Das Videospiel „Death’s Door“

Warum die Krähen Trauer tragen

Von Kira Kramer
28.12.2021
, 19:44
Schön grün hier: In der Waldsiedlung macht sich die schwertschwingende Krähe auf die Suche nach verlorenen Seelen.
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Ein loser Vogel als Erntehelfer: Im Videospiel „Death’s Door“ kämpft der Spieler als gefiederter Seelensammler mit Formularen ebenso wie mit räuberischen Artgenossen.
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Grau ist der Büroalltag im Jenseits. Enden will er auch nicht. Und wenn doch nur der Papierkram nicht wäre! Zu beneiden sind die Rabenvögel jedenfalls nicht, die tagein, tagaus in den Bürohallen der Ewigkeit ihr Dasein fristen. Das Videospiel „Death’s Door“ schickt den Spieler als namenlose Krähe in eine bürokratische Vorhölle, hinter deren Schreibtischen weitere bedauernswerte Krähen sitzen, die trotz ihrer Unsterblichkeit im Jenseits darüber klagen, dass ihnen die Zeit fehlt.

Durchschnitten wird die schwarz-weiße Monotonie einzig von der leuchtend roten Klinge, die darauf hindeutet, dass wir immerhin keinem Schreibtischjob nachgehen müssen. Als Angestellter der Behörde, die sich „Erntekommission“ nennt, lässt unser erster Auftrag nicht lange auf sich warten. Es gilt eine Seele im Diesseits einzusammeln oder zu ernten, wie es im Spiel heißt. Schon tut sich in den schachbrettgefliesten Korridoren der Kommission eine Tür auf und gewährt Zutritt zur Welt der Sterblichen, in der wir als gefiederter Sensenmann das letzte Geleit geben – vorübergehend aber auch zu Sterblichen werden.

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Im Diesseits ist der Spieler auf sich allein gestellt. Bis auf äußert knappe Erläuterungen zur Steuerung hilft uns kein Tutorial und keine Karte, die Welt zu erschließen. Dafür ist sie nun in Farbe getaucht, was sie kaum behaglicher macht. Denn ist die gesuchte Seele gefunden und im ersten Bosskampf des Spiels einem vierarmigen Tunichtgut entrissen, luchst eine zerrupfte Riesenkrähe sie uns mit einem gezielten Schlag auf den Kopf schon wieder ab. So ein gescheiterter Auftrag gefällt den Paragrafenreitern der Erntekommission gar nicht, also rasch hinterher und retten, was zu retten ist – sonst warten lästige Formulare.

Seelenenergie für die Todestür

Die Suche nach der diebischen Krähe führt uns zu allerlei skurrilen Gestalten, die danach trachten, uns die ohnehin knappen Lebenspunkte zu reduzieren, wenn wir ihnen nicht zuvorkommen und mit ihrem magentafarbenen Blut die Landschaft beflecken. Die aufgespürte Riesenkrähe offenbart uns schließlich, dass sie vor langer Zeit selbst einmal ein Seelensammler war. Bestohlen hat sie uns, um die „Seelenenergie“ für den Versuch zu nutzen, eine gigantische schwarze Tür zu öffnen: die titelgebende „Tür des Todes“. Erfolg hatte sie nicht. Die Tür bleibt verschlossen, und unser offenbar nicht allzu behördentreuer Rabenvogel lässt sich dafür einspannen, weitere Seelen zu ernten, mit deren Energie sich die Todestür öffnen lassen soll. Wenig überraschend trifft das beim Chef der Erntekommission auf wenig Gegenliebe. So beginnt eine Reise durch die Welt der Lebenden, in der sich manch einer gegen den Tod sträubt.

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„Death’s Door“ ist ein anspruchsvolles Indie Action Adventure, das zwar nicht mit einer langen Spieldauer aufwartet, dafür aber mit viel Liebe zum Detail glänzt. Ein Totengräber, der das Leben verschmäht, eine Hexe, die versucht, dem Tod zu entrinnen, und ein Krähen-Geheimbund, der das System revolutionieren will – es sind vor allem die Charaktere, denen wir entlang unseres Weges begegnen, die „Death’s Door“ spielens- und liebenswert machen. Die Kämpfe mit zähen Endgegnern wie etwa einem blutrünstigen Froschkönig, der Yeti-Dame Betty oder der rotnasigen Urnenhexe verlangen dem Spieler nicht nur jeweils eigene Kampfstrategien ab, die es durch Ausprobieren zu entwickeln gilt, sondern erzählen auch humorvoll von Schicksalen, deren Ideenreichtum thematisch aus dem gesamten Spektrum zwischen Ewigkeit und Endlichkeit schöpfen kann.

Kopfloses Draufhauen bewirkt wenig

Erdacht haben die Krähenodyssee Mark Foster und David Fenn von Acid Nerve, einem Zwei-Mann-Entwicklerstudio aus Manchester, das der Gamingwelt bisher einzig durch den Titel „Titan Souls“ bekannt ist. Der ebenfalls aus der Feder David Fenns stammende orchestrale Soundtrack zum Spiel begleitet das meist rasante Gameplay und trägt zur verspielt-morbiden Atmosphäre bei. Inspiration für die Optik des Spiels dürften auch die Trickfilme des japanischen Studios Ghibli geliefert haben. Ein weiteres Vorbild für „Death’s Door“ ist der Videospiel-Klassiker „The Legend of Zelda“, auf das sich im Spielverlauf auch zahlreiche Verweise finden lassen, sei es im eigenwilligen Charakterdesign der Gegner und Weggefährten oder darin, dass unsere Krähe für schnelle Ausweichmanöver lieber eine Ninjarolle macht, statt ihre Flügel zu nutzen.

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Kampfsystem und Schwierigkeitsgrad sind mitunter so anspruchsvoll, dass sie selbst geübte Gamer ein ums andere Mal zum Fluchen bringen dürften, allerdings ohne dabei so frustrierend zu sein wie das zweite prominente Vorbild „Dark Souls“. Kopfloses Draufhauen bewirkt nur in den seltensten Fällen etwas gegen die beißenden Pflanzen, fliegenden Zauberer und gepanzerten Elementritter, die sich unserer Krähe in den Weg stellen.

Spieltechnisch macht „Death’s Door“ sonst zwar wenig neu, doch das braucht es auch nicht, um zu gelingen. Denn das Leben unserer Krähe ist nicht bloß Kampf. Die Monsterwellen, die regelmäßig über den Seelensammler hereinbrechen, werden immer wieder abgelöst von kleineren und größeren Rätseleinlagen, die, verglichen mit dem herausfordernden Kämpfen, eher leicht zu meistern sind. Mal gilt es, einer trügerischen Spiegelung im Boden auf die Schliche zu kommen, mal entfernte Schalter mit einem Pfeil zu aktivieren. In versteckten Schreinen lassen sich obendrein Kristalle finden, mit denen wir schrittweise unsere Lebensenergie und unser Magiepotential verbessern können. Gesammelte Seelenenergie lässt sich zudem in die Aufwertung von Fähigkeiten investieren, die uns im Kampf unterstützen.

So gibt „Death’s Door“ seine Geheimnisse erst nach und nach preis, führt den Spieler zurück an die Todespforte und die Erzählung einem überraschenden Ende zu. Und selbst wenn man sich wieder und wieder über das eigene Ableben ärgert, steht der Tod ja letztlich an unserer Seite. Denn im Angesicht der Ewigkeit ist alles einerlei.

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Death’s Door ist für PlayStation 4 und 5, Xbox One und Series, Nintendo Switch und den Windows-PC zu haben und kostet etwa 20 Euro.

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© YouTube/DevolverDigital

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kramer, Kira
Kira Kramer
Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.
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