Vox-Show „Shopping Queen“

Bin ich hübsch, oder bin ich hässlich?

Von Melanie Mühl
22.04.2014
, 12:38
Und wer wird jetzt Shopping Queen? Babette, Josi, Annette, Julia und Britta nach der modischen Rundumerneuerung.
„Shopping Queen“ ist eine der erfolgreichsten Shows im deutschen Fernsehen. Da gewinnt, wer seine körperlichen Makel modisch am besten kaschiert. Das klingt lustiger, als es in Wahrheit ist.
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Sobald dem Fernseh-Shopping-Papst Guido Maria Kretschmer kleidungstechnisch etwas missfällt, verzieht er sein Gesicht, als moderiere er nicht die Doku-Sendung „Shopping Queen“, sondern sei im Dschungelcamp und müsse eine Handvoll Kakerlaken essen. Manchmal schlägt er auch einfach die Hände vors Gesicht oder verleiht seiner Stimme diesen nasalen Ton, in dem er Sätze sagt wie: „Das ist sehr viel Locke für relativ wenig Hals“ oder: „Alle Mädchen, die fleischige Gesichter haben, müssen versuchen, das zu umschiffen.“ Weshalb? Damit sie nicht so fleischig aussehen wie kleine Ferkelchen.

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Guido Maria Kretschmer, 49 Jahre alt, Modedesigner, haben Sprüche wie diese zu einem sehr erfolgreichen Mann gemacht. An fünf Tagen in der Woche strahlt Vox seine Sendung „Shopping Queen“ aus, in der fünf Kandidatinnen gegeneinander antreten, wobei am Ende die Teilnehmerin gewinnt, die das beste Modegespür hat - konkreter formuliert: die das Beste aus sich rausholt. Kretschmers „Shopping Queen“ ist wie Heidi Klums Topmodel-Contest eine Optimierungsshow, nur dass die Frauen bei Kretschmer in der Regel weder Modelmaße noch modelähnliche Gesichter haben. Es sind normale Frauen, mit Doppelkinn, Fettpölsterchen, kurzen Beinen. Guido Maria Kretschmer inszeniert sich als bester Freund all dieser Frauen, als eine Art großer Bruder ohne heidiklumhaften Gefängniswärterton, stattdessen mit freundlichem Grinsen, weshalb ihm seine Kandidatinnen die Spitzen, die genau genommen oft genug Beleidigungen sind, offenbar nicht übelnehmen. Liest man Kretschmers seit Monaten auf der „Spiegel“-Bestsellerliste stehendes Buch „Anziehungskraft“, tönen seine Sprüche allerdings weitaus weniger lustig, als sie es im Fernsehen tun.

Haben Dicke eine Daseinsberechtigung?

In diesem Buch ist beispielsweise vom „sympathischen Brett“ die Rede, womit Kretschmer jenen Typ Frau meint, der weder Busen noch Po hat und bei dem im Extremfall hinten auch vorne sein könnte beziehungsweise vorne hinten, was man bei Brettern ja nie so genau weiß. Das Vorne-könnte-auch-hinten-sein-Problem trifft ebenso auf die kleinen runden „Kugelfische“ zu, die im Gegensatz zu den „Brettern“ zu häufig hier gerufen haben, als der liebe Gott Po, Hüften und Busen verteilte. Jeder körperliche Makel aber, so lautet Kretschmers gute Nachricht, lässt sich durch das Befolgen einiger einfacher Styling-Regeln kaschieren.

Star-Designer Guido Maria Kretschmer gibt den „Shopping Queens“ Tipps: „Haben Sie keine Angst vor etwas Glitzer, Pailletten und Kristall!“
Star-Designer Guido Maria Kretschmer gibt den „Shopping Queens“ Tipps: „Haben Sie keine Angst vor etwas Glitzer, Pailletten und Kristall!“ Bild: VOX

Der „Von-allem-zu-viel-Frau“ rät er, keine Pumps mit Pfennigabsätzen zu tragen, weil das bei kräftigen Waden immer etwas wacklig aussehe. „Tragen Sie lieber filigrane Wedges und schicke Sandaletten mit Blockabsätzen. Haben Sie keine Angst vor etwas Glitzer, Pailletten und Kristall - Sie unterstreichen noch mal Ihre uneingeschränkte Daseinsberechtigung!“

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Man fragt sich, wer den Dicken ihre Daseinsberechtigung eigentlich abgesprochen haben soll. Außer Marius Müller-Westernhagen, der einst sang: „Dicke schwitzen wie die Schweine, stopfen, fressen in sich ’rin.“

Das „sympathische Brett“ spielt auch in einem anderen Sachbuch eine Rolle, das nicht auf der Bestsellerliste steht. Es ist Ariadne von Schirachs Buch „Du sollst nicht funktionieren. Für eine neue Lebenskunst“. Nur trägt das „sympathische Brett“ dort einen anderen Namen: Hungermädchen. Das Hungermädchen ist ein vom Optimierungswahn besessenes Wesen, das seinen Körper so lange malträtiert, bis er derart ausgemergelt ist, dass ihn die nächste Windböe fortwehen könnte. Ein Kleiderständer, Traum aller Designer, abgebildet in Magazinen und auf gigantischen Plakaten. Kate Moss in ihren besten oder schlechtesten Zeiten, je nach Perspektive.

Ein auf Fehler trainierter Blick soll zur Schönheit führen

Ariadne von Schirach, Enkelin von Hitlers Reichsjugendführer Baldur von Schirach, ist Mitte dreißig, 2007 erschien ihr Debüt „Tanz um die Lust“, es ging um Pornographie, um „übergeile“ Körper, in denen man selbst gerne stecken würde und vor allem: mit denen man gerne Sex hätte. Da diese Phantasie leider schwer zu verwirklichen ist, macht es sich die Pornogesellschaft eben lieber selbst, so Schirach, und zwar mit runtergelassenen Hosen oder hochgeschobenem Rock vor dem Computer. Selbstbefriedigung bis zum „Tennisarm“. Das Buch wurde ein Bestseller.

Das Allerbeste aus sich machen oder lieber der absurden Körper-Ökonomisierung den Kampf ansagen? Kandidatinnen der VOX-Serie „Shopping Queen“.
Das Allerbeste aus sich machen oder lieber der absurden Körper-Ökonomisierung den Kampf ansagen? Kandidatinnen der VOX-Serie „Shopping Queen“. Bild: VOX

Ariadne von Schirach und Guido Maria Kretschmer blicken von vollkommen unterschiedlichen Standpunkten aus auf unsere Gesellschaft: zwei Bücher, zwei Strategien, in einer Welt, in der alles Markt ist, in der der Daumen nach oben zeigt oder nach unten, zu bestehen. Während es in dem einen Buch immerzu darum geht, dass Allerbeste aus sich zu machen, plädiert das andere mit Verve dafür, der absurden Körper-Ökonomisierung den Kampf anzusagen. Während in dem einen der Körper nur als Spielfläche dienen soll, entlarvt ihn das andere als Stresskörper. Während der Styling-Experte in Tages-, Business- und Partylook- Denkmustern operiert, wirft die Autorin einen sezierenden Blick auf ein Leben als Produkt sowie die unablässige Selbstbeschau, -kontrolle und -ausbeutung: „Schön-Aussehen ... heißt, sich selbst durch das Auge einer imaginären Kamera zu beobachten, mit einem Blick, der erbarmungslos ist, unbestechlich und kalt. Dieser Blick nimmt jede Hautunreinheit wahr, jedes Härchen, jede Asymmetrie.“ Es ist ein auf Fehler trainierter Blick.

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13 Sekunden reichen für ein Urteil

Ariadne von Schirach ist nicht die Erste, die die totale Körperbewirtschaftung kritisiert, trotzdem ist ihre - manchmal arg pathetisch geratene - Stimme wichtig, weil man sich beim Lesen ihres Buches immer wieder fragt, wie man heute eigentlich als Jugendlicher in eine Gesellschaft hineinwächst, deren Leitspruch lautet: „Schau! Mich! An!“ Wie ist es, sagen wir einmal im heiklen Alter von fünfzehn Jahren, ständig Selbstporträts im Netz zu posten und panisch darauf bedacht sein zu müssen, dass man auch auf jenen Schnappschüssen toll aussieht, die andere fabrizieren?

Hübsch oder hässlich? Der überkritische Blick führt schnell zum Selbsthass.
Hübsch oder hässlich? Der überkritische Blick führt schnell zum Selbsthass. Bild: VOX

Dieser Druck lastet in erster Linie auf Mädchen, er lastet aber in immer stärkerem Ausmaß auch auf Jungs, deren Vorbilder freilich nicht dürre Models sind, sondern fitte, muskeldefinierte Körper wie der von David Beckham. „Die Medien diskriminieren mittlerweile beide Geschlechter gleichermaßen. Auch der männliche Körper ist nicht mehr gut genug“, so formuliert es Raymond Lemberg, ein amerikanischer, auf Essstörungen bei Männern spezialisierter Psychologe. Die Zeiten, da Essstörungen als reines Frauenproblem galten, sind jedenfalls vorbei.

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Oft endet der überkritische Blick im Selbsthass. Der Weg dorthin führt nicht selten über die sozialen Medien. Schon seit einiger Zeit stellen vor allem junge Mädchen selbstgedrehte Videos auf Youtube, in denen sie dazu aufrufen, ihr Äußeres zu bewerten. Sie werfen sich der Netzgemeinde freiwillig zum Fraß vor. Ihre Frage lautet: „Bin ich hübsch, oder bin ich hässlich?“ Vermeintliche Gewissheit, was ihre Attraktivität betrifft, will auch Roswitha, dunkelhaarig, mittelgescheitelt, schüchtern. Keine 13 Sekunden dauert das Video, die Kommentare reichen von „recht hübsch“, „Naja, ein bisschen hübsch aba du musst deine Haare anders machen“ bis „hässlich“. Man möchte nicht wissen, was die Bewertungen mit Roswithas Selbstwertgefühl anrichten.

Heißer als die eigene Tochter

Dass soziale Netzwerke beliebte Inszenierungswerkzeuge sind, ist nicht neu. Neu ist, dass Spielarten wie beispielsweise der Selfie-Trend in Amerika inzwischen messbare Konsequenzen haben. Laut einer Studie der American Academy of Facial Plastic and Reconstructive Surgery (AAFPRS) beschert die von Hollywood-Stars ausgelöste Selbstfotografie-Manie dem Markt der ästhetischen Chirurgie gerade hübsche Zuwachsraten. So gab ein Drittel der befragten Ärzte an, dass vermehrt Patienten ästhetische Eingriffe vornehmen ließen, um in den sozialen Medien attraktiver zu erscheinen.

Sandra  und Mama Angelika lassen sich in der VOX-Serie „Shopping Queen“ zurechtmachen. Treten Mütter und Töchter bald gegeneinander an?
Sandra und Mama Angelika lassen sich in der VOX-Serie „Shopping Queen“ zurechtmachen. Treten Mütter und Töchter bald gegeneinander an? Bild: VOX

„Soziale Plattformen wie Instagram, Snapchat und die iPhone-App Selfie.im, die ausschließlich auf Bildern basieren, zwingen die Patienten dazu, sich selbst wie unter einem Mikroskop zu betrachten, und das mit einem viel selbstkritischeren Auge als jemals zuvor“, sagt Edward Farrior, MD, Präsident der AAFPRS. „Diese Bilder sind oft der erste Eindruck, den besonders junge Menschen bei künftigen Freunden, Liebhabern und Arbeitgebern hinterlassen, und unsere Patienten wollen ihres schönstes Gesicht zeigen.“ Dieses schönste Gesicht löst sich als ausgestellte Ware im digitalen Schaufenster dummerweise unter Millionen von Gesichtern auf. In der Illusion vom Wir ist das Selfie die Illusion vom Ich. Seit kurzem ist eine neue App namens SkinneePix auf dem Markt, die Selfies automatisch so aussehen lässt, als hätten sie ein paar Kilogramm abgespeckt.

Das Gefühl, nicht mehr gut genug zu sein, zieht sich durch beinahe sämtliche Altersklassen. Fünfzig sei jetzt das neue dreißig, schreibt Ariadne von Schirach. Dazu passt, dass der Sender RTL und Guido Maria Kretschmer gerade gemeinsam an einem neuen Format arbeiten, das im Mai zum ersten Mal ausgestrahlt werden soll. Sein Name: „Hotter than my daughter“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Melanie Mühl / Juli 2018
Melanie Mühl
Redakteurin im Feuilleton.
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