Epplée, der Ortsbürgermeister von Möllenbeck Thorsten Frühmark sowie der Soziologe Aladin El-Mafaalani.

Viel Vorhersehbares

Die Rollenverteilung ist damit eigentlich klar vorgegeben: Vier Gäste werden klagen über den stressigen Alltag mit Homeschooling, über die gesundheitlichen Folgen für pandemiegeplagte Kinder, über die sozialen Folgen und über politische Hürden für lokale Maßnahmen. Die meisten Punkte sind leider vorhersehbar und bekannt: beispielsweise, dass Schulen mehr sind als Orte der Wissensvermittlung (Moderatorin Mareile Höppner), dass Probleme bei Kindern zunehmen wie Kopfweh, Bauchscherzen oder Fettleibigkeit (Kinderärztin Epplée) oder, dass Kinder viele Dinge nur von anderen Kindern lernen können (Soziologe El-Mafaalani).

Dennoch gibt es auch Aspekte, die überraschen: beispielsweise, wenn Aladin El-Mafaalani erklärt, dass die verlorene Zeit für Kinder besonders schwer wiege. Ein Jahr für ein Kind sei vergleichbar mit fünf bis zehn Jahre für einen Erwachsenen. Es ist auch der Soziologe aus Osnabrück, der darauf hinweist, dass selbst die Präsenzzeit in den Schulen nicht gut verlaufen sei, mal aufgrund fehlender Luftfilter, mal wegen verunsicherter Lehrer. Leidtragend waren am Ende jedenfalls immer die Kinder.

Doch neue Erkenntnisse bleiben an diesem Abend leider eine Rarität. Zu oft bleibt es bei einer reinen Bestandsaufnahme oder die Ideen verlieren sich im Ungefähren, wie beispielsweise die immer wiederkehrende Aufforderung nach „umfassenden Konzepten“.

Karliczeks Sprechblasen

Bleibt in dieser Rollenverteilung noch die Gegenseite: die Bundesministerin für Bildung und Forschung. Doch was Anja Karliczek an diesem Abend zum Besten gibt, macht fassungslos. Von inhaltsleeren Floskeln zu reden, würde es noch beschönigen. Auf die Frage, was falsch gelaufen sei, dass entgegen aller offiziellen Bekundungen die Schulen doch wieder geschlossen haben, erwidert die Ministerin: „Ich glaube, es ist für alle im Moment eine sehr, sehr schwere Situation angesichts der Länge der Pandemie von mehr als einem Jahr…“. Oder, als sie auf die wissenschaftliche Grundlage des geltenden Grenzwerts von 165 angesprochen wird: „Natürlich ist das eine Zahl, die gegriffen ist. Aber auch ein anderer Grenzwert wäre nicht allein evidenzbasiert, sondern einer, der sich aus ganz unterschiedlichen Faktoren vor Ort zusammensetzen kann. Und dann muss man auch unterschiedlich darauf reagieren können.“ Welchem interessierten Zuschauer – oder gar betroffenen Kindern – ist mit solchen Sprechblasen geholfen?

Später in der Diskussion verweist Frau Karliczek auf sogenannte S3-Richtlinien und erwähnt in diesem Zusammenhang das Problem, wie man Kinder sicher in die Schule bringen könne. Auf die Nachfrage, wie ein pandemie-sicherer Schulweg aussehen solle, erwidert die Bildungsministerin: „Zum Beispiel, dass man ein Konzept macht, wirklich von Haustür zu Haustür, das ist im Grunde das, was in den S3-Richtlinien drinsteckt.“

Frau Karliczek hat jedoch noch eine weitere Sprechschablone dabei. Dann spricht sie gerne davon, dass man erst einmal sehen müsse und danach Schritt für Schritt vorgehen werde. Wir befinden uns seit mehr als einem Jahr in einer verheerenden Pandemie. Die Schulen und Kitas sind geschlossen, Eltern sollen ihre Kinder zu Hause unterrichten, Essen kochen und dabei selbst im Homeoffice arbeiten. Aber die Ministerin will erst einmal sehen und dann Schritt für Schritt vorgehen.

Verantwortung? Findige Eltern

Und wenn Frau Karliczek schließlich auf Verantwortung angesprochen wird, ist schnell die Rede von Initiativen vor Ort, von Kommunen und zu guter Letzt natürlich von den Eltern. Es seien nämlich immer die Lösungen am besten, die vor Ort gefunden werden – „und dort sitzen ja findige Eltern mit am Tisch“. Thorsten Frühmark (Ortsbürgermeister von Möllenbeck) klagt in der Sendung mehrmals darüber, dass noch immer keine Luftfilter für Schulen angeschafft werden. Gehe er als Anwalt jedoch ins Gericht, als Gast in diese Talkshow oder in den Baumarkt, sehe er überall Luftfilter. Frau Karliczeks Antwort: „Es ist ein Können und ein professioneller Auftrag, diese Luftfilter so aufzustellen, dass sie in der Schule richtig wirken können.“

Also bevor wir keine hundertprozentige Verbesserung erzielen können, so der Eindruck, machen wir lieber nichts. Denn schnell und pragmatisch ein bisschen Verbesserung zu erreichen, ist in Deutschland offenbar zu wenig.

Der Lichtblick: die neunzehnjährige Hanan

Generell bleiben an diesem Abend konkrete Vorschläge, wie man die Situation der Kinder und Jugendlichen verbessern könnte, auf der Strecke. Einzig der Soziologe El-Mafaalani macht den Vorschlag, Patenprogramme mit Studenten oder Rentnern zu starten, um so Kinder mehr betreuen und unterrichten zu können.

Diese wenigen Momente schaffen es jedoch nicht, von den Ausflüchten der Bildungsministerin ins Nirgendwo abzulenken. Stoisch, ruhig, scheinbar voller Verständnis trägt sie vor. Man hört zu und sucht verzweifelt nach einem Hauch von Inhalt. Fündig wird man nicht. Auch Frank Plasberg scheint sich dieser Tatsache bewusst. So sagte er tatsächlich, er spare es sich jetzt, Frau Karliczek als einzig anwesende Politikerin zu fragen.

Für eine andere Perspektive sorgt schließlich der Ausflug des Plasberg-Teams in den Alltag von Hanan. Das 19 Jahre alte Mädchen lebt in Essen, hat fünf Geschwister, ist selbst noch in der Ausbildung zur Sozialassistentin – und zu Hause dafür verantwortlich, dass in Corona-Zeiten nicht alles aus den Fugen gerät. Die Filmaufnahmen aus dem heimischen Wohnzimmer zeigen alles, was davor abstrakt diskutiert wurde: übergewichtige Kinder, zu wenig technische Geräte für das Homeschooling, viel zu langsames Internet und die Klage über Lehrer, die für Rückfragen nicht erreichbar sind. All das findet in einem kleinen Wohnzimmer statt. Und was sagt Hanan selbst dazu? „Man kann nicht sagen, dass wir nicht zurechtkommen. Aber wir haben große Probleme.“ Es sei sehr anstrengend.

Später erzählt Hanan im Studio noch mehr aus ihrem Alltag. Als Frank Plasberg sie fragt, welchem Studiogast sie gerne etwas sagen möchte, bringt es das Mädchen trefflich auf den Punkt: „An niemanden. Jeder sollte doch wissen, was er zu tun hat.“ Das sollten sie in der Tat – nach mehr als einem Jahr Pandemie. Die sozialen Kosten, die wir den Kindern geradezu beiläufig aufbürden, sind hoch. Es ist wohl Zeit, wieder daran zu erinnern: Bildung ist Deutschlands wichtigster Rohstoff, und Kinder sind unsere Zukunft.

Quelle: FAZ.NET
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