<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
TV-Kritik: Günther Jauch

Verbale Brandstifter sind immer die anderen

Von Michael Hanfeld
 - 03:53
Herbert Grönemeyer bei der Aufzeichnung einer Fernsehshow Mitte September

Falls Günther Jauch vorgehabt haben sollte, in seiner Sendung zum Thema „Flüchtlingsrepublik Deutschland – Wo liegen unsere Grenzen“ für jemanden die Rolle des bad guy freizuhalten, muss man sagen: Der Sänger Herbert Grönemeyer hat den Part überzeugend an sich gerissen. Schlecht gelaunt und aggressiv, um keine Parole verlegen, zeigt er anschaulich, wie man die Debatte über ein wahrlich nicht unbedeutendes Thema in hochfahrendem Habitus versaubeuteln kann. Das macht ihm so schnell keiner nach.

Dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer sagt Grönemeyer „verbale Brandstiftung“ nach. Wenn dieser etwas an der Politik der Bundeskanzlerin auszusetzen habe, solle er es doch bitte „intern“ besprechen, nicht öffentlich. Die Terrorgruppe ISIS hält Grönemeyer für ein „Resultat des Westens“, Bush und Blair sähe er gern vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, den wie stets um Vermittlung (auch zwischen Merkel und Seehofer) bemühten Kanzleramtsminister Peter Altmaier geht der Sänger auch scharf an.

Jauchs Frage aber, ob bessergestellte Prominente wie er selbst und Grönemeyer es sich bei dem Thema nicht etwas zu leicht machten – nach dem Motto „Ihr habt gut reden“ -, findet der in London lebende Sänger „etwas weit hergeholt“ beziehungsweise „ein bisschen zynisch“. Warum, das erschließt sich dem Zuschauer nicht, geriert sich Grönemeyer doch an dieser Stelle so ausweichend, wie das die von ihm gescholtenen Politiker sonst auch zu tun pflegen. Gleichwohl sähe es Grönemeyer gern, ginge es den „Besserverdienenden“ angesichts der Flüchtlingskrise ein wenig ans Geld. Ende der Widersprüche in eigener Sache.

Die AfD dürfte sich freuen

Wir allerdings ziehen an dieser Stelle das Zwischen-Fazit: Gibt es noch ein paar mehr solcher Auftritte Marke Grönemeyer in deutschen Talkshows voller abgehobener Verachtung für alle, die an Angela Merkels „Wir schaffen das“ die Frage anschließen „Wie schaffen wir das?“, dürfte die Fünf-Prozent-Hürde für die AfD bei den kommenden Wahlen kein Problem sein.

Jauchs Fragestellung „Wo liegen unsere Grenzen?“ war nicht schlecht gewählt. Sie hätte aber auch lauten können: Haben wir überhaupt noch welche? Hört man jemandem wie Michaela Vogelreuther zu, die das Sozialamt in Fürth leitet, wird deutlich, dass es keine Grenzen mehr gibt und die Kapazitäten bei der Aufnahme von Flüchtlingen schon längst erschöpft sind. Der Politologe Werner Patzelt nennt das die „Antwort der Wirklichkeit“, mit der sich jemand wie Herbert Grönemeyer erkennbar nicht beschäftigen will.

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar legt da schon einen anderen Maßstab an und eine andere Haltung an den Tag, und von „Haltung“ spricht er auch gern. „Auf diese Angela Merkel bin ich stolz“ sagt er. Er findet ihr „Wir schaffen das“ großartig, ja sogar „grandios“, wendet sich aber sogleich aktiv jener Wirklichkeit zu, auf deren Antwort der Politikwissenschaftler Patzelt bloß wartet, um sie positiv zu verändern: mit aktiver Flüchtlingshilfe in seinem Heimatort Hennef, mit einem Integrationsportal, das er angeregt hat und in einer kleinen Prototyp-Version auch schon ausprobiert. Den gefährlichen Leerlauf, den die Bürokratie produziert, will Yogeshwar durch den direkten Kontakt zwischen Hilfesuchenden und Hilfsbereiten überwinden. Das dürfte die richtige Methode sein, die anfängliche Willkommenseuphorie in eine nachhaltige Willkommenskultur zu verwandeln, die den Deutschen von Skeptikern, von denen man den Eindruck hat, sie warten nur darauf, dass es schief geht, bekanntlich gerne abgesprochen wird.

Entscheidend ist, was Erdogan macht

Damit ist die Frage nach der „Grenze“ freilich noch nicht beantwortet – nach der staatlichen Grenze und der Grenze der Belastungsfähigkeit – von der und nur der Bayerns Ministerpräsident Seehofer spricht. Was ihm, wie Jauch gleich anmerkt, Sympathiepunkte einträgt, welche der Bundeskanzlerin im Augenblick abgezogen werden. Doch sollten Politiker in einer solche Lage sich am Stimmungsbarometer orientieren, fehlt ihnen der richtige Kompass.

Eine halbe Stunde dauert es bei Jauch, bis das Stichwort „Türkei“ fällt. Mit der Türkei müsse man unbedingt reden, sagt Kanzleramtsminister Altmaier, nachdem ihn Jauch gefragt hat, ob die EU tatsächlich vorhabe, mit den Türken dahingehend Vereinbarungen zu treffen, die Flüchtlinge aus Europa fern zu halten. Wie hoch wird wohl der Preis sein, den der türkische Präsident Erdogan für einen solchen Handel verlangt? Dass er weiterhin die Opposition im eigenen Land niederknüppeln, die Kurden ausmerzen und seinen ambivalenten Kurs gegenüber dem Terror-Regime des IS beibehalten darf? Zwei Millionen Syrer, heißt es, leben im Augenblick in der Türkei – was für ein Erpressungspotential. Erdogan braucht nur anzudeuten, die Flüchtlinge Richtung Europa ziehen zu lassen, schon dürfte die EU zu jedem faulen Kompromiss bereit sein. Das wäre auch einmal ein schönes Thema für eine Rederunde bei ARD oder ZDF.

Diese zeichnen sich im Augenblick kanalübergreifend dadurch aus, dass der Schluss-Segen, den die Moderatoren für gewöhnlich sprechen, noch hohler klingt als sonst. Am Samstag, sagt Jauch (bei dem erstaunlicherweise von „Einwanderungspolitik“ und wie man diese gestaltet, gar nicht die Rede ist), haben wir 25 Jahre deutsche Einheit gefeiert. Sollten wir uns in 25 Jahren wiedertreffen und auf die Flüchtlingswanderung ebenso zurückblicken können wie auf das Geschehen zwischen November 1989 und Oktober 1990, dürften wir sagen, wir hätten es ganz gut gemacht, meint Jauch.

Das liefe dann aber wohl auf Arabisch, sagt Ranga Yogeshwar. Ob das in 25 Jahren noch als Witz verstanden wird?

De Maizière
„Flüchtlinge müssen sich an deutsches Recht halten“
© reuters, reuters
Quelle: FAZ.NET
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHerbert GrönemeyerGünther JauchFlüchtlingeHorst SeehoferAngela MerkelPeter AltmaierRanga YogeshwarAfD