Überzogene Talkshowkritik

Wer gefährdet hier die Demokratie?

Von Michael Hanfeld
05.11.2019
, 19:30
Die Runde bei Frank Plasberg am gestrigen Montag.
Die Kritik an den Talkshows kennt kein Maß mehr. Wie abgedreht sie ist, zeigt die Begründung, mit der ihnen die „Goldene Kartoffel“ zugesprochen wurde: Sie schenkten Rechtsradikalen und Rassisten Sendezeit. Mit der Realität hat das nichts zu tun.
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In der Talkshow von Frank Plasberg war am Montag das Ende der großen Koalition zu besichtigen. Denn da saßen der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen und der SPD-Vorsitzendenkandidat Norbert Walter-Borjans nebeneinander und konnten partout nicht plausibel machen, warum sich diese Koalition inhaltlich über die Grundrente und die Frage, ob es diese nun mit Bedürftigkeitsprüfung geben soll oder ohne, derart zerstreitet und keinen Kompromiss findet.

Sie redeten und redeten, mit Verve, aber ohne Aggress, und ohne dass die beiden es aussprachen, konnte jeder sehen, warum die Gemeinsamkeiten zwischen den ehemaligen Volksparteien aufgebraucht sind. Sie haben viel erreicht, sind aber derart in taktischen Winkelzügen gefangen, dass es keinen Ausweg gibt, es sei denn, die Bundeskanzlerin gibt den Sozialdemokraten abermals ihren Willen und opfert den Rest Selbstbehauptungswillen der Union. Der Historiker Andreas Rödder rief angesichts der Lage – vorsichtig, wie man es mit zeitgeschichtlichen Analogien sein soll – in Erinnerung, dass die große Koalition im Frühjahr 1930 ebenfalls an einer scheinbaren Petitesse gescheitert war: an der Erhöhung des Beitragssatzes zur Arbeitslosenversicherung um 0,5 Prozent.

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Das war eine recht lehrreiche Ausgabe von „hart aber fair“. Noch lehrreicher freilich war die Sendung von vor drei Wochen, in der es – noch unter dem Eindruck des Attentats von Halle – um das Thema Antisemitismus ging (F.A.Z. vom 16. Oktober). In den Augen der „Neuen Deutschen Medienmacher*innen“ aber ist das alles nicht nur nichts wert, sondern nachgerade gefährlich. Was „hart aber fair“ leiste, sei, genauso wie das Wirken von „Maischberger“, „Anne Will“ und „Maybrit Illner“, vielmehr ein Beispiel „für besonders unterirdische Berichterstattung“. Probleme und Konflikte würden hier „immer wieder grob“ überzeichnet, Vorurteile verfestigt und es werde „gegen journalistische Standards verstoßen“.

So begründet die Gruppe, die sich als „Interessenvertretung für Medienschaffende mit Migrationsgeschichte“ versteht und nach eigenem Dafürhalten „für eine ausgewogene Berichterstattung“ eintritt, „die das Einwanderungsland Deutschland adäquat wiedergibt“, und dafür von der Bundesregierung mit mehr als einer Million Euro pro Jahr unterstützt wird die Vergabe ihres Medienpreises „Goldene Kartoffel“ an die Talkshows von ARD und ZDF. Deren Ankündigungen seien „oft reißerisch und mit plumpen Fragen versehen“, die Inhalte förderten Klischees, bei Migrationsthemen zeichneten sie sich durch „Vorurteile und Panikmache“ aus, die Gästeauswahl sei „häufig diskriminierend“, bestechend sei die „ständige Abwesenheit von Schwarzen Menschen und People of Color“, stattdessen schenkten die Talkshows „Rechtsradikalen und Rassisten immer wieder Sendezeit“. Rassismus werde hier „behandelt wie jeder andere Standpunkt auch“.

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Mit dieser Suada, die durch keinerlei Kenntnis gestützt ist, setzen die „Neuen Deutschen Medienmacher*innen“ das I-Tüpfelchen auf die Vernichtungsrhetorik, der die Talkshows seit geraumer Zeit ausgesetzt sind. Sie gefährdeten die Demokratie, lautet die These, geäußert vor allem seit der Zeit, in der Themen wie die Flüchtlingskrise oder islamistischer Terror auf der Agenda standen, was Meinungsmachern mit ideologisch festgefügtem Deutungsraster, die bestimmen wollen, über was und mit wem geredet wird, nicht passt. Sie gehen die Debattenkultur in den Medien und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit derselben Masche an, wie es extreme Gruppen zurzeit an den Universitäten tun: Unter dem Banner vermeintlicher Diversität wird Vielfalt vernichtet, im Namen der Inklusion wird jeder exkludiert, der nicht ins nach Herkunft und Hautfarbe entworfene Muster passt.

Maybrit Illner und ihre „Kolleg*innen“ haben auf die Preisvergabe in einem offenen Brief die richtige Antwort gefunden. Sie zählen darin ein paar der bei ihnen geladenen Gäste „mit internationaler Geschichte“ auf und wehren sich insbesondere gegen die Unterstellung, Rassismus und Antisemitismus würden bei ihnen behandelt „wie jeder andere Standpunkt auch“. Diesen Vorwurf weise man entschieden zurück, er gehe „gegen unser Berufsethos, gegen alle persönlichen Überzeugungen“, und man nehme nur die Preise an, „die wir verdient haben“. Die journalistische Freiheit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen indes hat es verdient, gegen ideologisch verbogene Kritik verteidigt zu werden.

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Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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