Fernseh-Frühkritik „Beckmann“

Der Feind steht rechts

Von Frank Lübberding
11.10.2013
, 06:52
Kind von „guten Nazis“: Hardy Krüger arbeitet gegen das Vergessen
Die Erfahrungen der Erlebnisgeneration sind so einzigartig, wie schrecklich. Aber welche Bedeutung haben sie noch beim Kampf gegen die heutigen Rechtsextremisten?
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„Meine Eltern waren Nazis, aber nicht böse. Sie waren verblendet.“ „Alle Nazis waren böse. Punkt.“ Diese Sätze markieren nicht nur die Sendung von Reinhold Beckmann gestern Abend. Sie stehen zugleich für die Nachkriegsgeschichte Deutschlands, die offenkundig immer noch ohne die Vorgeschichte des Krieges und der Nazi-Diktatur nicht zu denken ist.

Den ersten Satz formulierte der Schauspieler Hardy Krüger (85). Den anderen die Journalistin und Autorin Inge Deutschkron (91). Beide muss man nicht mehr vorstellen. Sie haben auf ihre Art die Bundesrepublik bis heute mitgeprägt, so unterschiedlich ihre Lebenswege auch gewesen sind. Bei Beckmann wurde aber deutlich, warum man bei ihnen von der Erlebnisgeneration spricht. Ihre Schicksale sind ohne die Zeit bis 1945 nicht zu denken.

Da ist der Junge aus einem überzeugten Nazi-Elternhaus, der auf eine Nazi-Eliteschule geht und zugleich in seiner kurzen Zeit bei der Berliner UFA von einem älteren Kollegen, Hans Söhnker, vom verbrecherischen Charakter der Diktatur überzeugt wird. Auf der anderen Seite die junge Frau Deutschkron, die wie ihre Zeitgenossen Hans Rosenthal und Gerhard Löwenthal in Berlin als Jüdin überleben konnte. Es betraf wenige Jahre und prägte doch ein ganzes Leben.

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Hitler-Büste auf dem Klavier

Das ist in dieser Form für die Nachgeborenen nicht mehr nachvollziehbar. Es gibt zwar persönliche Schicksalsschläge, aber keine politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die sprichwörtlich alles überschatten. Wenn Krüger und Deutschkron ihr Verhältnis zu den Eltern beschreiben, so wird deutlich, dass diese Beziehung ohne diese Erfahrungen nicht zu denken ist. Ob es nun die Loyalität von Krüger zum Elternhaus betrifft oder Frau Deutschkrons Beziehung zu einem Vater, der den Krieg in England erlebte.

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Mit dieser Gewalterfahrung von Diktatur und Krieg wird alles Persönliche politisch aufgeladen. Man kann eben nicht einfach von dieser Erfahrung politisch abstrahieren. Wenn in Krügers Elternhaus die Hitler-Büste auf dem Klavier steht, er sie aber gleichzeitig als liebevoll in Erinnerung behalten hat, kann er sie nicht einfach als „böse Nazis“ klassifizieren. Nun wurde nicht jeder Nazi zum Verbrecher. Nur haben eben die meisten Deutschen etwa bei den Deportationen weggesehen, und später behauptet, „nichts gewusst zu haben“.

Da wird es Frau Deutschkron wenig genutzt haben, wenn diese Deutschen gute Eltern waren. Obwohl sie gleichzeitig nur durch die Hilfe von Freunden und Bekannten in Berlin überleben konnte. Beckmann nannte sein Thema: Der lange Schatten der Vergangenheit. Er wollte mit seinen Gästen den historischen Bogen von der Nazizeit bis zu den Morden der NSU und dem heutigen Rechtsextremismus spannen. Dort, so die Idee, findet man jenes Serum gegen die Infektion mit einer gefährlichen Ideologie.

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Wenn die Debatte nicht völlig sinnlos werden soll

Bisweilen war allerdings die historische Aufarbeitung wenig geglückt. Etwa wenn Krüger mit dem Journalisten Patrick Gensing die Frage diskutierte, warum es in Deutschland keine mit Frankreich oder Polen vergleichbare Widerstandsbewegung gegeben hatte. Die Wehrmacht war dort als Besatzungsarmee einer feindlichen Macht einmarschiert. Es fehlte schlicht das Element der Fremdherrschaft für eine deutsche Résistance. Und wo die Wehrmacht sogar zuerst als Befreier empfunden wurde, wie in Kroatien, der Slowakei oder der Ukraine, fand sie durchaus zuverlässige Verbündete.

Eine Überlebende des Holocaust: Inge Deutschkron diskutiert mit Hardy Krüger
Eine Überlebende des Holocaust: Inge Deutschkron diskutiert mit Hardy Krüger Bild: dpa

Wenn solche historischen Essentials unbekannt sind, muss man sich schon fragen, woran das liegt. Der lange Schatten der Vergangenheit verlangt dann doch gewisse Fakten zur Kenntnis zu nehmen, wenn die Debatte nicht völlig sinnlos werden soll. Und ob man den Kommentator der Nürnberger Rassengesetze und späteren Kanzleramtschef von Konrad Adenauer, Hans Globke, wie Krüger als „Super-Nazi“ titulieren kann, muss man auch bezweifeln. Eine Hitler-Büste auf dem Klavier wird man bei dem gläubigen Katholiken kaum gefunden haben.

Akt des Loslassen

Frau Deutschkron und Krüger einte bei allen Unterschieden eine Motivation. Die Wiederholung dieser für sie prägenden Jahre zu verhindern. Sie engagieren sich bis heute in Initiativen, um über die Nazi-Zeit aufzuklären. Gansing sprach von einem seit Jahrzehnten stabilen Potential zwischen 10 % und 15 % in der Bevölkerung, wo ausländerfeindliche oder rassistische Denkhaltungen zu finden sind. Rechtsextreme Bewegungen sind allerdings in vielen europäischen Staaten zu finden, worauf Krüger hinwies.

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Das ist nicht spezifisch deutsch. Spezifisch deutsch sind die historischen Erfahrungen der Erlebnisgeneration, die sich in den Biographien von Frau Deutschkron und Krüger wiederfinden. Und an diesem Punkt wusste Jennifer Teege interessante Einsichten beizutragen. Die Tochter einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters erfuhr vor 5 Jahren von ihrem deutschen Großvater. Es handelt sich um Amon Göth, jenem sadistischen KZ-Kommandanten, der in Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ einem breiten Publikum bekannt geworden ist. Sie schilderte bei Beckmann, wie sie lernte mit dieser Erkenntnis umzugehen. Wie sie zu Beginn nach Ähnlichkeiten zwischen sich und ihrem Großvater suchte. Sie sprach über ihr liebevolles Verhältnis zur Großmutter, die mit Göth in der KZ-Kommandantur gelebt hatte, und bis zu ihrem Tod den 1946 in Polen hingerichteten Ehemann verteidigte.

Erst auf einer Reise nach Polen habe sie aber verstanden, dass der Großvater nichts mit ihr zu tun habe, trotz der erkennbaren Ähnlichkeit. „Ich habe plötzlich verstanden, dass es schon solange zurückliegt“ und „brauchte für mich einen symbolischen Akt des Loslassens.“ Sie legte an einem Denkmal zur Erinnerung an die KZ-Opfer Göths Blumen nieder. Sie meinte damit nicht das Vergessen. Frau Teege hat ein Buch darüber geschrieben. Vielmehr die Einsicht, dass die Biographie ihres Großvaters eben nicht ihre sein kann.

Die Erfahrungen der Erlebnisgeneration sind so einzigartig, wie schrecklich. Heutige Rechtsextremisten identifizieren sich zwar mit den Tätern der Erlebnisgeneration. Ihre Ideologie des Hasses und der Kult der Gewalt ist aber unter heutigen Bedingungen entstanden. Die Nachgeborenen werden ihre eigenen Erfahrungen machen müssen. Dazu gehört der Akt des Loslassens, von dem Frau Teege sprach, aber eben auch eine Erkenntnis: Der Feind steht rechts.

Quelle: FAZ.NET
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