„Two Weeks To Live“ bei Sky

Ein Leben zum Listenpreis

Von Axel Weidemann
26.12.2020
, 17:57
In „Two Weeks To Live“ nimmt Maisie Williams als Guerilla-Tochter Rache für den Mord an ihrem Vater. In der Rolle der Mad-Max-Wiedergängerin macht sie eine ganz gute Figur.

Was macht man, wenn man eine tragende und recht einschneidende Rolle in der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ gespielt hat? Entweder man bleibt an ihr haften, oder man löst sich so gut es eben geht. In der Sky-Produktion „Two Weeks To Live“ probiert es Maisie Williams wie viele Schauspieler, die eine schwer mit popkulturellem Gewicht beladene Rolle ablegen müssen: Sie nimmt die leichten Teile ihrer Figur mit und lässt den Ballast zurück.

Emanzipation als Kraftakt, das ist eines der Leitmotive dieser teils amüsanten, teils anrührenden und teils an der Grenze zur flachen Euphorie operierenden Serie. Williams spielt Kim Noakes, 21 Jahre alt, die sich an dem Bademantel-Gangster Jimmy (Sean Pertwee) für den Mord an ihrem Vater rächen will. Sie kann das, weil ihre nicht minder schlagkräftige Prepper-Mutter Tina (Sian Clifford) sie in einer abgelegenen Hütte im Wald großgezogen hat, um ihr dort beizubringen, was sie unter Selbständigkeit versteht: dass man in der Lage sein sollte, einen Rummelboxer auf die Bretter zu schicken und eine Armbrust zu spannen. Gleichzeitig versucht Tina ihre Tochter in der Eremitage vor jeglicher Art menschlichen Leids zu bewahren. Unter der Prämisse, die Welt da draußen sei zu schmutzig, um in ihr zu leben, und stehe ohnehin kurz vor dem Kollaps, sperrt sie Kim ein. Zu den vier Filmen, die ihre Mutter ihr zu sehen erlaubt, zählen: „Kevin allein zu Haus“, „Terminator 2“, „Die Verurteilten“ und „Braveheart“.

Aus dieser gut gemeinten Isolation und der folgenden Kollision dieses weiblichen Rache-Siddharthas generiert die Serie ihre Momente. Wie schon ihre Figur Arya Stark in „Game of Thrones“ hat auch Kim eine Liste, die ihr Handeln bestimmt. Statt Namen von zu tötenden Unholden stehen auf dieser Liste dem Leben zugewandtere Dinge: „1. In einen Pub gehen. 2. Einer älteren Person beim Einkauf helfen. 3. Zuckerwatte essen. 4. Den Tod von Papa rächen. 5. Neue Freunde finden“, bis hin zu Punkt 47: „Ein Brett mit einem Karateschlag treffen – und durchschlagen.“ Durchschlagende Erfolge bleiben Kim, die mit Mutters Mad-Max-Jeep von zu Hause ausbüchst, jedoch zunächst verwehrt. Im besagten Pub gabelt sie zwar die gutmütigen Brüder Nicky und Jay (Mawaan Rizwan und Taheen Modak) auf und nimmt blutige Rache an Jimmy, doch finden sich die vier bald auf der Flucht vor den Schergen von Jimmys blutrünstiger Tochter, den korrupten Polizisten Brooks (Jason Flemyng) und Thompson (Thalissa Teixeira).

Mit seinem rauhen britischen Charme und dem Gangstertohuwabohu ähnelt das Ganze einem zerstückelten Guy-Ritchie-Film (Regie Al Campbell), ohne dessen Schnittspielereien, aber mit einem handwerklich ähnlich soliden Gefühl für Sound, Musik und Tempo (Kamera Mattias Nyberg, Schnitt Mike Holliday). Was die Serie bemerkenswert macht, ist ihr Versuch, nicht nur so etwas wie überkommene Männlichkeit zu dekonstruieren, sondern auch eine Art überkommene Weiblichkeit zu identifizieren und mit ihr zu brechen: Nachdem Kim auf geliehenen Pumps in einer heillos übertriebenen Sequenz zur Bar des Pubs stolpert, bricht sie die Absätze der Schuhe schlicht ab – und damit dieses ausgelatschte filmische Symbol für die starke Frau und den männlichen Fetisch entzwei. Ihre burschikose Mutter ist überzeugt, 90 Prozent der Probleme dieser Welt ließen sich lösen, wenn Männer einfach zugeben könnten, dass sie drei Dinge mögen: „süße Drinks, Musiktheater und einen Finger im Arsch“. Und so ist dann auch diese Serie: grob, aber liebenswert.

Two Weeks To Live läuft am 2. Weihnachtstag bei Sky Serien und ist auf Abruf verfügbar.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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