Verschwörungstheorie nach Plasberg-Sendung

Wurde der denn nicht gebrieft? Doch!

Von Michael Hanfeld
11.01.2008
, 11:41
Nach Frank Plasbergs letzter „Hart aber fair“-Sendung breitet sich im Internet eine Verschwörungstheorie aus. Sie geht der Frage nach, warum der Grünen-Politiker Özcan Mutlu Justizministerin Brigitte Zypries während eines Parallel-Interviews fragte: „Wurde der denn gar nicht gebrieft?“.

Ein Marktanteil von 14,8 Prozent und 3,85 Millionen Zuschauer sind auch ein Argument. Und ein Indiz dafür, dass Frank Plasberg mit dem Thema seiner Talkshow „Hart aber fair“ richtig lag. Viermal mehr Anrufe, dreimal mehr Einträge im Internet-Chatroom - oder umgekehrt - und die heftige Debatte über das Thema Jugendkriminalität und Kriminalität unter jungen Zuwanderern zeigen ebenfalls, dass es hier nicht nur um den Wahlkampf von Roland Koch geht, auch wenn der diesen Fernsehauftritt am Mittwochabend sicherlich auf der Habenseiten verbuchen wird.

Das aber lag zu einem guten Teil daran, dass ihm die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries und der Grünen-Politiker Özcan Mutlu nur bedingt Paroli boten und - vor allem - dass sie bei den unangenehmen Fragen, die Plasberg an jeden seiner Gäste zu richten pflegt, ein schwaches Bild abgaben. Mutlu wollte sich auf die Frage, ob die Debatte über Ausländerkriminalität nicht von vielen Politikern mit derselben Macht unterdrückt worden sei, mit der Koch sie nun betreibt, gar nicht einlassen. Und Brigitte Zypries wusste auf die Frage, was sie älteren Menschen in der U-Bahn rät, wenn dort Randalierer aufträten, nur zu sagen, dass man sich, wenn man zu mehreren sei, doch zu Wort melden oder eben den Wagen wechseln solle. Womit die Rat- und Wehrlosigkeit bewiesen wäre. Roland Koch wiederum hatte nicht seine stärkste Stunde, als es darum ging, die schleppende Bearbeitung von Verfahren gegen kriminelle Jugendliche in Hessen zu erklären - die Redaktion von Plasberg hatte die entsprechenden Zahlen selbst recherchiert und die Nachrichtenagenturen haben sich darauf auch gleich gestürzt.

„Was hätte Deutschland denn für Sie tun können?

Bei Zuschauern und im Internet wiederum zog besondere Aufmerksamkeit auf sich, worüber Özcan Mutlu und Brigitte Zypries nach rund einer Stunde bei „Hart aber fair“ tuschelten. Ihre Mikrophone am Revers waren offen, und so konnte man bei genauem Hinhören gewahren, dass Mutlu fragte: „Wurde der denn gar nicht gebrieft?“ „Doch“, antwortete ihm Brigitte Zypries. Wer sollte da wohl wen gebrieft haben? Ging es um den Moderator Plasberg oder um den jungen Mann namens Alaattin Kaymak, mit dem er gerade sprach und der auf die Frage „Was hätte Deutschland denn für Sie tun können?“ nichts Rechtes zu antworten wusste außer: das Anti-Rauchergesetz abschaffen.

Daran könnte man eine Verschwörungstheorie aufhängen, doch ist die Erklärung, wie Özcan Mutlu im Gespräch mit dieser Zeitung sagte, ganz einfach. Weil er erst in letzter Sekunde ins Studio gekommen war und die Gespräche, die Plasberg vor Sendebeginn mit den einzelnen führte, nicht mitbekam, habe ihn gewundert, warum der junge Mann bei dieser Frage so ins Stottern kam. Plasberg wiederum guckte in diesem Augenblick ganz verblüfft, weil sein Gegenüber, der als zum Guten gewendeter ehemaliger „Schläger“ und Hoffnungsträger am Rande antrat, ihm eröffnete, dass er die Fachoberschule gerade abgebrochen und vorhabe, Bodyguard zu werden. Bei „Hart aber fair“ werden inzwischen also sogar Mienen, Gesten und Worte auf die Goldwaage gelegt, die man gar nicht hören kann. Was einmal mehr unterstreicht, dass die wichtigste Talksendung der ARD mittwochs läuft.

Quelle: F.A.Z., 11.01.2008, Nr. 9 / Seite 38
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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