Kochen mit dem ZDF

Die Macht des Fleisches

Von Stefan Niggemeier
12.04.2014
, 17:27
So war’s geplant: Attila Hildmann (links) gegen Alfons Schuhbeck
Ein angekündigtes Kochduell „Vegetarier gegen Fleischesser“ im ZDF fällt aus - und schon brodeln Verschwörungstheorien.
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Es gibt sie noch: Menschen, die an das Potential des Fernsehens glauben; an seine Macht, die Leute aufzuwecken, aufzurütteln, aufzuklären, einem Millionenpublikum in einer Dreiviertelstunde die Augen zu öffnen.

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Der vergangene Dienstag hätte so ein Tag werden sollen. Die Veganer-Bewegung würde ihren entscheidenden Durchbruch schaffen und die Fleischindustrie einen Schlag erleiden, von dem sie sich kaum wieder erholen könnte. Tausende hatten sich den Termin schon notiert: 20.15 Uhr, ZDF, „Vegetarier gegen Fleischesser - das Duell“. Die Ankündigung versprach „erstaunliche Fakten“ und die Entlarvung von „so manchem Mythos beim Streit ums Fleisch“. Der Buchautor Attila Hildmann, der mit seiner veganen Küche in der Sendung gegen Alfons Schuhbeck antreten durfte, verriet seinen Fans vorab, dass der Wettstreit der beiden einen „spektakulären Ausgang“ genommen habe, und empfahl, die Zutaten für sein Programm schnell noch vor der Sendung zu kaufen, „ab Mittwoch morgen keine Chance mehr!“, Zwinkersmiley.

Der beste Beweis, dass diese Sendung die Nation in ihren Fleischessgewohnheiten erschüttern würde, war aber: dass sie gar nicht gezeigt wurde. Das ZDF tauschte sie kurzfristig gegen eine britische Doku über den verschollenen Flug MH 370 aus.

Natürlich gekauft!

„Wie viel haben Monsanto, Wiesenhof und Vion euch dafür gezahlt“, fragte einer auf der ZDF-Facebook-Seite. Viele Hunderte stimmten ein: „Hat die CMA angerufen und sich ein bisschen eingemischt? Sorry, Verschwörungstheorien sind nicht mein Ding, aber das hier klingt doch verdammt nach Schema F.“ - „Eine Programmänderung, o. k., kann mal vorkommen. Aber doch NICHT bei einem derart WICHTIGEN THEMA?!“

Eine Mina wies mit fünf Ausrufezeichen darauf hin, dass sie sich diesen Abend extra freigehalten hatte.

Fast erschütternder als der in den Protesten dokumentierte Glaube, dass sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen kaufen lässt (wer weiß es schon?), ist der, dass die Sender Programme herstellen würden, die so kritisch sind, dass die Industrie sie verhindern müsste. Als würden ARD oder ZDF zur Primetime tatsächlich fulminante Denk-Provokationen, gegen das Fleischessen oder sonst etwas, ausstrahlen wollen. Horst Sterns „Bemerkungen über den Rothirsch“, jener am Heiligen Abend 1971 um 20.15 Uhr ausgestrahlte Angriff auf die Jäger, er würde heute als harmloser „Jagd-Check“ mit albernen Straßenumfragen und Spielen verpackt, als „Die 50 beliebtesten Jagd-Reviere Hessens“ im Dritten versendet oder zu einer Sonderausgabe von „Frag doch mal die Maus“ mit Stargast Gloria von Thurn und Taxis verarbeitet.

Wie es wohl ausgegangen wäre

Keiner der Protestierenden scheint je eines der „Duelle“ gesehen zu haben, die das ZDF unter seinem für Wahllosigkeit stehenden Label „ZDFzeit“ zeigt - sonst wären die Erwartungen im Vorfeld nicht so groß gewesen. Da wird der größte filmische Aufwand für die kleinste Erkenntnis betrieben, etwa, dass C&A mit drei „Sternen“ knapp gegen H&M gewinne, obwohl beide Modeunternehmen Nachholbedarf in Sachen Verantwortung hätten. Die Frage, ob alternative Heilmethoden besser sind als die Schulmedizin, beantwortete eine Sendung nach 45 Minuten mit dem üblichen Coldplay-Musikteppich und dem Sprecher-Fazit: „Von beidem das Gute.“

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So gesehen, liegen die beiden Vegan-Videoblogger vermutlich nicht falsch, die sich in einem geschickt für Google optimierten Youtube-Film ausmalten, wie die „Doku, die keiner sehen soll“ trotz der zu erwartenden revolutionären Ergebnisse contra Fleischkonsum geendet hätte. Lars von „Rohe Energie“ machte eine affige Sprecher-Stimme nach: „Der beste Tipp ist, sich ausgewogen zu ernähren, ein bisschen Fleisch, ein bisschen Gemüse, ein bisschen Salat, und alles ist gut.“

Die beiden sagen dann noch, dass sie eh kein Fernsehen guckten, ganz besonders keine Werbung und keine Nachrichten, und Zeitung läsen sie schon gar nicht. Noch dürften sie unzensiert auf Youtube für Rohkost werben, aber man wisse natürlich nicht, wie lange noch. Sicherheitshalber solle man ihnen auf Facebook folgen, da seien Beiträge nicht so einfach von bösen Mächten zu löschen wie auf Youtube. Oder im ZDF.

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Quelle: F.A.Z.
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