TV-Kritik „Maischberger“

Weit weg von der Lebensrealität

Von Julia Anton
15.11.2018
, 06:37
Vier gegen einen in der Diskussion bei Sandra Maischberger. Lösungen allerdings Null.
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Werden Frauen in Deutschland noch immer benachteiligt? In der Talkshow von Sandra Maischberger entwickelt sich eine eindeutige Konstellation – doch die Diskussion hat wenig mit dem wirklichen Leben zu tun.
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Die Frage, wie gleichberechtigt Männer und Frauen denn nun sind, wird in der Talkshow von Sandra Maischberger am Mittwoch häufiger mal als „retro“ bezeichnet. Tatsächlich hat sich zuletzt auch einiges zurückentwickelt, zum Beispiel der Frauenanteil in deutschen Bundes- und Landtagen. Der ist nämlich in den vergangenen Jahren wieder gesunken. Das veranlasste sogar die Bundeskanzlerin Anfang der Woche zu einer Äußerung. Ungleiche Teilhabe scheint also doch noch ein aktuelles Thema zu sein, zumal es ja auch nie offiziell ad acta gelegt wurde.

Der Journalist Hajo Schumacher schaut bei Maischberger also nach vorn. In die Zukunft seiner Enkel, die kaufen nur noch bei paritätisch geführten Unternehmen ein, in denen es auch gleichen Lohn für gleiche Arbeit gibt. Er müsste sich nur noch mit der Grünen Fraktionsvorsitzenden im bayerischen Landtag, Katharina Schulze, einigen, wie viel Geduld wir bis dahin brauchen, säße nicht Unternehmensberater Reinhard Sprenger ebenfalls in der Sendung. Er liefert den einzigen richtigen Streitpunkt zum Titelthema „Kaum Chefinnen, weniger Geld“.

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Denn während sich die geladenen Frauen und Schumacher zumindest auf eine anhaltende Benachteiligung einigen können, glaubt Sprenger die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern längst überwunden, inklusive der „Gender Pay Gap“ – dem Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern in gleichen Berufen. Diskriminierung drohe mittlerweile eher den Männern. Daran ändert auch nichts, dass das Statistische Bundesamt die bereinigte Lohnlücke 2014 mit sechs Prozent beziffert hat, natürlich zum Nachteil der Frauen. „Das zweifel‘ ich an“, sagt Sprenger, und darf trotz Tadel von Schulze seine eigenen Fakten präsentieren: Weil mittlerweile so dringend nach Frauen in Vorständen gesucht wird, verdienen diese längst mehr als die Männer.

Die Überraschung über die Zweifel Sprengers am Statistischen Bundesamt sitzen da wohl noch zu tief. Denn Maischberger verpasst die Frage, wie viele Frauen in solchen Positionen es überhaupt gibt, und inwiefern das aussagekräftig für die Gehaltsdifferenzen jenseits von Vorstandsmitgliedern ist. Denn auch wenn Frauen in Vorstandspositionen – bei den Dax-Unternehmen sind es übrigens weniger als 30 – mittlerweile gleich oder sogar mehr Geld verdienen sollten, löst das nicht zwingend die „Gender Pay Gap“ als Ganzes.

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Quote im Zentrum der Diskussion

Wie in diesem Beispiel verweilt die Sendung die meiste Zeit weit weg von der Lebensrealität der meisten Frauen. Statt beispielsweise über die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder über Geschlechterklischees in der Kindererziehung zu sprechen, bleibt eine Frauenquote für Spitzenpositionen in der Wirtschaft und der Politik der einzig ausführlich diskutierte Lösungsansatz, bei dem die Positionen noch dazu festgefahren sind. Sprenger ist und bleibt als Einziger, aber umso vehementer, dagegen und will auch nicht über von Schulze angeführte Studien sprechen, dass gemischte Teams erfolgreicher sind. In andere Länder wird überwiegend mit der Feststellung geschaut, dass dort irgendwas nicht funktioniert hat. Verbesserungsvorschläge oder andere weiterführende Ideen zieht daraus aber keiner, über die Quote wird weiter vier gegen einen ohne Vorankommen gestritten.

Der Fokus auf diese mag sicherlich auch der Tatsache, dass Angela Merkel eine solche Quote Anfang dieser Woche ins Spiel gebracht hat, geschuldet sein. Zumindest für den von einer anhaltenden Ungleichbehandlung überzeugten Zuschauer bleibt aber die Frage: Wie kann man Ungleichheit noch angehen, wenn Unternehmer wie Sprenger sich so vehement gegen eine Quote wehren und schon vor einem ersten Entwurf Bedenken laut werden, eine solche Quote sei nicht mit der Demokratie in Einklang zu bringen?

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„Leider“ schwanger

Stichworte zu anderen lösungsbedürftigen Problemen hätte es gegeben. Zum Beispiel die Rabenmutter oder überhaupt das Kinderthema. Die sonst wenig sichtbare ehemalige Gewerkschafterin Ursula Engelen-Kefer beschreibt die Vorwürfe, die arbeitenden Müttern teilweise heute noch begegnen – und viele auch einschüchtern, wie Judith Williams ergänzt. Laut Sprenger werden auch nicht alle Frauen diskriminiert, sondern „nur Mütter“. Wie verankert Kinder in der Vorstellung als karriereschädigend sind, zeigt sich sogar in der Sendung selbst: Nämlich als Maischberger zu Beginn Judith Williams, bekannt aus der Jury der TV-Show „Höhle der Löwen“, vorstellt. Die gründete nämlich 2007 ihr eigenes Unternehmen und wurde dann, so Maischberger, „leider“ schwanger. Natürlich sind die ersten Gründerjahre nicht gerade das, was die meisten als „ideale“ Zeit für ein Baby bezeichnen würden, insbesondere, wenn man – wie Williams – die neuen Pflichten und Herausforderungen nicht mit dem dazugehörigen Partner oder der Partnerin teilen kann. Das „leider“ impliziert aber auch: Wer ein Kind hat, kann ja kein eigenes Unternehmen führen. Dabei beschäftigt Williams heute 150 Mitarbeiter, es kann also auch anders gehen.

Zwar angeschnitten, aber nicht weiter verfolgt wird auch die Tatsache, dass Frauen häufig in schlechter bezahlten Branchen arbeiten. Kurz werden Fragen aufgeworfen: Warum werden diese „Frauenjobs“ eigentlich schlechter bewertet? Braucht es mehr Frauen in Männerjobs – und wenn ja, nicht auch mehr Männer in Frauenjobs?

Es wird klar: Die am Anfang der Sendung angeführten 5000 Jahre Benachteiligung von Frauen, die lassen sich in 60 Minuten nicht ändern – vor allem, wenn sich nicht alle einig sind, dass sich überhaupt etwas ändern muss.

Eines der wechselnden Hintergrundbilder der Sendung zeigt ein Tauziehen zwischen Mann und Frau. Gewonnen hat es zumindest in dieser Sendung keiner – vielleicht, weil es auch einfach das falsche Bild ist. Eine wichtige Erkenntnis stand die meiste Zeit nur zwischen den Zeilen: Dass der Kampf gegen Ungleichheiten die Zusammenarbeit von Männern und Frauen erfordert.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Anton, Julia
Julia Anton
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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