Berufstipp vom Minister

Warum nicht Fernsehkoch werden?

EIN KOMMENTAR Von Michael Hanfeld
15.01.2022
, 14:07
ZDF-Moderator Johannes B. Kerner mit den TV-Köchen Johann Lafer, Alfons Schuhbeck, Cornelia Poletto und Sebastian Lege.
Rund um die Uhr wird im deutschen Fernsehen gebacken und gebrutzelt. Das hat einen Politiker auf Gedanken gebracht.
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Die Älteren werden sich an den Wutausbruch erinnern: Er geschah beim Deutschen Fernsehpreis 2008 und ist ungefähr so legendär wie die Glutrede mit „Was erlaube Strunz? Ich habe fertig!“ des Bayern-Trainers Giovanni Trapattoni zehn Jahre zuvor. „Und zwischendurch immer wieder Köche, nichts als Köche!“, ereiferte sich der im Herbst 2013 verstorbene, frühere Literaturchef der F.A.Z., Marcel Reich-Ranicki.

Er hatte an besagtem Abend eigentlich den Ehrenpreis für sein Lebenswerk erhalten sollen, zu dem „Das Literarische Quartett“ im ZDF gehörte, ließ den Moderator Thomas Gottschalk stehen, lehnte vor laufender Kamera dankend ab und gab dem Fernsehen Saures.

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Damals konnte einem vor lauter Fernsehköchen tatsächlich Hören und Sehen vergehen. Inzwischen hat man sich daran gewöhnt, dass auf allen Kanälen gekocht, gebraten und gebacken wird. Es ist eine einzige „Küchenschlacht“, wie eine der Shows im Zweiten heißt, in der stellvertretend für ihre Zunft die Damen und Herren Herrmann, Lafer, Linster, Lichter, Kotaska, Kleeberg, Müller und Zacherl an den Herd treten.

Es vergeht kein Tag ohne Zehn-Gänge-Menü, vom Frühstücksfernsehen bis zur Mitternachtssuppe. Vielleicht können sich manche daran nicht sattsehen und holen sich Anregungen – im Internet geht das noch viel besser, das erschlägt jeden Gourmand.

Augen auf bei der Berufswahl

Für Bernd Buchholz (FDP), den Wirtschafts- und Arbeitsminister von Schleswig-Holstein, erscheinen die Fernsehköche indes als Vorbilder bei der Berufswahl. „Wir wollen“, zitiert ihn die Deutsche Presse-Agentur, „junge Leute überzeugen, dass Köche zum Beispiel coole Typen sind, wie man im Fernsehen jeden Nachmittag sehen kann. Mälzer und Henssler und wie sie alle heißen . . . man kann als Koch auch zum Fernsehstar werden, wie wir wissen, und das ist gar nicht so unwahrscheinlich in Deutschland.“

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Die Meister packen aus
So kochen die Spitzenköche

Fernsehstars? Was Buchholz umtreibt, ist klar: Für Schleswig-Holstein spielt der Tourismus eine große Rolle, also auch die Gastronomie, da sind Köche gefragt. Doch die können sich in Pandemiezeiten, in denen ihre Branche auf Sparflamme gestellt ist und viele Geschäft und Beruf aufgeben müssen, von der Aussicht auf eine Karriere im Fernsehen nichts kaufen. Denn da wird nur stellvertretend aufgetischt, Ersatznahrung quasi, und das auch nur von wenigen.

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Neue Köche braucht das Land, weiß Buchholz, der sich mit Medienkarrieren auskennt, war er vor seiner politischen Karriere doch Vorstandschef von Gruner + Jahr, des Verlags also, der gerade mit RTL Deutschland in einen Topf geworfen worden ist. Dabei wäre es schön, blieben die Jobs der Köche, die keine eigene Fernsehsendung haben, erhalten und könnten sie ihre Profession um ihrer selbst willen ausüben, jenseits der Bildschirme. Deshalb sollte jede Kochsendung mit dem Hinweis enden: Schalten Sie ab, und gehen Sie (2-G-plus-konform, ist schon klar) essen!

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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