TV-Kritik: Maischberger

Ein lyrischer Abend mitten im Wahlkampf

Von Frank Lübberding
16.09.2021
, 06:33
Ulrich Wickert bei Sandra Maischberger
Im Wahlkampf ist vieles möglich: mit den Tücken der Lyrik kämpfende Politiker genauso wie Journalisten als Wahlkämpfer. Bei Sandra Maischberger lernten die Zuschauer so immerhin einen längst vergessenen Dichter kennen.

Dieser Bundestagswahlkampf hat jetzt auch seine lyrische Note. Eingebracht hat sie Sandra Maischberger mit der Frage nach dem deutschen Lieblingsgedicht, die sie Marco Buschmann (FDP) und Tino Chrupalla (AfD) stellte. Buschmann rezitierte daraufhin eine Strophe aus dem 1848 entstandenen Gedicht „Was ist die Freiheit?“ des österreichischen Lyrikers Friedrich Halm. Textsicher konnte man den Vortrag zwar nicht nennen, aber dass die deutsche Lyrik einen Einfluss auf die liberale parteipolitische Prosa hat, ist auch nicht anzunehmen. Immerhin konnte sich Buschmann mit einem Gedicht aus einer Affäre ziehen, die zweifellos die meisten lebenden Angehörigen einer früheren Nation der „Dichter und Denker“ überfordert hätte. So wagte Frau Maischberger noch während der Rezitation die Anmerkung, sie müsste aufpassen, „welche Fragen sie stelle.“

„Nachtgedanken“

Den Eindruck hatte man allerdings nicht, schließlich musste Chrupalla noch eine Antwort geben. Die fiel so aus, wie es zu erwarten war. Er hatte nichts anzubieten, außer den Hinweis auf Heinrich Heines berühmten Vers: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Der Titel „Nachtgedanken“ fiel ihm nicht ein, ein weiterer Vers auch nicht. Es war halt eine aus der Not geborene Phrase. Allerdings wollte ihn die Moderatorin anschließend noch als Kulturbanausen vorführen. Das Gedicht meine doch Heines Mutter, so wenigstens ihre fragmentarische Erinnerung an die „Nachtgedanken“. Mit diesem Versuch, Heine sogar noch den politischen Kontext auszutreiben, machte es Frau Maischberger allerdings noch schlimmer. Wahrscheinlich werden sich die Germanisten unter den Zuschauern das bisweilen schüttere Haupthaar gerauft haben.

Selbstredend hielt die Mehrheit der Deutschen den röhrenden Hirsch an der Wohnzimmerwand schon immer eher für Kunst als die weithin unbekannte Lyrik Heines. Jetzt könnte man an Erich Kästners Mahnung „Was auch immer geschieht“ erinnern: „Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“ Frau Maischberger hat sich sogar durch den eigenen Kakao gezogen, was nicht jedem gelingt. Aber vor allem machte diese Szene den Irrsinn deutlich, unter allen Umständen einen AfD-Politiker als Banausen vorführen zu wollen. Dabei war das gar nicht nötig. Zwar gab es zwischen Buschmann und Chrupalla durchaus Übereinstimmung in einzelnen Sachfragen, was aber unter normalen Umständen niemanden aufregen müsste. Die programmatischen Differenzen aber etwa in der Migrationspolitik wurden für jeden Zuschauer deutlich.

Dafür kam der AfD-Vorsitzende auch ohne Kakao ins Schwimmen, als er die politischen Positionswechsel der AfD erklären sollte. Natürlich änderte jeder seine Einschätzungen auf Grundlage neuer Erkenntnisse, so argumentierte auch Chrupalla. Nur hatte die AfD das gleiche Problem wie alle anderen Parteien: Wie geht sie mit den unterschiedlichen Einschätzungen in der eigenen Wählerschaft über das mit der Pandemie verbundene Risiko um? Und hier dominierte auch bei der AfD das politische Kalkül über die Sachfrage. Da beißt die Maus nun einmal keinen Faden ab, um das an diesem lyrischen Abend einmal so auszudrücken. Allerdings war Buschmann auch nicht überzeugend. So machte er eine hohe Impfquote plötzlich zur Voraussetzung für die Aufhebung der epidemischen Notlage von nationaler Tragweite durch den Bundestag. Nur hatte die FDP deren erst kürzlich beschlossene Verlängerung abgelehnt, damals ohne Hinweis auf die Impfquote. Warum er das nicht deutlich machte, blieb ein Rätsel.

Bundestagswahlen in West-Berlin

Das konnte auch Dieter Hallervorden nicht lösen, obwohl er am 26. September die FDP wählen wird. Zwar fand er deutliche Worte gegen Impfverweigerer, aber ansonsten sprach er bisweilen in Rätseln. So versuchte sich Frau Maischberger nicht nur in Lyrik, sondern gleich noch in Zeitgeschichte. Sie fragte Hallervorden, wie er die erste Bundestagswahl nach seiner Flucht aus der DDR im Jahr 1961 empfunden hätte. Der schilderte das sehr anschaulich, inklusive des Kontrastprogramms zum Wählen in der DDR. Das alles hatte nur ein Problem: Bis 1990 durften die West-Berliner wegen des Viermächtestatus an Bundestagswahlen nicht teilnehmen. Zudem machte der Gründer des Berliner Kabaretts „Die Wühlmäuse“ den Vorschlag, Chrupalla mit einigen Fragen „zu stellen.“ Etwa was der AfD-Politiker tun werde, wenn einige Deutsche gegen Ausländer handgreiflich würden. Wahrscheinlich antwortete dieser dann nicht so, wie es Hallervorden erwartet. Wir erinnern an Erich Kästner, dessen Ratschlag bekanntlich auf jede Lebenslage passt. Letztlich wurde aber bei Hallervorden vor allem die tiefe Frustration deutlich, die im Kulturbetrieb nach achtzehn Monaten Pandemiebekämpfung festzustellen ist. Sein Theater hätte lediglich eine Auslastung von dreißig Prozent, trotz eines von Kritikern hoch gelobten Programms und einem überzeugenden Hygienekonzept.

Das könnte unter Umständen an der Mentalität liegen, die der frühere Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert vertritt. Er sei eher vorsichtig und meide Massenveranstaltungen, wie sie jetzt ohne Restriktionen in Dänemark wieder möglich sind. Unser nordischer Nachbar orientierte sich aber in seinem schon vor Monaten verabschiedeten Stufenplan keineswegs an eine Impfquote, wie es gestern Abend wieder behauptet wurde, sondern machte die schrittweise Öffnungspolitik von der Verfügbarkeit des Impfstoffes abhängig. Das war im Frühjahr sogar die Position der Bundesregierung, die sie aber aufgab, aus welchen Gründen auch immer. Seitdem bemühen wir uns lediglich noch um den Nachweis, was bei uns alles nicht möglich ist. Wir befinden uns wenige Tage vor der Bundestagswahl offenbar in einem epidemischen Niemandsland, wo alle allmählich den Verstand verlieren. So etwa die früher eher bedächtig, aber durchaus handfest argumentierende Ulrike Herrmann. Es könne kein Recht sein, so die taz-Journalistin, „andere zu töten, weil ich mich nicht impfen lassen will.“

Das Impfen wird auf diese Weise zur Obsession, weil es gewissermaßen eine Art Naturzustand ohne Sars-CoV-2 insinuiert. Wenn wir eine entsprechende Impfquote erreichen, dürfte also niemand mehr durch eine respiratorische Infektionskrankheit sterben, so die Logik hinter dieser Argumentation. Das ist eine absurde Idee, aber Frau Herrmann war auch ansonsten in Hochform. Sie machte das polemische Schlagwort auf Twitter namens #Laschetlügt gesellschaftsfähig. So nannte sie die berechtigte Kritik am Vorgehen der Staatsanwaltschaft in Osnabrück einen „Justizskandal“ und titulierte die Durchsuchung im Bundesfinanzministerium als „Wahlkampf für die CDU.“ Schließlich sei der zuständige Oberstaatsanwalt in der CDU „aktiv gewesen.“ Allerdings hätte Frau Herrmann die Unabhängigkeit der Justiz mit den wärmsten Worten verteidigt, wenn Laschet mit vergleichbarer Rhetorik die erstinstanzliche Entscheidung des Verwaltungsgericht Köln über den Polizeieinsatz im Hambacher Forst kritisiert hätte. Dabei war diese genauso schlecht begründet, wie der Durchsuchungsbeschluss aus Osnabrück.

Hoffnung auf Rückkehr zur Normalität

Trotzdem wurde nicht nur bei Hallervorden deutlich, wie sehr man sich von der Impfquote eine Rückkehr zur Normalität verspricht. Gleichzeitig verbaut man sich diese nicht zuletzt durch den Obskurantismus, den Frau Herrmann in ihrer Funktion als Wahlkämpferin deutlich machte. Dabei machte sie durchaus wichtige Anmerkungen. Etwa die Hoffnung vieler Unternehmen auf eine grüne Regierungsbeteiligung, damit wenigstens in der Klimapolitik verlässliche ordnungspolitische Rahmenbedingungen möglich werden. Das liegt aber weniger am unfähigen Laschet, wie Frau Herrmann meinte. Vielmehr müsste sie dann weniger Quatsch in Talkshows erzählen, weil die Grünen endlich wieder mitregieren dürfen.

Aber dieser Wahlkampf ist spannend wie nie, so der Publizist Wolfram Weimer. Zudem verwies er auf die laut einer Umfrage des Allensbach-Instituts vierzig Prozent Wähler, die sich immer noch nicht entschieden haben. Ob diese Talkshow bei deren Entscheidungsfindung geholfen hat, lässt sich nicht feststellen. Aber um diese Dichterlesung mit zeitgeschichtlicher Unbeholfenheit abzurunden, wollen wir noch einmal Buschmanns Lieblingsdichter Friedrich Halm zitieren. Sein Gedicht heißt „Entschluß“ und bringt diesen Wahlkampf auf den Punkt: „Ich will! — Das Wort ist mächtig. Spricht's Einer ernst und still; Die Sterne reißt's vom Himmel, Das eine Wort: Ich will! —“. Den guten Willen sollte man weder der Gastgeberin noch ihren Gästen absprechen.

Quelle: FAZ.NET
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