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TV-Kritik: Anne Will

Aus Versehen den Feminismus abgeschafft

Von Frank Lübberding
 - 04:52

Frauen konnten gestern Abend bei Frau Will etwas lernen. Das kommt vor. Die meisten von ihnen werden sicherlich nicht auf einem Bahnhof oder an einem anderen Ort sexuell belästigt worden sein. Die Mehrheit der Männer in deren Umgebung sind hoffentlich ganz in Ordnung, was immer Mann und Frau darunter verstehen sollten. Daraus können Frauen jetzt Schlussfolgerungen ziehen, wenigstens wenn es nach Anke Domscheit-Berg geht. Die frühere Politikerin der Grünen und der Piraten warnte vor einem Pauschalverdacht gegenüber Männern. Damit sollte sich die feministische Debatte über Sexismus, sexuelle Gewalt oder das Geschlechterverhältnis in unserem Land erledigt haben. Das Misstrauen gegenüber den Männern in diesem Land ist wirklich unerträglich geworden, seit sie generell unter dem Pauschalverdacht stehen, Männer zu sein. Übrigens sind die meisten Männer sogar völlig unschuldig daran, wenn Frauen nicht in Unternehmensvorstände berufen würden oder ein geringeres Einkommen hätten. Frau Domscheit-Berg nannte dieses Argument, was immer das auch mit den Flüchtlingen zu tun haben sollte.

Das ist natürlich blühender Unsinn. Die Kritik am Geschlechterverhältnis funktionierte schon immer unter einer Voraussetzung: Ein Abstraktionsvermögen zu besitzen. Obwohl es sexuelle Gewalt in diesem Land gibt, ist nicht jeder Mann ein Verbrecher. Die meisten Frauen werden das genauso sehen, ansonsten müssten sie sich tatsächlich zu Hause verbarrikadieren. Deshalb wäre bisher auch niemand auf die Idee gekommen, die Männer vor dem Pauschalverdacht in Schutz nehmen zu müssen, Verbrecher zu sein. Auf dieser Ebene lässt sich über die Strukturen nicht reden, die das Leben von Frauen bestimmen. Die Frauen sollen nicht vor allen Männern geschützt werden, sondern vor den Verbrechen, die sie nur als Frauen erleiden können und die nur Männer begehen. Das ist etwas anderes.

Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetze in Syrien

Frau Domscheit-Berg hat das gestern Abend nicht begriffen. Sie meinte selbstredend nicht die Männer in ihrem Umfeld, die sie hoffentlich nicht jeden Tag sexuell attackieren oder mit sexistischen Anspielungen drangsalieren. Sie warnte vor einem Pauschalverdacht gegen Nordafrikaner. Sie sei in Kairo nicht zum Opfer sexueller Übergriffe geworden. Zudem hätten sich die Flüchtlinge, die sie bei sich zu Hause aufgenommen habe, anständig benommen. Mit diesen Argumenten und der Warnung vor dem Pauschalverdacht wollte sie tatsächlich jene Debatte unterbinden, die der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn ansprach. Über den kulturellen und sozio-ökonomischen Hintergrund der Flüchtlinge zu reden, die bei uns Zuflucht suchen. Offensichtlich sind das andere als in den westlich geprägten Demokratien. Aber selbst solche banalen Fakten sind in dieser Debatte nicht mehr zu formulieren, ohne rechter Umtriebe verdächtigt zu werden. Ob es zwischen den arabischen Gesellschaften und der Bundesrepublik noch signifikante Unterschiede gibt? Wer Frau Domscheit-Berg zuhörte, musste den Eindruck haben, die gäbe es nicht. Aber sie hat mit ihrer Warnung vor dem „Pauschalverdacht“ sogar aus Versehen den westlichen Feminismus abgeschafft. Aber wer weiß? Vielleicht haben wir bei uns nur noch nichts von den Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetzen in Syrien mitbekommen. Um einmal über Dinge zu reden, die das Deutschland der vergangenen Jahrzehnte geprägt haben.

Insofern ist es durchaus verdient, wenn sich Spahn über den intellektuellen Bankrott einer solchen Linken lustig machte. Schließlich konnte er nicht verstehen, warum neuerdings ausgerechnet dort die prägende Wirkung von Sozialisationsbedingungen für das Selbstbild von Menschen bezweifelt wird. Er meinte damit aber zudem noch den Rechtsanwalt Mehmet Gürcan Daimagüler. Dieser gehörte von 1990 bis 2008 der FDP an, wie wir erfuhren. Er hatte damals sicherlich nichts gegen eine Pauschalisierung einzuwenden, wie sie klassischer Weise die Liberalen vertreten. Nämlich die pauschale Besserstellung der freien Berufe gegenüber anderen Berufsgruppen. Aber Daimagüler machte einen bemerkenswerte Vorschlag. Man müsse alles von seinem Ende her denken. Nun kam bisher zum Glück niemand auf die Idee, die Kurdenpolitik der Türkei so zu betrachten. Etwa aus dem Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg die Schlussfolgerung zu ziehen, in Ankara dächte man jetzt von diesem Ende aus. Das hinderte ihn aber nicht daran, in einem Tweet auf die Judenverfolgung der Nazis hinzuweisen, um vor Pauschalurteilen über Nordafrikaner zu warnen.

Er habe damit provozieren wollen, so sein Argument. Aber wie relevant sind wohl die Gruppen in diesem Land, die dieses Ende für die Lösung der Flüchtlingskrise hielten? Daimagüler beteiligte sich damit an jener Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas, die er ansonsten beklagt. Zuletzt wiederholte er noch die These, die Begrenzung der Zuwanderung wäre nur mit dem Erschießen von Flüchtlingen an deutschen oder europäischen Außengrenzen zu gewährleisten. Diese absurde Debatte über das Massaker als „politische Lösung“ ist bisher ein Privileg der Deutschen. Im Rest Europas will man die Flüchtlinge von den griechischen Inseln mit Fähren zurück in die Türkei bringen. Um gleichzeitig den von der Flüchtlingswelle betroffenen Staaten finanzielle Hilfe und die reguläre Zuwanderung über eine Kontingentlösung anzubieten. Die Deutschen diskutieren anscheinend lieber über das Für und Wider des Massenmords. Man muss sich wirklich fragen, wieso ausgerechnet bei uns solche barbarischen Ideen ernsthaft zur Debatte stehen. Gestern Abend lag es übrigens nicht an der AfD.

Sinn von Antidiskriminierungsgesetzen

Immerhin hat man in Freiburg noch nicht solche Probleme. In den dortigen Diskotheken und Clubs waren Frauen bestohlen und belästigt worden. Nach übereinstimmenden Angaben aller Beteiligten von jungen Männern aus dem arabischen Kulturkreis. Wenn aber am Ende die Frauen nicht mehr solche Etablissements besuchen, bleiben schließlich auch die Männer weg. Das Geschäftsmodell selbst von feministischen Diskothekenbetreibern beruht nämlich auf dem wechselseitigen Interesse der Besucher am anderen Geschlecht. Für Homosexuelle gilt das zwar nicht, die haben dafür Interesse am eigenen Geschlecht. Junge Männer, die offenkundig nicht aus dem Schwarzwald stammen, werden so zu einem Geschäftsrisiko. So einfach ist das, aber gestern Abend dokumentierte der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon, warum man das auch kompliziert machen kann. Dabei ist die Lösung naheliegend: Junge Männer aus diesem Kulturkreis bleiben so lange vor der Tür, wie sie sich nicht angemessen verhalten.

Benimmkurse, um diese jungen Männer im Schnellverfahren zu sozialisieren, werden sicherlich nicht helfen. Jens Spahn könnte erklären, warum das nicht funktioniert. Polizisten auf der Tanzfläche kann sich auch niemand ernsthaft vorstellen. Die abstrakte Diskussion über Diskriminierungsverbote hilft ebenfalls nicht weiter. Niemand besucht eine Diskothek, weil dort das Antidiskriminierungsverbot eingehalten wird. Wahrscheinlich noch nicht einmal Frau Domscheit-Berg. Worum man sich aber tatsächlich kümmern muss: Junge Männer, die nur das Pech haben, mit dieser Gruppe identifiziert zu werden, vor Diskriminierung zu schützen. Das ist der Sinn von Antidiskriminierungsgesetzen. Es schließt keineswegs aus, dass wie in Freiburg eine benennbare Gruppe für die Misere verantwortlich zu machen ist. Wenn man in diesem idyllischen Städtchen ein Problem mit der Landjugend aus dem Schwarzwald hätte, käme übrigens niemand auf die Idee, das nicht zu thematisieren.

Integrationspolitik bedeutet das Management von Konflikten. Diese kann man noch nicht einmal mehr in Freiburg unter den Teppich kehren, wie am Oberbürgermeister der Grünen gestern Abend deutlich wurde. Dafür muss man die Dinge ansprechen, die passieren und sich weniger mit denen beschäftigen, die nicht passierten. Etwa mit toten Syrern vor Berliner Verwaltungsbehörden oder mit von Flüchtlingen entführten Mädchen, ebenfalls in Berlin. Aber immerhin konnten wir gestern Abend bei Frau Will zwei Dinge lernen: Warum die deutsche Linke intellektuell bankrott ist und warum man nicht immer alles vom Ende her denken soll. Dass letzteres sowieso nicht funktioniert, hat die Bundeskanzlerin ja mittlerweile bewiesen. Aber das ist vielleicht ein Thema für kommenden Sonntag.

Quelle: FAZ.NET
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