TV-Kritik: Sandra Maischberger

Journalismus im Bunker

Von Frank Lübberding
Aktualisiert am 04.06.2020
 - 07:22
Sandra Maischberger im Gespräch mit der Germanistin Priscilla Layne.zur Bildergalerie
In ihrer letzten Sendung vor der Sommerpause geriet Sandra Maischberger mit einer harmlosen Sendeankündigung ins Kreuzfeuer von Politaktivisten. Wir sehen, wie der Journalismus in polarisierten Gesellschaften unter Druck gerät.

Bisweilen helfen alte Fußballer-Erkenntnisse, auch wenn sie keine wissenschaftliche Begründung haben. So formulierte einst ein Mittelstürmer seinen Kommentar zum Spiel mit den klassisch gewordenen Worten: „Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.“ Das lässt sich auch über die letzte Sendung von Sandra Maischberger vor der Sommerpause sagen.

Das fehlende Glück betraf eine Ankündigung auf Twitter. Dort hatte die Redaktion auf den Aktualitätsbezug der Sendung hinweisen wollen. Schließlich geht es dort um die Themen der Woche. Allerdings gab es in den vergangenen Monaten jede Woche nur ein Thema, was sich aber durch die Vereinigten Staaten plötzlich veränderte: Der Tod eines Afroamerikaners George Floyd während einer Festnahme in Minneapolis hatte schneller die Schlagzeilen dominiert als gedacht. Das konnte bei der Planung dieser Sendung sicherlich noch niemand wissen, entsprechend hatte die Redaktion ihre Gäste ausgewählt: Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) und die Virologin Helga Rübsamen-Schaeff als Interviewgäste. Als Kommentatoren waren wie meistens drei Journalisten eingeladen: Anja Kohl, Dirk Steffens und Jan Fleischhauer.

Politaktivisten übernehmen das Ruder

Das alles war wenig aufregend, aber dann kam das fehlende Glück ins Spiel. Denn um die Zuschauer auch noch um 23 Uhr vor den Fernseher zu locken, musste die Aktualität herausgestellt werden. Das Virus interessiert plötzlich kaum noch einen, dafür ist Rassismus und Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten das alles beherrschende Thema. So wollte Sandra Maischberger auch über Rassismus reden, was aber sogleich die politischen Aktivisten in den sozialen Netzwerken auf den Plan rief. Wie kann sie bloß über Rassismus reden, ohne Betroffene einzuladen?

Das war selbstverständlich nicht Sandra Maischbergers Absicht. Es gehörte schon immer zu ihren herausragenden Qualitäten, gerade mit Betroffenen gute Gespräche zu führen. Zudem redet die Moderatorin sogar immer noch mit AfD-Politikern über die AfD, was aber in den sozialen Netzwerken nur selten als Ausdruck eines dem Pluralismus verpflichteten Journalismus interpretiert wird.

Jedem das Wort erteilen

Jedem das Wort zu erteilen, damit sich der Zuschauer eine Meinung bilden kann, gilt dort als altmodisch. Man will nämlich nur die eigene Meinung hören. Durch die Fixierung der Redaktion auf den zeitgenössischen Politaktivismus nahm das Desaster seinen Lauf. Anstatt das mediale Theater, das sich vor allem bei Twitter abspielte, einfach zu ignorieren, geriet man in eine fatale Rechtfertigungslogik. Dabei bestand dazu überhaupt kein Anlass. Weder die beiden Interviewgäste noch die drei Kommentatoren sollten über ihre Erfahrungen mit der amerikanischen Polizei als Afroamerikaner berichten. Trotzdem hat ein Bundesaußenminister etwas zur Situation beim wichtigsten Bündnispartner zu sagen, genauso wie Fleischhauer als langjähriger Amerika-Korrespondent des „Spiegel.“ Der Korrespondent einer amerikanischen Zeitung kann bekanntlich auch über den grassierenden Antisemitismus in Deutschland berichten, selbst wenn er kein Jude sein sollte. Zudem hatte man ganz sicher nicht eine Virologin eingeladen, um über Rassismus zu diskutieren.

Das alles sind journalistische Selbstverständlichkeiten, doch den Politaktivisten ging es nicht um Journalismus: Sie wollten Macht ausüben, um die Redaktion auf ihre politische Linie einer schlichten Identitätslogik zu zwingen. So sah sich Sandra Maischberger genötigt, ihre Sendung nach den Vorgaben der Politikaktivisten zu gestalten. Das Ergebnis war ein Interview mit der afroamerikanischen Germanistin Priscilla Layne, zugeschaltet aus North Carolina.

Sicherlich werden die zumeist älteren Zuschauer der ARD vom politischen Grabenkrieg auf Twitter nichts mitbekommen, aber dafür den improvisierten Charakter des Interviews bemerkt haben. Das Gespräch mit Maas wurde unterbrochen, um plötzlich nicht mehr über Außenpolitik zu sprechen. Es hätte sich zweifellos gelohnt, über die Erfahrungen von Priscilla Layne mit der amerikanischen Polizei und über ihre Einschätzung der politischen Strategien der Schwarzen in den Vereinigten Staaten weiter zu diskutieren. Oder über ihren aufschlussreichen Schlusssatz, wo sie in den vergangenen Monaten bei der Pandemie und bei bei den gegenwärtigen Protesten „Leadership“, also Führungsfähigkeit vermisste. Aber wie macht man das in einer Gesellschaft, in der sich politisch interessierte Menschen nur noch hassen anstatt über Meinungsunterschiede zu diskutieren?

Dazu kam es aber nicht, weil das Interview erkennbar nur einem Zweck diente: Sich aus der Schusslinie zu bringen. Das ist aber nicht der Sinn von Journalismus. Wenn Journalisten sich so verhalten, landen sie in jenem Bunker, den der amerikanische Präsident neuerdings in seinem Amtssitz nur besucht haben will. Dort könnten die Journalisten aber immerhin über die allseits beklagte Polarisierung nachdenken, die seit jeher als ein System kommunizierender Röhren funktioniert. Erst über die Interpretation der Kritiker verstehen schließlich die Anhänger von Donald Trump, was er gemeint hat.

Wo war der Skandal?

So fehlte der Redaktion das Glück bei einer harmlosen Sendeankündigung, die zum Skandal aufgeblasen wurde. Jetzt kam aber noch das erwähnte Pech dazu. Eines der Themen war das für den Anfang dieses Monats angekündigte Konjunkturprogramm der Bundesregierung. Um kurz vor 23 Uhr fand die Pressekonferenz der Koalitionsparteien statt. Dort ließ man eine Bombe platzen, deren Ticken vorher kaum jemand gehört hatte.

Vom kommenden Monat an sollen bis Ende des Jahres die Mehrwertsteuersätze gesenkt werden. Die ARD wies sogleich mit einer Einblendung darauf hin, dass die Sendung um 21 Uhr aufgezeichnet worden sei. Sie wurde damit schlagartig älter als die berühmte Tageszeitung von gestern. Die bis gestern Abend hoch umstrittene Verkaufsförderung namens Abwrackprämie für die Autoindustrie war vom Tisch. Der Koalition war ein echter Coup gelungen, den kaum jemand erwartet hatte.

Allerdings bewies Anja Kohl als Wirtschaftsredakteurin der ARD eine bemerkenswerte Zielsicherheit. Sie schlug eine allgemeine Senkung auf den reduzierten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent vor. Ihre wirtschafts- und finanzpolitische Begründung entsprach den Erklärungen, die auch auf der Pressekonferenz der Koalitionsparteien zu hören waren. Das überzeugte schließlich sogar Fleischhauer, dessen Sympathien für eine Politik des Staatsinterventionismus sich ansonsten in Grenzen halten. Trotzdem hatte Sandra Maischberger wirklich Pech: Es wäre ein Knüller gewesen, wenn die drei Kommentatoren und der Bundesaußenminister noch während der Sendung diese Ergebnisse hätten kommentieren können.

Dazu kam es nicht, trotz des späten Aufnahmetermins. So erfuhren die Zuschauer leider nicht, wie Anja Kohl die temporäre Rückkehr zum allgemeinen Mehrwertsteuersatz des Jahres 2005 beurteilt hätte. Eine schlagartige Senkung um zwölf Prozentpunkte von neunzehn auf sieben Prozent hätte zweifellos einen Nachfrageboom bei jenen Konsumenten ausgelöst, die über Ersparnisse verfügen oder Einkommensverluste aus der Berufstätigkeit nicht befürchten müssen. Selbst die begabtesten Marketingexperten hätten dem Konsumenten nicht mehr eine entsprechende Erhöhung des Nettopreises verkaufen können, wie es noch bei der Mehrwertsteuersenkung auf Damenhygieneartikel passiert war.

Solche Steuersenkungen ändern nichts an der Wettbewerbssituation, weshalb Produzenten dazu neigen, die gute Gelegenheit für ansonsten unpopuläre Preiserhöhungen zu nutzen. Dafür braucht man sich noch nicht einmal absprechen, alle wissen das auch so. Für den nicht Vorsteuer abzugsfähigen Konsumenten zählt nämlich allein der Bruttopreis, gleichgültig wie die Verteilungsrelationen zwischen dem Staat und den Unternehmen aussehen. Die Mehrwertsteuer ist deshalb für die Unternehmen ein durchlaufender Posten, den immer die Konsumenten bezahlen.

Immerhin könnte die unverbindliche Preisempfehlung von Herstellern jetzt wieder ein überzeugendes Argument werden. Deren Unverbindlichkeit hatte für den Händler schon immer den Charme, seine Kunden von der eigenen Großzügigkeit zu überzeugen. Außerdem dürfen sich die Programmierer auf Überstunden freuen, um die Datenverarbeitungssysteme der Unternehmen mit dieser überraschenden Entscheidung vertraut zu machen. Die sind allerdings bei abhängig Beschäftigten entsprechend zu versteuern, während Freiberufler diese Senkung nutzen sollten, um eine entsprechende Liquiditätsreserve aufzubauen.

So erleben wir ein für Ökonomen spannendes Experiment über den Einfluss der Steuerpolitik auf die Preisbildung auf höchst unterschiedlichen Märkten. Die gleich dem Staat zu überlassen, hat übrigens noch nie funktioniert. Das als Hinweis für historisch interessierte Zeitgenossen. Zudem ist es durchaus gerechtfertigt, die in dieser Krise bisweilen dramatisch verschlechterte Ertragslage der Unternehmen zu stabilisieren.

Zum Schluss ging es im Interview mit Helga Rübsamen-Schaeff noch um die Frage, wann ein Impfstoff gegen den neuartigen Coronavirus zu erwarten sei. Sie ließ eine gewisse Skepsis durchblicken, die selbst ein Scheitern wie bei der Suche nach einem Impfstoff gegen das HIV-Virus nicht ausschloss. Das war aber erstmals seit Monaten nur noch die virologische Begleitmusik zu einer von anderen Themen dominierten Sendung. Etwas mehr Glück und etwas weniger Pech wäre Sandra Maischberger für den 4. August zu wünschen: Dann endet ihre Sommerpause.

Quelle: FAZ.NET
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