Amerika oder Trump!
Wer sich in diesen Wochen, in der beginnenden heißen Phase des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs, durchs amerikanische Fernsehen zappt oder durch die sozialen Netzwerke scrollt, dem mag sich der Eindruck aufdrängen, dass kaum jemand so hart an Donald Trumps Demontage arbeitet wie Leute aus den Reihen der republikanischen Partei.
Da ist das grobkörnige Handyvideo eines vormaligen Trump-Wählers mit nacktem Oberkörper und Kippe in der Hand, der sagt, er würde im November lieber für eine Tomatendose als für Trump stimmen, „weil die weniger Unheil anrichten kann“. Da ist der mit englischen Untertiteln versehene Spot einer konservativen Gruppe, in dem eine russische Stimme dem „Kameraden Trump“ für seine „Treue und Freundschaft“ dankt. Da ist das in dramatischem Stakkato geschnittene Video, in dem ein ganzes Dutzend konservativer Veteranen aus dem amerikanischen Militär Trump Lügen und Verrat vorwirft: „Dieses Land ist ihm egal.“
Dass es laut und schmutzig werden würde im Wahlkampf 2020, war zu erwarten. Dass indes die lautesten Stimmen gegen Donald Trump aus dem republikanischen Lager stammen, überrascht. Gruppen wie „Republican Veterans against Trump“, das „Lincoln Project“ oder „Republican Voters Against Trump“ betonen, dass sie zwar mit der Politik der Demokraten nichts am Hut haben. Schwerer wiege aber, die republikanische Partei zu retten, und dazu müsse Trump weg.
Sarah Longwell, Verlegerin des neokonservativen „Bulwark“, hatte 2016 gehofft, dass die Partei Trumps niederste Instinkte im Zaum halten würde, und sah sich enttäuscht. Sie sammelte für „Republican Voters Against Trump“ bislang mehr als dreizehn Millionen Dollar und finanziert damit vor allem Spots, in denen ehemalige Trump-Wähler roh und unkommentiert ihre Wut und Enttäuschung ausdrücken. Tommy aus Texas sagt, Amerikas Christen hätten sich „an einen falschen Propheten verkauft“. Trump sei eine „totale Bedrohung für die Demokratie, die die Gründerväter institutionalisiert haben“, findet Paul aus Tennessee. Jeffrey aus Massachusetts bekennt, er schäme sich inzwischen, aus Amerika zu stammen: „Trump lässt uns wie Idioten aussehen.“ Zu Longwells Unterstützern zählen der konservative Journalist Bill Kristol und der republikanische Politstratege Mike Murphy, der John McCain und Jeb Bush beriet. „Ich bin Konservativer. Bidens Politik reizt mich nicht. Aber Trump muss weg. So einfach“, tweetete er kürzlich.
Ähnlich sehen das die „Republican Vets Against Trump“, eine Gruppe konservativer Militärveteranen, die ebenfalls gegen Trump trommeln. In einem ihrer Videos kommt ein Dutzend Veteranen zu Wort. Sie bezeichnen Trump als Lügner und Verräter. Trump „schert sich nicht um dich, er schert sich nicht um dieses Land“, sagt ein Navy-Veteran; „Land vor Partei“, sagt eine Air-Force-Veteranin.
Trump habe die Ideale der Republikaner verraten, ist die gemeinsame Botschaft, und nirgends wird ihr deutlicher Nachdruck verliehen als in den Spots des „Lincoln Project“. 83 plakative Videos hat das „Lincoln Project“ seit Januar veröffentlicht, darunter das russischsprachige Stück, in dem es unter anderem heißt: „Wir haben eure Wähler manipuliert, unsere glorreiche Propaganda verbreitet und euch, amerikanische Hunde, gegeneinander aufgehetzt. Glückwunsch, Kamerad Trump!“ Die Spots nehmen sich die Trump-Verehrer unter evangelikalen Amerikanern vor, verhöhnen die internationalen Business-Deals von Trumps Tochter Ivanka („Danke, Daddy!“), kreiden Trump das Versagen in der Coronavirus-Pandemie an und zitieren genüsslich vernichtende psychologische Urteile über Trump aus dem kürzlich erschienenen Buch seiner Nichte Mary Trump, „Too Much and Never Enough“.
Ins Leben gerufen wurde das „Lincoln Project“ im vergangenen Dezember von einer Gruppe republikanischer Strategen aus Bush-Zeiten – darunter George Conway, Ehemann der Trump-Beraterin Kellyanne Conway, Steve Schmidt, der einst John McCain zu Sarah Palin als Vizepräsidentschaftskandidatin riet, und Rick Wilson, der mit aggressiven politischen Werbespots, darunter für Rudy Giuliani, bekanntwurde. „Patriotismus und das Überleben unserer Nation sind angesichts der Verbrechen, der Korruption und des zersetzenden Wesens von Donald Trump ein höheres Anliegen als bloße Politik“, beschrieben sie ihre Mission in einem Beitrag in der „New York Times“.
Prominente Milliardäre wie der Hedgefonds-Manager Stephen Mandel, Hollywood-Mogul David Geffen und der Risiko-Investor Michael Moritz gehören zu ihren Spendern, 19,4 Millionen Dollar sind bisher zusammengekommen. Die Spots reichen von Satiren (wie ein Kurzfilm, in dem ein junger Mann aus einem monatelangen Koma erwacht) über scharfe persönliche Attacken bis hin zu vernichtenden Bestandsaufnahmen der Trump-Verfehlungen. Die Botschaften der Spots sind drastisch, ihre Pointen messerscharf: „Dieser Mann lag im Koma. Was ist Ihre Entschuldigung?“ oder, zu einer Aufnahme des Weißen Hauses: „Der Mann in diesem Haus schert sich nicht darum, ob Sie Ihres verlieren.“ „America or Trump“ lautet der dazugehörige Hashtag.
Die Schärfe des Tons ist kein Zufall. Hier sind Leute am Werk, die das Handwerk der Demontage politischer Gegner unter Karl Rove und Lee Atwater lernten – in einer Zeit, in der „die Republikanische Partei ihre Seele verkaufte und ihren Verstand verlor“, wie das Magazin „Esquire“ schrieb. Der Satiriker Stephen Colbert zog dem Trupp in seiner animierten Show „Tooning Out the News“ denn auch die Hosen herunter: „Fühlt es sich gut an, so viel Lob von Leuten zu bekommen, die man sein ganzes Leben dämonisiert hat?“, musste sich Wilson von den Zeichentrick-Journalisten fragen lassen. Den republikanischen Anti-Trumpern des „Lincoln Project“ schlägt, wie der „Esquire“ bemerkte, „skeptische Dankbarkeit“ entgegen.
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Sie verehren Donald Trump wie einen Heiligen
Aber wie die „Washington Post“ bemerkte, geht es dem „Lincoln Project“ weniger darum, Wähler für Biden zu werben, als darum, Trump zur Weißglut zu treiben: Die Spots seien an ein „Ein-Mann-Publikum“ gerichtet. Wilson sagte der „Post“: „Die Tatsache, dass wir seine mentale Fragilität und seine Fernsehsucht nutzen können, um ihn zu manipulieren, dient der Kampagne insofern, als wir ihn unterbrechen, verwirren und desorientieren.“ Tatsächlich scheint der Stachel bisweilen zu sitzen. So fühlte sich Trump offenbar von einem Spot des „Lincoln Project“, der seine physische Fitness in Zweifel zog, zu einer fünfzehnminütigen Rechtfertigung bei seiner Rally in Tulsa veranlasst.
Die Antwort auf die Frage, wofür man sich im Positiven ausspricht, ist bei den Wahlkampfspots der republikanischen Anti-Trumper nachgeordnet. Der konservative Journalist Charlie Sykes formulierte es so: „Mir kommt es vor, als wenn das Haus brennt. Ich will das Feuer löschen. Über die Neueinrichtung mache ich mir später Gedanken.“