Nach Plänen von WDR 3

Sprachlos im Kölner Literaturhaus

Von Oliver Jungen
25.02.2021
, 11:58
Das Funkhaus des WDR in Köln
Eine Diskussion über die Zukunft der Literaturkritik im Rundfunk verfehlt in vielsagender Weise ihr Thema. Die Erkenntnis des Abends: Die Selbstauflösung des Kulturradios ist in vollem Gange.

Die Debatte über die Entscheidung von WDR3, die tägliche Literaturrezension in der Morgensendung „Mosaik“ (und einige weitere Literaturformate) nicht fortzuführen, hatte eine eigentümliche Wendung genommen. Wer die Empörung anfangs für übertrieben halten mochte – Veränderung muss ja möglich sein –, durfte spätestens nach der Richtigstellung durch den WDR-3-Programmchef Matthias Kremin alarmiert sein, denn da war nicht nur blumig von „Innovation“ die Rede, sondern Kremins Beispiele für eine „zeitgemäße“ Herangehensweise an Literatur waren Lesungen, Hörer-Lesungen, Gespräche mit Autoren (die als Buch-PR nichts kosten) und mit Kritikern. Es wird im Kulturradio also offenbar nicht mehr unterschieden zwischen literarischer Aufführung und Literaturanalyse.

Einen Monat später hat das Literaturhaus Köln unter der Leitung von Bettina Fischer nun vier Gäste zusammengebracht, um der Frage nachzugehen, welche Zukunft die Literaturkritik im Radio hat. Der auch für den WDR arbeitenden Kritikerin Insa Wilke, die eine vielbeachtete Petition gegen die Reformpläne von WDR 3 initiiert hatte, stand die Kiepenheuer-&-Witsch-Verlegerin Kerstin Gleba zur Seite. Auf der Gegenseite argumentierten Volker Schaeffer, Leiter der aktuellen Kultur beim WDR, sowie Alf Mentzer, Leiter der Kulturredaktion beim Hessischen Rundfunk. Nach dem Gespräch, das in vielsagender Weise sein Thema verfehlte, war das Misstrauen größer als zuvor.

Die Selbstauflösung des Kulturradios

Dabei ging es harmonisch los mit der allseitigen Versicherung, wie wichtig Literaturvermittlung sei. Schaeffer, der den „Shitstorm“ in der Literaturszene ungerecht fand, wollte den Konflikt aber sogleich mit der Bemerkung beerdigen, es gehe bei WDR3 allein darum, den Rezensionen, die um 6.45 Uhr nur 0,1 Prozent Reichweite hätten, mehr Aufmerksamkeit zu sichern. Wilke replizierte leicht spitz, sie freue sich, „dass alles ein Missverständnis war“. Dann würden die fünf Rezensionen also zu anderen Zeiten gesendet? „Ich tue mich schwer mit irgendwelchen quantitativen Geschichten“, beschied Schaeffer.

Es wurde immer klarer, dass man nicht auf derselben Ebene diskutierte. So blieben Fragen, um die es hätte gehen sollen, außen vor: Was genau ist die Aufgabe von Literaturkritik? Wie eng darf sie sich an der Literaturwissenschaft orientieren? Sollten Form und Sprache im Vordergrund stehen, nicht der Inhalt? Sind reine Geschmacksurteile und, horribile dictu, „Lesetipps“ erlaubt? Was kann man etwa von der hochreflexiven Podcast-Szene lernen? Die Radioverantwortlichen, die in nahezu jeder Antwort hervorhoben, dass der lineare Funk endlich (oder zumindest: „first“) digital und weniger elitär werden müsse, weil man sonst „die jungen Leute“ nicht mehr erreiche, hatten für derlei konkrete Problematik, die zumindest dem selbst aus der Literaturkritik kommenden Mentzer vertraut sein müsste, gar keine Zeit. Sie betonten, dass das „Begleitmedium“ Rundfunk dialogischer werden und die gesamte Gesellschaft abbilden müsse, was Gleba zu dem Einwurf hinriss, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der um die eigene Strahlkraft nicht mehr wisse, dürfe sich auch Impulse zutrauen.

Dass die Literaturvermittlung neue Formate brauche, galt den Radioleuten als ausgemacht, auch um damit – das ist etwa die Aufgabe der von Mentzer geleiteten „Kultur-Unit“ – in sozialen Medien zu verstreuten, nicht unbedingt gebildeten Subkulturen durchzudringen. „Wir müssen das so gestalten, dass wir bei denen in die Timeline gespült werden“, assistierte Schaeffer. Was aber über die Schlagworte „bunt“ und „vielfältig“ hinaus denn nun der Plan sei, wollte Wilke, nun schon halb verzweifelt, wissen. Schließlich würden die klassischen Formate ja bereits eingestellt. Mentzers Antwort: Der Plan sei ein Prozess mit bestimmten Konkretionen, wobei die gegenwärtigen Produkte noch nicht das Endportfolio darstellten. Das Ziel sei, Publika zu gewinnen, die man linear nicht mehr erreiche. Warum man dafür dem kulturinteressierten Radiopublikum die Literaturbesprechung streichen muss, erklärte das nicht.

Schaeffer, eher „digital reborn“ als „digital native“, war unterdes noch ein Schlagwort eingefallen: Man hätte all diese Fragen lieber in Clubhouse diskutieren sollen als im bürgerlichen Literaturhaus. Die (ganz bewusste) Selbstauflösung des Kulturradios, so die Erkenntnis des Abends, ist in vollem Gange. Das Analytische in seiner alten, fordernden Form hat an der Spitze der Häuser immer weniger Fürsprecher, weil die Jugend, so stellt man es sich offenbar vor, eher Leichtverdauliches wolle. Die Verlegerin fand für die Sorge, die sich daraus ableitet, abschließend die passenden Worte: „Unterschätzt nicht das Publikum.“

Quelle: F.A.Z.
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