TV-Kritik: Hart aber fair

Toll!

Von Frank Lübberding
20.04.2021
, 05:29
Auf Pro Sieben gab es eine bemerkenswerte Neuerung: Dort verzichteten die Interviewer gänzlich auf jeglichen Anschein des Denkens. Damit jedoch könnten sie die politische Reklame der Grünen kurioserweise auf den Punkt gebracht haben.

Eines der interessantesten Phänomene der gegenwärtigen Politik ist ihre Vergesslichkeit. Das Gedächtnis wurde durch inhaltsleere Images ersetzt, die mit Worthülsen Tiefgang suggerieren. Dazu gehört zweifellos auch die Idee der sagenhaften Basisdemokratie bei den Grünen. Schon im Jahr 1993 schrieb der Hamburger Politikwissenschaftler Joachim Raschke den Erfolg von Joschka Fischer unter anderem dessen Fähigkeit zur Cliquenbildung und einem stabilen persönlichen Netzwerk zu.

Damit wurde der spätere Bundesaußenminister zum Alleinherrscher bei den Grünen, ohne jemals Parteivorsitzender zu sein. Die Grünen wurden über diese informellen Machtstrukturen zu einer autoritär geführten Partei, in der die Basisdemokratie als Lachnummer aus Gründungszeiten galt.

Politisches Marketing

Bekanntlich sind die Grünen seit dem Abgang des großen Alleinherrschers im Jahr 2005 in der Opposition. Dort eilten sie von Wahlniederlage zu Wahlniederlage, zuletzt im Jahr 2017. In dieser Legislaturperiode sollte sich das ändern, weil sich die Grünen angesichts des Verfalls der großen Koalition als die einzige relevante Oppositionspartei positionieren konnten. Das lag allerdings nicht an der Basisdemokratie seligen Angedenkens. Vielmehr haben sich die Grünen professionalisiert, nicht zuletzt bei der Rekrutierung ihres Spitzenpersonals.

Die gestern gekürte Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat ihr Erwerbsleben in den Netzwerken ihrer Partei verbracht, was den klassischen Karrieremustern von Berufspolitikerin entspricht. Wenn die Grünen somit ihren beiden Parteivorsitzenden den Alleinvertretungsanspruch auf die Nominierung eines Kanzlerkandidaten überlassen haben, entspricht das der bewährten Logik ihres Politikverständnisses. Das hat weniger mit Inhalten zu tun, sondern ist den Überlegungen des politischen Marketings zur Stimmenmaximierung geschuldet.

Klischees und dann Applaus

Das alles kann man wissen, muss man aber nicht. Aber dass man ein Interview mit einer gerade ausgerufenen Kanzlerkandidatin sogar ohne jeden Anschein des Denkens führen kann, war eine neue Erfahrung. Diese ermöglichte uns der Privatsender Pro Sieben am gestrigen Abend. Das Interview – wenn man diese Posse denn so nennen wollte – führten Katrin Bauerfeind und Thilo Mischke. Natürlich durfte das Klischee von der grünen Basisdemokratie nicht fehlen, das war aber auch schon als intellektuelle Höchstleistung des Abends anzusehen. Ansonsten wollte die ihre Gesprächspartnerin mit einem ausdauernden Lächeln anschmachtende Bauerfeind etwa wissen, ob der Kanzlerkandidatin nicht heute „der Arsch auf Grundeis gegangen“ sei.

Bauerfeind fand auch schon einmal eine Antwort „toll“ – und entschuldigte sich für das Unterbrechen der Gesprächspartnerin. Ansonsten war bei den Fragen weder eine Struktur, noch ein Gedanke über Politik festzustellen. Welche Rolle Mischke in dieser Groteske spielte, blieb leider im Dunkeln. Immerhin wurde aber deutlich, wie Frau Baerbock spricht. So benutzte sie fünfmal den schon vor Fischers Alleinherrschaft politisch sinnentleerten Begriff „Herausforderung“, wobei sie sogar eine große oder eine riesenhafte sein konnte.

Ansonsten blieben die Aussagen der Kanzlerkandidatin in der Beliebigkeit der Reklame stecken, die die beiden Helden postmoderner Interviewführung wohl für Politik halten. So spendeten sie Annalena Baerbock am Ende Applaus, was zwar nicht der Kanzlerkandidatin, aber diesem Interview die Krone aufsetzte.

Die Verbissenheit der Matadore, erklärt

Im Gegensatz dazu ist das politische Marketing der CDU verbesserungsfähig. Deren Vorsitzender Armin Laschet muss zur Zeit auch nicht befürchten, von einer Interviewpartnerin mit einem ausdauernden Lächeln angeschmachtet zu werden. Ob das beim bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) anders sein könnte, ist die Frage.

Trotzdem lieferte dieses Interview auf Pro Sieben vielleicht eine Erklärung für die Verbissenheit, mit der die beiden Matadore um die Kanzlerkandidatur der Union gekämpft haben. Denn Annalena Baerbock machte nicht den Eindruck, eine wie immer geartete Herausforderung beim bevorstehenden Kampf um das Kanzleramt sein zu können. Aus journalistischer Perspektive zeigte sich dann bei „Hart aber fair“ in der ARD die Differenz zwischen einem kompetenten Moderator und zwei applaudierenden Stichwortgebern. Dabei stand diese Sendung sogar noch unter dem Schatten einer auf Twitter live übertragenden Bundesvorstandssitzung der CDU.

So gab es zuerst einmal nur eine Momentaufnahme der höchst unterschiedlichen politischen Stimmung an diesem 19. April im politischen Berlin. Während sich Anton Hofreiter für die Grünen zufrieden zeigte, musste der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach mit den Widersprüchen in der Union umgehen. So wünscht er sich als Rheinländer zwar Söder als den in der Wählerschaft populäreren Kanzlerkandidaten, will aber zugleich keine weitere Hängepartie im Nominierungsverfahren erleben.

Eine Regierungbeteiligung wird disziplinieren

Für Bosbach ging es bei der Kandidatensuche somit ebenfalls um die bessere politische Reklame, womit es immerhin eine Gemeinsamkeit mit den Grünen zu geben scheint. Inhalte spielen nämlich keine Rolle für die Nominierung des Mannes oder der Frau, die nach sechzehn Jahren die Erbschaft von Angela Merkel antreten sollen.

Dabei verwies Helene Bubrowski auf die disziplinierende Wirkung einer bevorstehenden Regierungsbeteiligung der Grünen auf deren parteiinternen Konflikte. Die Aussicht auf eine Rückkehr an die Macht ermögliche viele Karriereoptionen, so die Parlamentskorrespondentin der F.A.Z. in Berlin. Gleichzeitig bemühte sich Anna Clauß, Bayern-Korrespondentin des „Spiegel“, um ein Psychogramm Söders. Ihre Interpretation war in einer Hinsicht bemerkenswert: Söder existiere wirklich nur als der Politiker Söder, ohne weitere Eigenschaften als Privatperson.

Wohlfühlpaket – aber keine Idee zur Vermögenssteuer

Diese Dominanz der politischen Reklame machte aber zugleich die Umbruchsituation in unserem Parteiensystem deutlich. Die langjährige CDU-Vorsitzende hatte die politische Mitte so definiert, dass ohne Angela Merkel eine Regierungsbildung ausgeschlossen war. Das geschah mit programmatischen Korrekturen, um in der Konkurrenz mit SPD und Grünen die Verluste bei konservativen Wählern auszugleichen.

Diese Monopolstellung versuchen die Grünen mit einer Strategie möglichst geringer Reibungsverluste beim eigenen Wählerpotential anzugreifen. Allerdings wurde bei „hart aber fair“ in einem kurzen Moment deutlich, warum dieses Wohlfühlpaket nicht reichen könnte. Es gab eine Kontroverse um die Steuerpolitik zwischen Bosbach und dem stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Kevin Kühnert. Dort wurden die Konfliktlinien deutlich, die die deutsche Innenpolitik seit Jahrzehnten prägen. Hofreiter wirkte hier hilflos, vor allem als er außer abstrakten Grundsätzen keine Idee zur Umsetzung einer Vermögenssteuer präsentieren konnte.

Dafür wusste Bosbach mit einer Innovation aufzuwarten: Nach seinen Worten kann man die Programme anderer Parteien durchaus kritisieren, selbst wenn man noch kein eigenes hat. So hat halt jede Partei ihre Sorgen. Zudem wunderte sich der in den Vereinigten Staaten als Vorstandsvorsitzender des Landmaschinenkonzerns AGCO reich gewordene Martin Richenhagen über den wieder entdeckten staatlichen Dirigismus im Wahlprogramm der Grünen. Ein guter Punkt: Es passt nicht zu dem in den langen Oppositionsjahren aufgebauten Image einer bürgerlichen Mittelschichtspartei. Die Grünen sind zu einer Partei des öffentlichen Dienstes geworden, die ökonomische Lage ihrer Wähler und der mit der Partei verbundenen Lobbygruppen ist weitgehend von staatlichen Subventionen abhängig.

Baerbock als identitätspolitische Angebot

Deshalb haben es die Grünen auch bis heute nicht geschafft, bundesweit in Schlagdistanz zur Union zu kommen. Ihnen hilft zwar im rot-grünen Wählermilieu der Überdruss an der Sozialdemokratie. Trotzdem konnten sie bisher noch nicht aus dem 20-Prozent-Turm in den Meinungsumfragen herausfinden. Mit einem identitätspolitischen Angebot namens Annalena Baerbock wollen die Grünen das ändern: Sie ist jung, eine Frau, gilt als modern und entspricht damit den Erwartungen des Zeitgeistes. Der scheint sich neuerdings in den Allgemeinplätzen in Pro-Sieben-Interviews wiederzufinden.

Das überzeugt aber nur dann, wenn die politische Konkurrenz davon ebenfalls überzeugt wäre: Dann müssten die Grünen niemanden fürchten. Es könnte aber auch jemand auf die Idee kommen, dieses Pro-Sieben-Interview mit glatt gebügelten Allgemeinplätzen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Frau Baerbock scheint ja Herausforderungen zu mögen: Das wäre dann eine.

Anmerkung: An einer Stelle unseres Artikels wurde „hart aber fair“ fälschlicherweise Pro Sieben und nicht der ARD zugeordnet. Das haben wir geändert.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot