Ende des Zweiten Weltkriegs

Zurück zur Stunde null

Von Ursula Scheer
25.04.2015
, 10:18
„1945 – 12 Städte, 12 Schicksale“ auf Vox
Zwölf Stunden lang geht es um das Ende des Zweiten Weltkriegs. Prominente erzählen, was sie teils Grauenhaftes erlebten – auf der Flucht, an der Front, in ihren Heimatstädten. Was lernen wir aus dem Rückblick?
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Vox hat sich viel vorgenommen: ein Panorama Deutschlands im Jahr 1945 aufzureißen, einen großangelegten Überblick über die letzten Kriegstage zu liefern, die „Stunde null“ und die Erinnerungen zahlreicher bekannter und weniger bekannter Menschen an das Leben unter dem Hakenkreuz und den Zusammenbruch der Diktatur, der vielen erst allmählich als Befreiung ins Bewusstsein rückte. Zwölf Stunden Sendezeit hat der Sender für dieses ambitionierte Geschichtsprojekt reserviert und richtet in seiner Dokumentarreihe „1945 – 12 Städte, 12 Schicksale“ nacheinander den Blick auf die Ereignisse in mehr als einem Dutzend Städte im und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg: Köln, Wiesbaden, Bad Hersfeld, Nürnberg, Leipzig, Augsburg, Braunschweig, Linz, Wien, München, Plauen, Pilsen, Amsterdam und Berlin.

Zwölf Stunden Zeitmangel

Die von Michael Kloft entwickelte und von Steffen Hallaschka moderierte Reihe holt neben zahlreichen unbekannten Zeitzeugen auch Prominente vor die Kamera. Jean Pütz berichtet von Luftangriffen auf Köln, Hans-Dietrich Genscher von seiner Flucht als Soldat vor der Roten Armee. Auch Hardy Krüger, Hellmuth Karasek und Ingrid van Bergen teilen mit, was sie auf der Flucht, an der Front, in ihren Heimatorten teils Grauenhaftes erlebten. Hinterfangen werden ihre Aussagen von Archivmaterial vor allem aus amerikanischen Beständen, darunter digital rekonstruierte Farbfilme aus dem zerstörten Deutschland, die in den National Archives in Washington liegen.

All das sendet Vox an einem Stück weg, einen halben Tag lang, und zwar am heutigen Samstag von 12 Uhr mittags an bis um Mitternacht. Zweite-Weltkriegs-Binge-Watching, sozusagen. Es stellt sich nur die Frage: Wozu? Um Zuschauer ganz eintauchen zu lassen? Um den Panorama-Effekt voll zum Tragen zu bringen? Um den im Kern so oder so ähnlich schon vielfach erzählten Geschichten zu neuer Wucht und Dringlichkeit zu verhelfen, auch noch siebzig Jahre danach? Doch für all das hätte sich diese nur der Ankündigung nach episch auftretende Dokumentarfilm-Fülle etwas nehmen müssen, an dem es ihr auf paradoxe Weise mangelt: Zeit.

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Düsterer Bilderreigen und Doku-Fetzen

Statt einen Weg durch die Fülle des Materials zu bahnen, zu verweilen, wo Worte Gewicht bekommen, statt zuzuhören und denen, die aus eigener Anschauung sprechen, Raum zu geben, springt „1945“ hastig von Gesprächsfetzen zu Dokufilm-Fetzen, zu Moderations-Fetzen und zurück, von Person zu Person und wieder zurück, vom Speziellen zum Allgemeinen und holperig in der Chronologie der Ereignisse voran. Das Panorama zersplittert in ein Mosaik, das sich nicht fügt. So wird Geschichte nicht „lebendig“, wie es in der Anmoderation heißt, so erklärt sich auch wenig, so zerfällt alles zu einem düsteren Bilderreigen aus der Nazizeit.

Sehenswert macht die Filme das herausragende Material, das stundenweise immer besonders Zuschauer, die mit einem der Orte verbunden sind, interessieren wird. Dass wir kaum Gelegenheit haben, mehr als Stichworte von denen zu hören, für die vor siebzig Jahren dort ein neues Leben begann, ist mehr als eine vertane Chance.

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1945 – 12 Städte, 12 Schicksale läuft am Samstag von 12 Uhr an auf Vox.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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