„Geheimnisse des schönen Leo“

Nachts ein völlig anderer Mensch

Von Hannes Hintermeier
31.03.2021
, 20:09
Der CSU-Politiker Leo Wagner stand im Verdacht, von der Stasi geschmiert worden zu sein, um das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt zu torpedieren. Sein Fall weist Linien auf, die bis heute reichen.

So lange glimmen die Zündschnüre in der CSU. Keine zwei Wochen ist es her, dass Alfred Sauter seine Parteiämter und seine Mitgliedschaft in der Fraktion aufgekündigt hat, da sendet das Bayerische Fernsehen wie bestellt als Erklärstück die Dokumentation „Die Geheimnisse des schönen Leo“ (Buch und Regie: Benedikt Schwarzer), die in die Zeit zurückführt, in der Sauters Laufbahn begann – an der Seite eines Mannes, von dem man heute in der Partei lieber nichts mehr wissen will: Leo Wagner.

Der 1919 geborene Münchner überlebt als Funker die sechs Weltkriegsjahre, wird Lehrer, dann Schulleiter in Günzburg. Dort macht er sich einen Namen als Kommunalpolitiker, zieht als Abgeordneter in den Bundestag ein. Sauter erinnert sich zu Beginn des Films, Wagner sei einer gewesen, der „bei uns draußen was zu sagen hatte“. Draußen, im Bezirk Schwaben.

Und bald darauf in Bonn: Wagner war enger Vertrauter von Franz Josef Strauß, von 1963 an zieht er als Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe in Bonn die Strippen, von 1972 an ist er Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion – eine Schlüsselfigur der Opposition, als Willy Brandt 1969 Kanzler wird. Wagner galt als charmant und überzeugend im Auftreten, ein Frauenheld im Anzug des braven Familienvaters. Kurz vor Kriegsende heiratet er. Es dauert acht Jahre, bis ein Sohn geboren wird, weitere zwölf Jahre später folgt Tochter Ruth. Seine Frau Elfriede und die Tochter parkt Wagner in Günzburg, er selbst bleibt wochenlang in Bonn. Die Nächte vertreibt er sich im Kölner Nachtleben. Im Nobel-Club „Chez nous“ feiert er mit Kaviar, Champagner und Animierdamen. Bis zu tausend Mark am Abend haut Wagner auf den Kopf, damals eine enorme Summe. Dieser Lebensstil treibt ihn in den Ruin.

Warum ist Wagner noch von Interesse? Da ist seine zeitgeschichtliche Rolle: Als Rainer Barzels Misstrauensvotum gegen Brandt scheitert, liegt das an zwei Abgeordneten der Union, die die Gefolgschaft verweigern. Einer davon soll Wagner gewesen sein – gekauft von der Stasi. Die DDR beeinflusst im Auftrag der Sowjetunion die Politik in der BRD, weil sie die Fortsetzung der Brandt’schen Ostpolitik wünscht. Letztlich bewiesen ist das nicht, die Faktenlage aber ist erdrückend. Wagner hat den Verrat bis zu seinem Tod im Jahr 2006 bestritten.

Der zweite Grund für das Interesse an dieser Figur ist privater Natur. Benedikt Schwarzer, Jahrgang 1987 und schon mit diversen Auszeichnungen dekoriert, ist der Enkel Wagners, und wie es sich für Enkel gehört, sucht er Antworten auf die Frage: War mein Großvater ein Verräter? Schwarzer fährt stilgerecht im dunkelblauen BMW-Oldtimer auf Recherche, ist aber sonst ganz heutig im grauen T-Shirt, Kapuzenjacke und Hornbrille. Er fragt mit sanfter Stimme, freundlich, aber beharrlich.

Seine Mutter Ruth stellt sich ihrer Geschichte mit dem gefürchteten Vater so offen, dass der Film therapeutische Wirkung entfaltet haben dürfte. Weggefährten wie Wilfried Scharnagl, Egon Bahr oder Theo Waigel sind, als Schwarzer vor drei Jahren dreht, nicht bereit, sich zu äußern. Aber Schwarzer findet Gesprächspartner, etwa den Sohn des Journalisten und Wagner-Vertrauten Georg Fleissmann, den die Stasi als IM „Dürer“ führte. Er spricht mit einem einstigen Barmann des „Chez nous“, einer Geliebten des Großvaters, einem Zuhälter, einem Wehrmachtskameraden, Historikern, mit Wagners Fahrer. Wie die Stasi Wagner mit 50000 Mark als IM „Löwe“ gekauft haben will, schildert dessen Führungsoffizier Horst Kopp.

Der Film nimmt sich Zeit und führt mit Archivmaterial in die Bundesrepublik inmitten des Kalten Krieges. Die Fassaden einer behaupteten bürgerlichen Anständigkeit sind – inklusive Prostitution – intakt. Die feinen Herren im „Chez nous“ sind alle verheiratet, dem Chauffeur stecken sie als Parteispende Geld zu. Wagners Affären bleiben nicht verborgen, die Gattin will die Scheidung, in die ihr Mann nicht einwilligt. Die gebrochene Elfriede Wagner beginnt zu trinken, stirbt an Krebs. Tochter Ruth versucht sich das Leben zu nehmen, fällt ins Koma, überlebt. Der Kontakt zum Vater ist damit so ziemlich am Ende. Heute sagt sie: „Ich habe ihn lange vor seinem Tod beerdigt.“ 1980 ist Wagner in Bonn wegen Betrugs vor Gericht, in seinem Verteidigungsschreiben behauptet er, Ruth sei nicht seine leibliche Tochter. Ihr Sohn nimmt die Fährte auf, und das Ergebnis der Recherche – es sei hier nicht verraten – gehört ins Lehrbuch für Kriegskinder und -enkel. So reiht sich Schwarzer ein in ein Genre, das uns mit Regina Schillings „Kulenkampffs Schuhe“ oder Sebastian Heinzels „Der Krieg in mir“ herausragende Beiträge bescherte.

Am Ende sagt Schwarzer, er habe über seine Mutter mehr erfahren als über den Großvater. Doch gewinnt er erhellende Einblicke in die Mechanismen von Politik. Das System, für das Wagner stand, hält. Auch Alfred Sauter kommt noch einmal zu Wort. Wagner, sagt er, habe aus heutiger Sicht „nicht mit offenen Karten gespielt“, dann sei „Stück für Stück alles zusammengebrochen, und dann war’s das Ende“. Was für eine Pointe.

Die Geheimnisse des schönen Leo läuft heute um 22.45 Uhr im Bayerischen Fernsehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.
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