Corona-Fonds für Fernsehdrehs

Kleiner Baustein, große Wirkung

Von Nico Hofmann und Henning Tewes
Aktualisiert am 05.08.2020
 - 11:04
Los geht’s: Ralph Herforth, Alexandra Maria Lara, Headautor und Regisseur Jörg Lühdorff und Ceci Chuh (v.l.) am Set der neuen TV-Now-Serie „Die Zeugen“.zur Bildergalerie
Wir brauchen einen von den Ländern gestützten Ausfallfonds für die deutsche Fernsehproduktion – unter Eigenbeteiligung von Sendern und Produzenten. Ein Gastbeitrag.

Als sich die Corona-Stille wie Mehltau über unser Land legte, hielt auch ein großer Teil unserer Branche einen Moment inne. Zwangsläufig. Wie hätten wir auch sonst reagieren können? Die Sicherheit unserer Angestellten und Anvertrauten ging vor: von der Schauspielerin zum Produktionsfahrer, vom Moderator bis hin zur Maske. Als Produzenten und Sendervertreter wollten wir niemanden vor oder hinter der Kamera gefährden.

Dabei ging es uns Fernsehmachern in Deutschland im Vergleich zu Kollegen und Kolleginnen anderer Länder noch gut. Wir konnten auch in den schwersten Wochen des epidemischen Ausbruchs die meisten Studioproduktionen weiterführen und dadurch Millionen von Menschen zu Hause einen Funken Leichtigkeit und Ablenkung in einen verunsicherten Alltag bringen. Und wir konnten dank der engen Abstimmung mit dem Bundesarbeitsministerium, den Berufsgenossenschaften und den lokalen Gesundheitsämtern ab Ende Mai wieder beginnen zu drehen. Das Hygiene- und Abstandskonzept als die entscheidende Voraussetzung dafür ist ein partnerschaftliches Werk. Es wurde unter maßgeblicher Beteiligung der Produzentenallianz als Dachorganisation der deutschen Film- und Fernsehproduzenten erarbeitet, in enger Abstimmung mit den Behörden und mit der beherzten Unterstützung der deutschen Fernsehsender.

Es ist diese solidarische Partnerschaft zwischen Produzenten, Sendern und öffentlicher Hand, um die uns unsere Kollegen in anderen Ländern beneiden und die letztendlich dazu geführt hat, dass wir wieder drehen können. Ist also alles in Ordnung? Nein, es fehlt noch ein wichtiges Puzzlestück. Denn alle jetzt laufenden Produktionen leben mit dem Damoklesschwert eines erneuten pandemischen Ausbruchs, ob national oder auch regional, wie in den letzten Tagen an verschiedenen Punkten Europas geschehen. Wie wir in den kommenden Tagen und Wochen mit diesem Damoklesschwert umgehen, wird die Zukunft und die Vielfalt der deutschen Produktions- und Fernsehwirtschaft maßgeblich prägen.

Die deutsche Produktionslandschaft ist von kleinen und mittleren Unternehmen getragen; ihre Stärke liegt darin, dass die Kreativen die Freiheit haben, ihre Visionen umzusetzen. In ihrer wirtschaftlichen Beschaffenheit sind viele deutsche Produzenten aber vom Projektgeschäft abhängig: Sie produzieren ein oder zwei Programme im Jahr. Ihre Eigenkapitaldecke ist oft dünn. Von viel Fett können sie im schlimmsten Fall nicht zehren, schon gar nicht nach den Monaten der Corona-Krise. Für die Eventualität eines Produktionsausfalls ist die Vielzahl der Produktionsunternehmen schlicht und einfach nicht gewappnet.

Und diese Risiken können auch insbesondere privatwirtschaftlich organisierte Sender nicht länger auffangen. Spürbar getroffen durch den massiven Einbruch der Werbewirtschaft im zweiten Quartal, haben die Sender solidarisch einen großen Teil der Verschiebe- und Abbruchkosten der ersten Corona-Welle getragen. Diese Regelungen werden auslaufen, denn sie sind perspektivisch schlichtweg nicht mehr finanzierbar. Denn jenseits dessen tragen die Sender neben ihren Produktionsbudgets aktuell auch die Mehrkosten, die den Produzenten durch strenge Quarantäne- und Hygieneauflagen entstehen. Und dass die Sender in wirtschaftlich schwierigsten Zeiten an der Beauftragung ihrer Produktionen weitestmöglich festhalten wollen, ist angesichts der aktuellen Lage alles andere als selbstverständlich.

In dieser Situation kann nur ein durch die öffentliche Hand garantierter Ausfallfonds helfen, weil sich die Versicherungswirtschaft selbst bisher einer Lösung verschließt. Beispiele aus anderen wichtigen Fernsehmärkten wie Großbritannien oder auch Nachbarn wie Österreich, schnell und pragmatisch umgesetzt, können hier den Weg weisen. Die bei uns durch Staatsministerin Monika Grütters angekündigten fünfzig Millionen Euro sind ein solides Signal.

Sie helfen dem Kern der deutschen Fernsehwirtschaft aber leider nicht – denn sie sind allein für das Kino und High-End-Serien in Bundeszuständigkeit bestimmt. Manche Bundesländer sind dankenswerterweise bereit, ihren Anteil zu einem weiteren gemeinsam oder separat finanzierten Fonds der Länder für Fernsehproduktionen beizutragen. Dies ist wichtig, denn die für das deutsche Fernsehen bestimmten Auftragsproduktionen machen mit jährlich rund 12.500 Programmstunden fast achtzig Prozent des Produktionsvolumens aus. Hier sind die meisten Unternehmen zu finden, auch die allermeisten der mehr als hunderttausend Kreativen unserer Branche des Landes tätig. Wir hoffen, dass die Länder nun ihren Weg von der grundsätzlichen Bereitschaft zur aktiv gestaltenden Politik finden. Denn die Hilfe ist jetzt nötig und sollte zeitlich befristet auch nur bis zum Sommer des nächsten Jahres andauern. Ein Fonds von ebenfalls fünfzig Millionen Euro ist vonnöten – ein vergleichsweise kleiner Baustein für das Hochfahren der Branche, aber mit großer Wirkung.

Und so werben wir heute auch dafür, dass auch Produzenten und Sender für das Zustandekommen dieses zusätzlichen Fonds weiterhin einen eigenen Beitrag leisten. Um eine schnell wirksame, unbürokratische und für alle Seiten praktikable Lösung zu erzielen, schlagen wir vor, dass Produzent und Sender je zehn Prozent an der vom Produzenten angemeldeten und in einem verbindlichen Prüfverfahren nach Vorbild des Kinofonds anerkannten Schadenssumme zahlen – als Selbstbehalt. Wie bei einer Kaskoversicherung würde so jeder Geschädigte einen Teil des Schadens selbst finanzieren. Wobei zu hoffen bleibt, dass diese Schadensfälle und damit die Inanspruchnahme des Ausfallfonds aufgrund der erhöhten Sicherheitskonzepte die Ausnahme bleiben.

Konkret würde dies bedeuten: Der Produzent müsste seinen gesamten Schaden dem Fonds melden, dort würde die Schadenssumme ermittelt und beschieden. Hiervon würde dann der Fonds achtzig Prozent übernehmen. Im nächsten Schritt könnte der Produzent auf den Sender zukommen und dort die zehn Prozent Beteiligung anfordern. So ergäbe es Sinn, weil eine unabhängige Stelle die Schadenssumme für alle Schadensfälle mit dem gleichen Vorgehen ermittelt und feststellt.

Je schneller alle Beteiligten sich dafür erwärmen können, desto besser. Denn die Fernsehproduktion erlebt spannende Zeiten. Die Menschen in Deutschland sind in breiter Masse bereit, Streamingdienste neben dem attraktiven linearen Fernsehen für sich zu entdecken. Der Videokonsum wächst – international und in Deutschland. Als deutsche Fernsehwirtschaft und der zweitgrößte Fernsehmarkt der Welt haben wir daher die Chance, dieses neue Goldene Zeitalter der globalen Fernsehwirtschaft mitzugestalten. Topstars vor und hinter der Kamera geben längst nicht mehr dem Kino den Vorzug vor dem Fernsehen. Produktionen – oft mit großen Budgets ausgestattet – können die Kreativwirtschaft in Deutschland nachhaltig prägen. Unsere Stärke liegt in der partnerschaftlichen Gemeinsamkeit. Im Bewusstsein dieser Stärke sollten wir jetzt den Ausfallfonds für die deutsche Fernsehproduktion aufsetzen. Die Zeit drängt.

Nico Hofmann ist Geschäftsführer der Produktionsgesellschaft Ufa. Als Produzent zeichnete er für herausragende Filme und Serien verantwortlich, darunter „Der Tunnel“, „Dresden“, „Die Flucht“, „Bornholmer Straße“, „Medicus“, „Ich bin dann mal weg“ und „Unsere Mütter, unsere Väter“.

Henning Tewes ist Chief Operating Officer Programme Affairs & Multichannel der Mediengruppe RTL Deutschland und Ko-Geschäftsführer der zu RTL zählenden Plattform „TV Now“.

Fonds für Kino und Fernsehen in Deutschland, Österreich und Großbritannien

Die Bundesregierung hat einen Ausfallfonds von fünfzig Millionen Euro für Kino- und High-End-Serienproduktionen angekündigt, der die Risiken der Corona-Pandemie absichern soll. Er wird nötig, weil sich die Versicherungswirtschaft bislang weigert, entsprechende Verträge abzuschließen. Das Gros der Produktionen, die in Deutschland entstehen, wird von dem Fonds nicht erfasst. Die österreichische Bundesregierung hat der Film- und Fernsehwirtschaft ihres Landes Ende Mai, rückwirkend bis Mitte März und gültig bis Ende 2021, einen Ausfallfonds über 25 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Er gilt für Dreharbeiten für Kino- oder Fernsehproduktionen. Mit Blick auf die Größe des deutschen Marktes, der etwa fünfmal so groß ist wie der österreichische, taxieren die deutschen Produzenten in etwa ihr Eintreten für den vom Bund angekündigten Fonds über fünfzig Millionen Euro plus weitere fünfzig Millionen Euro in einem von den Bundesländern getragenen Fonds. In Großbritannien hat die Regierung einen noch wesentlich größeren Ausfallfonds von fünfhundert Millionen Pfund (etwa 550 Millionen Euro) eingerichtet. Er ist für Kino- und für Fernsehproduktionen gedacht. Der britische Produzentenverband Producers Alliance for Cinema and Television (Pact) hatte sogar einen Fonds mit einer Einlage von einer Milliarde Pfund gefordert, mit dem Hinweis darauf, das Projekte mit einem Produktionsvolumen von genau dieser Summe wegen der Corona-Pandemie angehalten worden seien. Die britische Regierung unterstrich, dass sie die Produktion für Kino und Fernsehen sowohl als nationalen kulturellen, aber auch als wichtigen Wirtschaftsfaktor ansieht. Die britische Produktion macht pro Jahr einen Umsatz von etwa zwölf Milliarden Pfund, der deutsche Markt kommt auf einen Gesamtumsatz von 4,9 Milliarden Euro. F.A.Z.

Quelle: F.A.Z.
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