Die Royals und die Medien

Sie sind sicher, solange sie langweilen

Von Gina Thomas, London
01.12.2021
, 13:41
Die BBC-Dokumentation sorgt unter den Royals für Aufregung.
Monarchie, Medien, Macht: Die zweiteilige BBC-Dokumentation über das britische Königshaus sorgte unter den Royals für Aufregung. In der Familie ging die Befürchtung um, dass unwahre Behauptungen in der Öffentlichkeit verbreitet werden.
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Nach der Aufregung, die der zweiteiligen BBC-Dokumentation über das Verhältnis der beiden Prinzen William und Harry zu den Medien vorausging, hätte man meinen können, dass der Sender mit seinen sensationellen Enthüllungen an den Fundamenten des Königshauses rüttle. Der jeweilige Hofstaat der drei Paläste, Buckingham Palace, Clarence House und Kensington Palace, in denen die Königin, Prinz Charles und Prinz William residieren, sei in Aufruhr, hieß es zuvor, und drohten notfalls sogar mit Anwälten gegen den öffentlich-rechtlichen Sender vorgehen.

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Berichte zitierten eine seltene gemeinsame Erklärung der drei Haushalte, die am Ende beider Sendungen eingeblendet wurde, als Beleg für das Ausmaß des Ärgers. Die Reaktion war vorsichtig formuliert worden, gewissermaßen als Ablehnung der Aufforderung von Seiten des Senders, einen Kommentar abzugeben oder einen Vertreter des Königshauses für die Sendung interviewen zu lassen. Bedroht sei die Bedeutung einer „freien, verantwortlichen und offenen Presse“ für eine gesunde Demokratie, wenn, so der Tadel, „übertriebene und haltlose Behauptungen ungenannter Quellen“ zu oft als Tatsache dargeboten würden. Demnach sei es enttäuschend, wenn jemand, einschließlich der BBC, diesen Behauptungen Glaubwürdigkeit schenke. Die angehängte Erklärung klang, als bereite sich das Königshaus auf eine weitere Kanonade des Herzogpaares vor.

Inszenierung ist alles: Meghan Markle als Herzogin von Sussex.
Inszenierung ist alles: Meghan Markle als Herzogin von Sussex. Bild: AFP

Meghan und Harry, Herzogin und Herzog von Sussex, hatten ihre Anwältin zwar befugt, ihre Seite in der Sendung zu vertreten, von einem eigenen Auftritt jedoch abgesehen. Es mangelt, wie die BBC zeigte, auch nicht an Archivmaterial, das die Abneigung von Harry und Meghan gegen die Medien dokumentiert, die Prinz Harry bis heute für den Tod seiner Mutter verantwortlich macht. Im Mittelpunkt der Sendungen stand denn auch seine Entscheidung, sich im Unterschied zu seinem älteren Bruder nicht an das ungeschriebene Gesetz zu halten, das das Verhältnis zwischen Medien und Königshaus als eine Art Tauschgeschäft auslegt, bei dem Zugang zu Informationen gegen positive Berichterstattung gehandelt werde.

So ziehe es ein Prinz vor, die Spielregeln einzuhalten, während der andere sie ändern wolle, fasste der Moderator Amol Rajan den Kern der Affäre zusammen. Ian Hislop, langjähriger Chefredakteur der satirischen Zeitschrift „Private Eye“ drückte die Folgen dieser unterschiedlichen Strategien pointierter aus: Wenn man, wie Meghan und Harry, die Presse verklage, dann stehe Kate „großartig“ dar, während Meghan als „nicht so großartig“ dargestellt werde. Im Ganzen seien die Royals vor dem prüfenden Blick der Medien sicher, „solange wir das Gefühl haben, dass sie ein langweiliges Leben führen mit Hunden, Pferden, Schottland und andere Dinge, um die wir sie nicht schrecklich beneiden,“ sagte Hislop. Seiner zynischen Auffassung nach bestehe die Aufgabe der Royals im Wesentlichen darin, im Regen zu sitzen und zu winken.

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Liefert inhaltlich nur wenig Neues

Anna Pasternak pflichtete ihm bei, indem sie der Herzogin von Cambridge eine „berechnete Aura der Fadheit“ zuschrieb. Pasternak war eine von mehreren Journalisten, die dem Palast unterstellten, gezielte Indiskretionen zu streuen. Sie widersprach der Wahrnehmung, die Monarchie sei der britischen Presse schutzlos ausgeliefert. Tatsächlich sei das Ausmaß der von den königlichen Höfen ausgehenden Manipulation der Medien weitaus größer als der „Otto Normalverbraucher es glauben würde.“ Doch Otto Normalverbraucher ist nach den „Kriegen der Wales’“, bei dem „Freunde“ von Prinz Charles und Prinzessin Diana der Presse Informationen zuspielten, die den Zusammenbruch der Ehe aus Sicht der jeweiligen Partei schildern sollten, und dem Bruderzwist im Hause Windsor, längst nicht so naiv, wie Anna Pasternak meint.

Am Ende des zweiten Teiles der Dokumentation, „The Princes and the Press”, dürften sich die meisten Zuschauer dennoch gefragt haben, warum die BBC diesen Aufwand betrieben hat, um wenig Neues zu sagen. Das gilt umso mehr im Lichte der Beschimpfungen, die es vonseiten Prinz Williams hagelte, als öffentlich wurde, dass die BBC versucht hatte, die Täuschungen ihres gefallenen Reporters Martin Bashir im Zusammenhang mit dessen berüchtigtem Diana-Interview unter den Teppich zu kehren.

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Aufschlussreich hingegen war ein Nebensatz der Anwältin der Herzogin von Sussex, die ihre Mandantin gegen den Vorwurf verteidigte, ihr Personal drangsaliert zu haben. Meghan sei „absolut“ unschuldig. Mit der Bemerkung, dass die Herzogin allerdings nicht die ganz persönliche Erfahrung des Personals in Frage stellen wolle, schien sich die Anwältin dagegen zu wappnen, dass sich die Untersuchung der Vorwürfe gegen Meghan ausweiten könnte.

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Die Dokumentation ergreift keine Partei

Als die BBC diese Dokumentation vor mehr als einem Jahr in Angriff nahm, waren ihr Versagen im Fall Bashir noch nicht offengelegt worden. Meghan wiederum hatte in dem Berufungsverfahren gegen die „Mail on Sunday“ noch nicht eingestehen müssen, dass sie einen „privaten“ Brief an ihren Vater im Hinblick auf die mögliche Öffentlichkeitswirkung verfasst habe, und dass sie entgegen ihrer ursprünglichen Aussage, doch Einfluss genommen hatte, um ihre Biografie aufzuhübschen. All diese Enthüllungen mussten von der BBC noch in letzter Minute eingearbeitet werden.

Die angebliche Befürchtung der verschiedenen Haushalte, dass die Dokumentation Partei für die Sussexes ergreife, hat sich nicht bewahrheitet. Keine Partei wird bevorzugt. Das Fazit, dass die Monarchie und die Medien ihre jeweilige Macht aus den Geschichten bezögen, die sie erzählen und dass die Wahrheit auf diesem Gebiet schwer zu ermitteln sei, ist so platt wie die Sendungen selber.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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