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Michelle Obamas Podcast

Der Yes(terday) Man

Von Oliver Jungen
Aktualisiert am 01.08.2020
 - 10:06
Barack und Michelle Obama beim gemütlichen Podcast-Plausch.
Obama bei Obama: Im Gespräch mit ihrem Mann Barack verbreitet Michelle Obama holpernde Podcast-Weisheiten für die Welt von morgen. Das wird nur echte Fans begeistern.

Wählerisch, was gebuchte Termine angeht, ist Barack Obama schon länger nicht mehr. So war er vor einem guten Jahr inmitten von Life-Coach-Labertaschen in einer Kölner Arena zu bestaunen, auf einem der idiotischsten Events, den selbst diese Stadt zu bieten hat. Was einen guten World Leader ausmache, wollte man von ihm wissen. Arbeiten, statt auf Applaus zu zielen, war die Antwort.

Diesmal allerdings hatte Obama wirklich keine Wahl, und das sagt die Gastgeberin auch genau so, ist es doch seine kluge Ehefrau, die hundert Tage vor der Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten auf der Plattform Spotify ihren sich ganz privat gebenden „Michelle Obama Podcast“ von der Leine gelassen hat. Schon die erste Folge, in der eben Herzenspräsident Barack Obama zu Gast war, zeigt, dass es dabei durchaus darum geht, dem demokratischen Amerika Gehör zu verschaffen. Ein nicht nur von der Corona-Pandemie heillos überforderter Präsident Donald Trump muss also nicht darüber gekränkt sein, dass sein Name nicht ein einziges Mal fällt, denn es geht zentral um alles, wofür Trump steht: um die Aporie der Rücksichtslosigkeit und die soziale Kälte des Neoliberalismus.

Die Gastgeberin will mit engen Freunden und Verwandten darüber reden, was uns definiert, von körperlicher Selbsterfahrung bis zu Elternschaft. Die erste Folge widmet sich dann aber gleich einer besonderen – zurzeit gestörten – Beziehung, derjenigen der Bürger zu ihrem Gemeinwesen. Im Wechsel mit einem jovialen Barack Obama („It’s me!“), der viel gute Laune mitgebracht hat, werden uns die beiden oft gehörten Biographien noch einmal erzählt, nur dass sie hier gar nicht bis ins Weiße Haus reichen, weil der entscheidende Punkt schon vorher gemacht ist. Wir erfahren, dass die in einfachen, aber sehr geordneten Verhältnissen aufgewachsene Michelle Robinson ebenso wenig über einen Mangel an Liebe klagen konnte wie ihr eher auf chaotische familiäre Strukturen zurückblickender Gatte, der betont, dass seine engsten Freunde alle der Arbeiter- oder Mittelklasse entstammten. In ihrer Kinderwelt, so schwelgen die Obamas, habe das „Wir“ mehr gezählt als das „Ich“. Von der Familie habe man Demut gelernt: „Wir sind nicht speziell.“ Man müsse sich um alle kümmern. Der Weg führte bekanntlich in beiden Fällen an die Harvard-Universität. Allenthalben hört man hier ungesagte Spitzen gegen Obamas Amtsnachfolger heraus, der bekanntlich im ererbten Luxus aufwuchs, ohne etwas können zu müssen, und bei jeder Gelegenheit betont, speziell zu sein.

An der Spaltung der amerikanischen Gesellschaft vorbei

Produziert hat diesen Podcast – und es sind weitere Spotify-Kooperationen geplant – die nicht eben unbescheiden „Higher Ground“ benannte Produktionsfirma der Obamas, die seit zwei Jahren eine lukrative Netflix-Zusammenarbeit pflegt. Der rhetorische (und ein wenig riskante) Clou besteht nun aber darin, gerade nicht das Exzeptionelle der bis in World-Leader-Sphären reichenden Karrieren herauszustellen, sondern eine tapfere Bescheidenheit: Barack Obama habe gleich gewusst, dass ihm der Kampf um Bürgerrechte wichtiger sei als eine glänzende Anwaltslaufbahn und das große Geld, während Michelle noch kurz ihren Aufstiegsphantasien nachhing, aber schon in der abgehoben residierenden Kanzlei Sidley & Austin realisierte, dass sie in der Stadtverwaltung von Chicago glücklicher werden würde. Es sei denn auch der Altruismus Baracks gewesen, in den sich Michelle verliebte, nicht, wie der Gatte flachst, „just my looks“.

Die Unterhaltung gipfelt in der leicht rentnerhaft anmutenden Analyse, die gegenwärtige Situation sei vom Verlust des guten alten Gemeinsinns geprägt (weshalb, ist nicht die Frage). Es herrsche eine „Dog eat dog“-Mentalität, ein egozentrischer Materialismus, eine große Unersättlichkeit. Das Wir sei nur noch in der Form Wir-gegen-die vorhanden. Politik bedeute für viele heute Selbstschutz. Und das Vertrauen in die Politik sei auch deshalb geschwunden, weil für gute Regierungsarbeit kein Marketing gemacht werde. Die eigentümliche Schlichtheit dieser Argumente wird noch betont durch den priesterlichen Verkündigungston, den Barack Obama anschlägt, während sich Michelle wenigstens um Marketing in eigener Sache kümmert: „You are the Yes-we-can-Man.“

Beinahe abstrus wird es, wenn Barack Obama angesichts der Black-Lives-Matter-Bewegung seine Hoffnung kundtut, die junge Generation werde die Werte der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre „wieder umarmen“. Geht es nicht vielmehr darum, diese Jahrzehnte endgültig zu überwinden? Auch Obama kommen Zweifel, und er schiebt nach: natürlich ohne Ausgrenzung, Rassismus, Sexismus, Homophobie und all das. Lassen sich diese „Werte“ aber so einfach voneinander trennen? Nichts gesagt wird zur Präsidentschaft Obamas (da scheint der Protagonist im Rückblick doch mit Applaus ganz zufrieden): Hätte man nicht damals schon merken können, dass warme Worte gegen die Radikalisierung nicht helfen?

Es folgen noch einige Phrasen für eine bessere Welt von morgen: Man könne nicht alles allein schaffen. Ein selbstloses Leben sei „more fun“. Wo „Change“ ist, da ist Holpern. Man nehme den ganz Ärger und verwandele ihn in etwas Nützliches. Nützlicher jedenfalls als diese Kulturkritik-Predigt, die an der Spaltung der amerikanischen Gesellschaft erstaunlich vorbeizielt. Deutlicher und sogar weniger pastoral wurde Obama dann auf der großen Bühne, bei der Trauerfeier für John Lewis. Sie sollten wohl besser getrennt marschieren und vereint schlagen, die Eheleute Obama.

Quelle: F.A.Z.
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