„Watch Dogs: Legion“

Wer liefert die Demokratie von morgen?

Von Matthias Hannemann
Aktualisiert am 13.01.2021
 - 14:36
Erinnerungskultur: In „Watch Dogs: Legion“ ist Londons Sicherheit bedroht.
Bis der Server brennt: Im Videospiel „Watch Dogs: Legion“ proben Hacker in einem totalitär regierten London den Aufstand – und potentiell jeder aus der Bevölkerung ist ihr Komplize.

Das hier ist eine Nachricht aus London an die Städte da draußen: Einmal nicht aufgepasst, und schon ist der letzte Rest Freiheit dahin. Nach Bombenanschlägen, die Gebäude an der Blackfriars Bridge und weitere Gegenden zerstörten, stellt die britische Regierung der überforderten Hauptstadt eine Privatarmee namens Albion zur Seite. Diese sichert die Stadt und perfektioniert die Suche nach illegalen Einwanderern.

Selbstverständlich haben die humorlosen Schergen von Albion im dritten Teil des Hacker-Thrillers „Watch Dogs“ Zugriff auf das „Central Operating System“ von Blume. In den Servern des multinationalen Datenkonzerns fließen alle nur erdenklichen Daten Londons zusammen. Wer sie hat, kann Autos, Ampeln, Kameras und Paketdrohnen ebenso kontrollieren wie eine Gesellschaft, die schon vor den Bomben unruhig war. Sie protestiert gegen die Automatisierung der Berufswelt und lässt davon auch unter der Albion-Herrschaft nicht ab: „Remember Democracy?“ steht auf den Plakaten.

Für die Anschläge macht der perfide Albion-Geschäftsführer Nigel Cass bereits in der ersten Pressekonferenz vor „10 Downing Street“ die Hackergruppe Dedsec verantwortlich, die einst das Blume-System in Chicago attackierte, um den Datenkonzernen im Silicon Valley auf die Finger am Rad der Geschichte zu hauen. Glatt gelogen: Dedsec London wollte den Anschlag verhindern, wobei einer ihrer Hacker ums Leben kam. Seine atemlose Suche nach den Bomben ist der Einstieg für „Watch Dogs Legion“ mit Agenten-Thrill ohne staatlich zertifizierte Agenten, inszeniert von Ubisoft Toronto, das 2013 für „Tom Clancy’s Splinter Cell: Blacklist“ und 2018 für „Far Cry 5“ verantwortlich war.

Spiel doch, wen du willst

Aber in wessen Rolle schlüpfen wir, nun, da unser Mann auf dem Dach des Westminsterparlaments von Kampfdrohnen erschossen worden ist? Im ersten Teil von „Watch Dogs“ schlüpften wir in die Haut des kriminellen Hackers Aiden Pearce, der per Zufall in unangenehme Machenschaften geriet, im inhaltlich gewitzteren Nachfolger kämpften wir als Marcus Holloway gegen die wachsende Allmacht von Blume und Konsorten.

Spiel doch, wen du willst, ruft uns „Watch Dogs 3“ diesmal zu: Das Open-World-Abenteuer ist so programmiert, dass der Spieler die Steuerung eines jeden Bewohners von London übernehmen kann, sofern der nur eine Grundsympathie für Dedsec nachweist. Und das ist nicht einfach nur ein Einstiegsgimmick. Die Londoner Zelle von Dedsec muss vielmehr fortlaufend durch das Rekrutieren neuer Mitstreiter ausgebaut werden. Namen und Erscheinung zwirbelt der Konsolenrechner in die visuellen Stränge der Story.

Trotz der schematischen Dialoge, die das Anheuern der Neulinge einleiten und beinahe klingen wie „Guten Tag, ich komme von der Firma Dedsec, wollen Sie nicht schon immer im Widerstand sein?“, ist dieser mit einigem Aufwand verbundene Kniff faszinierend. Jeder Passant der Millionenstadt hat ein biographisches Profil, auf das wir als Überhacker zugreifen können. Wir sehen Alter, Beruf, Einkommen, Krankheiten, auffällige Suchanfragen, Hobbys und Spezialitäten. Und entscheiden uns etwa für den 57 Jahre alten Mechaniker Ionut Dragoescu, einen nervenkranken ehemaligen Gewerkschaftler mit entzogenem Pass, oder die fünfunddreißigjährige Kunsthändlerin Ann Ward, die sich dem Widerstand anschließt, nachdem Dedsec ihren KI-Ersatz ausgeknipst hat. Für eine Mission muss dazu eine Bauarbeiterin, für eine andere ein zweifelnder Albion-Stormtrooper überzeugt werden.

Widerstand als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Doch nach einer Weile schwindet das Staunen über diese Spielmöglichkeit. Die waschzettelkurzen, von der Software manchmal arg zufällig zusammengewürfelten Biographien und vielen Figuren-Wechsel haben zur Folge, dass die Identifikation mit keiner Figur richtig gelingt. Dabei konnte man in den letzten Monaten in Sachen Games wirklich eindrucksvollen Figuren begegnen, darunter Jin Sakai als „Ghost of Tsushima“ oder Ellie und Abby in „The Last of Us 2“, das bei den Game-Awards zum Spiel des Jahres 2020 gewählt wurde.

Die frei wählbaren Protagonisten in „Watch Dogs Legion“ sind eigentlich nur dafür gut, den Widerstand als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu unterstreichen – und Ubisoft vor etwaigen Diskussionen um die diversitätstechnisch richtigen oder falschen Helden zu bewahren. Namen wie Ionut Dragoescu oder Ann Ward und ihre Geschichten werden wir leider schon morgen wieder vergessen haben.

So ist es auch mit den Namen der Bösewichte, die es schleichend, drohnenfliegend, robospinnenkrabbelnd, stromkreisrätselnd oder um sich schießend zu beseitigen gilt. Die in egozentrischer Hologrammform auftretende Führerin der Anarchistengruppe „Zero-Day“, der kalte Lederjackenträger Nigel Cass von Albion oder die verlebte Chef-Banditin Mary Kelley: alles Plastikgesichter.

Allein Skye Larsen, die von Unsterblichkeit träumende Gründerin eines Neurotech-Unternehmens, bildet eine Ausnahme. Im Keller ihrer Villa befindet sich, stärkster Moment des Spiels, der komplette Nachbau ihres Elternhauses samt verwunschenem Garten. Wir steigen hinab, erleben dunkle Momente ihrer Biographie mit Hilfe der „Augmented Reality Reconstruction“ (das sind Rückblenden, die durch die Daten von Überwachungskameras ermöglicht werden) und haben für einen Moment das Gefühl, die eigentliche Geschichte von „Legion“ erreicht zu haben: ein von transhumanistischen Phantasien befeuertes Horror-Märchen. Doch dann ist Larsens Story vorbei, kaum dass sie begonnen hat.

„Watch Dogs Legion“ leidet unter einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Jedenfalls will es nicht nur eine, sondern möglichst viele Geschichten aus der Digitalwelt von morgen erzählen. In der kriminalistischen Frage, wer hinter den Bombenschlägen stehen könnte, läuft die Handlung auf voraussehbaren Bahnen. Egal, könnte man sagen, dafür ist das Thema relevant und die Kulisse grandios. Das dystopische London, das vor dem Erscheinen des Spiels gelegentlich als „Post-Brexit-London“ gedeutet wurde, ist ähnlich einnehmend wie das romantische London, das Ubisoft für „Assassin’s Creed Syndicate“ rekonstruierte. Doch mit Kulissenzauber kommen Spieleproduzenten mittlerweile viel zu oft durch. „Watch Dogs“ könnte erzählerisch sehr viel erwachsener sein.

Watch Dogs: Legion ist für Playstation 4/5, Xbox One/Series, Google Stadia und den Windows-PC zu haben, kostet etwa 60 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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