Unterhaltungsfernsehen

Alles muss raus

Von Oliver Jungen
16.04.2013
, 14:31
Krisenzeiten sind eigentlich gute Zeiten für die Unterhaltung im Fernsehen. Dass dem nicht so ist, war auf dem „Showgipfel“ in Köln zu erfahren. Der Branche gehen die Ideen aus.

Um ein Minütchen hat der tägliche Fernsehkonsum im Jahre 2012 im weltweiten Mittel zugelegt - auf 197 Minuten (europäisches Mittel: 235 Minuten). Überproportional waren die Zuwächse in den Ländern, in denen die Finanzkrise besonders hart zugeschlagen hat. Krisenjahre sind Fernsehjahre, eigentlich. Und doch steckt ein Fernsehbereich selbst in der Krise: die Unterhaltung. Fast alle großen Castingshows verlieren Zuschauer. Besonders stark fallen die Quoten der Etablierten im angloamerikanischen Bereich; zigfach kopierte Primetime-Sendungen wie „American Idol“ und „The X Factor“ scheinen sich endgültig überlebt zu haben. Wenn selbst der RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger im „Spiegel“ Andeutungen macht, dass es mit „Deutschland sucht den Superstar“ ein Ende haben könnte, scheint Veränderung vonnöten.

Wirklich Neues aber ist nirgends in Sicht, darin waren sich die Fernsehunterhaltungsexperten beim „Großen Show-Gipfel“, dem jährlich von Brainpool TV und HMR Media in Köln ausgerichteten Fachseminar, einig. Nicht einmal auf der wichtigen, soeben zu Ende gegangenen Entertainment-Messe „Mipcom“ in Cannes seien neue Ideen auszumachen gewesen. Dürfen wir also jubeln? Werden wir den ganzen Glitzer-Schrott los? Leider nein. Es wird sich wohl wenig ändern und dieses wenige nicht zum Besseren.

Mehr vom Alten

Dass die Zeit der Talentshows nicht per se vorüber ist, zeigt die Erfolgsgeschichte von „The Voice“, das - teils in der „Kids“-Variante - inzwischen in sechzehn Ländern läuft. Auf solche Hits hoffen Produzenten weiterhin: Das große Geld macht man nur mit internationaler Rechteauswertung. Aber auch die verbrauchtesten Showkonzepte schlafen nicht friedlich ein, sondern kehren - zur Freude der Rechteinhaber - als Untote auf den obskursten Sendern und Sendeplätzen wieder. Dieser Trend lässt sich laut Sahar Baghery (Eurodata TV Worldwide) für ganz Europa konstatieren. Angst ist der Hauptgrund, denn in unsicheren Zeiten wollen Sender keine Risiken eingehen. Fast immer laute heute die Bedingung, dass ein Format schon in anderen Ländern erfolgreich gelaufen sein müsse, klagte Barnaby Shingleton, der Unterhaltungschef der englischen Produktionsgesellschaft Zodiak Media. Es wird also, obwohl alle das Neue wollen, noch viel mehr vom Gleichen geben.

Hierzulande steht etwa die Wiederkehr der „Popstars“ bevor, die bei Pro Sieben erst kürzlich ein Quotendebakel erlebten und vorzeitig beendet wurden. Jörg Grabosch, Geschäftsführer von Brainpool TV und - über die mit fünfzig Prozent an Brainpool beteiligte Banijay-Gruppe - Inhaber der deutschen „Popstars“-Rechte, kündigte an, man verhandele mit mehreren Interessenten. Auch „Deutschland sucht den Superstar“ und „Das Supertalent“ werden wir so bald nicht los, wie Jens Bujar, der Kreativdirektor von Grundy Light Entertainment (RTL-Gruppe), deutlich machte, der die Quotenrückgänge „ungemütlich, aber noch nicht bedrohlich“ nannte. Offenbar sei es aber nötig, die Marken stärker zu renovieren als gedacht. Vor allem müsse man Dieter Bohlen loswerden, grätschte Grabosch hinein - und es war auffällig, wie wenig Bujar dem entgegensetzen wollte. Bei Pro Sieben und Sat.1 glaubt man nach wie vor an Tanzshows. Auch von der Idee, „Promi Big Brother“ dem „Dschungelcamp“ entgegenzusetzen, ist man keineswegs abgekommen, wie Programmchefentwickler Holger Andersen kundtat.

Werbung statt Unterhaltung

Die gesellschaftliche Entwicklung hat allerdings zu kleinen Prioritätsverschiebungen in der Unterhaltung geführt. Statt Risiko-Shows sind Gemeinschaftserlebnisse gefragt: Dating-Shows, Lebe-deinen-Traum-Sendungen oder Krisenbewältigungs-Formate, in denen es etwa um Arbeitsvermittlung geht. Eine originellere Variante des Gutfühl-Fernsehens ist das dänische „100 Days of Being Nice“: Hier muss in hundert Tagen eine Höflichkeits-Bewegung aufgebaut werden. Doch auch geforderte Prominente sind gern gesehen, ob sie nun Krieg spielen („Stars Earn Stripes“, NBC) oder sich zum Affen machen („Your Face Sounds Familiar“, läuft schon in zehn Ländern und wohl bald auch mit Jörg Pilawa in der ARD). Außerdem bleibt der Voyeurismus erhalten: Wo Nacktheit niemanden mehr erregt, schaut man eben zu, wie Freiwillige Ecstasy nehmen („Drugs Live“, Channel Four) oder wie Tourette-Patienten auf den Druck einer Musik-Castingshow reagieren („Let me entertain you“, BBC Three).

Zumindest der Ausbau der Hybrid-Formate für Fernsehzuschauer und Internetnutzer („Second Screen“) wurde in Köln mehrfach als Zukunftstrend bezeichnet. Es reicht freilich nicht, einer Fernsehsendung eine Facebookseite mit Zusatzinfos und Gewinnspielen anzukleben. Die User-Interaktion muss konstitutives Element sein. Ein Blick auf das preisgekrönte niederländische „Who’s In, Who’s Out“, vorgestellt von seinem Erfinder Jeroen Koopman (NewBeTV), war allerdings recht ernüchternd: Facebook-Nutzer können mit Sing- und Tanzvideos eine Nebenrolle in einer Fernseh-Soap gewinnen. Ist das wirklich die Unterhaltung von morgen?

Vielleicht wird es dieses Morgen auch gar nicht geben, denn zuletzt trat in Köln ein Totengräber auf, der freiweg behauptete, die Zauberformel gefunden zu haben: Lucas Green setzt als Direktor von Superhero Television (London) ganz auf „branded content“, begreift Unterhaltung also als direktes Werbeformat. Channel Four, offenbar unbesorgt um die eigene Integrität, hob vor zwei Monaten für sehr kleines Geld eine aufwendig produzierte tägliche Kochshow ins Programm, die nicht nur vom Supermarkt-Giganten Sainsbury’s bezahlt, sondern auch in einem von dessen Läden gedreht wird: „What’s Cooking? From the Sainsbury’s Kitchen“. Ausschließlich Sainsbury’s-Produkte werden benutzt und gelobt: „Was nicht geht, sind negative Kommentare.“ Green platzte beinahe vor Stolz, das Product Placement bis ins Extrem getrieben zu haben. Es gebe außerdem so viele Prominente da draußen, die etwas zu vermarkten hätten, die bekomme man als Werbebotschafter umsonst. Der Jungunternehmer deutete an, was alles denkbar sei: eine Einrichtungs-Show aus einem Möbelhaus, eine Gesundheits-Show, die ein Pharmaunternehmen bezahlt. Der Ausverkauf hat begonnen.

Quelle: F.A.Z.
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