Fernsehen im Wahlkampf

Noch irgendwelche Fragen?

Von Michael Hanfeld
16.09.2021
, 19:35
Der Kandidat und die Moderatoren: Armin Laschet (M.), Andreas Cichowicz  und  Ellen Ehni
Fallenstellen inklusive: Den Kanzlerkandidaten blüht in der Fernseharena einiges, ob in der „Wahlarena“ der ARD oder bei Pro Sieben. Aktivistinnen drehen auf, Kinder fragen und haben einen Knopf im Ohr.

Angesichts der Windungen und Wendungen, die der Bundestagswahlkampf genommen hat und nimmt, kommt man nicht umhin, die beachtliche Deutungsmacht des Fernsehens zu konstatieren. Analyse und Kommentierung in der Presse sind das eine, doch die Konzentration auf das Kandidatenkarussell ist ein Fernsehding. Drei Trielle und zahllose Einzelauftritte von Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz sorgen dafür, dass die anderen Parteien in den Hintergrund gerückt werden. Programmatische Auseinandersetzungen gibt es bei den Fragerunden auf dem Bildschirm nur ansatzweise. Da ist es nicht ohne Bedeutung, nach welchen Regeln, mit welchem Sinn und Zweck das politische Programm verfolgt wird, die „Wahlarena“ der ARD zum Beispiel oder die Sendung „Late Night Berlin“ bei Pro Sieben.

Schützenhilfe von der „Interventionistischen Linken“

In der „Wahlarena“ im Ersten war zuletzt Armin Laschet zu Gast. Er schlug sich nicht schlecht angesichts der vielfältigen, auch persönlichen Fragen, die an ihn gerichtet wurden, und war auch auf brachiale Attacken eingestellt. Diese kamen nicht von ungefähr. Drei Aktivistinnen, die ein Talkshowtraining der Agentur „Hart aber links“ durchlaufen haben, kamen zu Wort, darunter eine fünfzehn Jahre alte Schülerin, die sich als Anhängerin von „Fridays for Future“ vorstellte.

Die Agentur „Hart aber links“ wird von Emily Laquer geführt, die der „Interventionistischen Linken“ angehört. Die Organisation wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet und als linksextremistisch eingestuft. Emily Laquer freute sich schon vor der Sendung auf die zu erwartende Konfrontation. Die von ihr betreute Schülerin tat auf Twitter kund, „dank des Trainings“ sei sie „ja jetzt super vorbereitet“, um Armin Laschet „fertig zu machen“.

Ob ihr das gelungen ist, mag im Auge der Zuschauerinnen und Zuschauer liegen, im Sinne der ARD und des für die „Wahlarena“ zuständigen Norddeutschen Rundfunks dürfte das wohl kaum sein. Kanzlerkandidaten „fertig zu machen“ oder fertigmachen zu lassen, widerspricht dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der sich in kritischem, unparteiischem Journalismus üben soll, nicht in voreingenommenem Aktivismus, dessen Ziel es von vorneherein ist, seine Botschaft durchzudrücken.

Spenden für das Talkshowtraining

Bei Twitter kann man nachlesen, wie Emily Laquer ihr Süppchen kocht. Kritiker ihres Verhaltens, hinter dem ein politisches Geschäftsmodell steckt, das sie auch bewirbt (sie bittet um Spenden für das „nächste Talkshowtraining von Aktivist:innen“), werden als „rechte Rolle“ oder „Nazis“ verortet. Die „linke“ Twitterblase hat darin ihre helle Freude und misst sich in Pöbeleien mit der „rechten“. Erkenntnisgewinn vermittelt das nicht.

Doch wie hält es die ARD mit den Bürgerinnen und Bürgern, die in der „Wahlarena“ vortreten? Der zuständige Norddeutsche Rundfunk teilt auf unsere Anfrage hin sehr ausweichend mit, NDR und WDR hätten Zuschauer in diversen Sendungen aufgerufen, sich für die „ARD-Wahlarena“ mit Fragen zu bewerben. Zusätzlich habe das Meinungsforschungsinstitut infratest dimap Interessierte vorgeschlagen. Die Redaktion habe vorab ausführliche Gespräche mit allen Bewerbern geführt und zu ihrem persönlichem Hintergrund recherchiert. Sie seien dem BKA gemeldet worden, das keine Einwände hatte. Die Redaktion habe aus eingereichten Fragen „eine möglichst breite Themenpalette“ ausgewählt, „die möglichst unterschiedliche politische Strömungen und die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegeln“. Politisches Engagement und Parteimitgliedschaften seien keine Ausschlusskriterien, solange ein politisches Mandat die Ebene eines Kreisvorsitzes nicht überschreite.

In der „Wahlarena“ sollten „Kandidatinnen und Kandidaten direkt auf konträre Positionen und persönliche Stimmen treffen“, sagt der NDR-Chefredakteur und Moderator Andreas Cichowicz, „Dabei behandeln wir alle gleich. In der Vorwoche traf Annalena Baerbock auf einen Mitarbeiter aus der ostdeutschen Kohleindustrie, Olaf Scholz wurde zu Cum-ex und dem Wirecard-Skandal befragt, und Armin Laschet stellte sich der Frage einer jungen Klimaschutz-Aktivistin aus der Hamburger „Fridays for Future“-Gruppe. Die Entscheidung, diese Menschen jeweils einzuladen, traf allein die Redaktion. Niemand kann uns jemanden in die Sendung schicken.“

Knopf im Ohr bei Pro Sieben

Bei der „Late Night Berlin“ von Klaas Heufer-Umlauf auf Pro Sieben handelt es sich indes um eine jener Einladungen, bei denen die Kanzlerkandidaten damit rechnen müssen, dass sie vergiftet ist und man sie vielleicht besser nicht annimmt, wie das Annalena Baerbock im Fall der Boulevardzeitung Bild und Armin Laschet im Fall eines Youtubers mit blau gefärbten Haaren taten. Heufer-Umlauf unterstützt die SPD und kombiniert die Rolle des Moderators mit der des politischen Aktivisten.

In seiner Sendung nun stellten Kinder Fragen zuerst an Olaf Scholz und zuletzt an Armin Laschet. Dabei sah insbesondere der Unionskandidat schlecht aus. Denn das war keine harmlose Plauderei, sondern ein Kreuzverhör, in das ihn zwei junge Fragesteller nahmen. Ob die ihm allerdings, besonders in der Abfolge einer scharfen und dann einer noch schärferen Frage, ihren eigenen Text aufsagten und ihn in die Enge trieben oder das, was ihnen die Regie über einen Knopf im Ohr soufflierte? Sind die Kinder Darsteller?

Den Eindruck musste man spätestens haben, als Laschet eine Interviewäußerung zum Thema Homoehe aus der Zeitschrift Spiegel vorgehalten wurde, wobei nicht unbedingt anzunehmen ist, dass der junge Fragesteller das Blatt vor vier Jahren schon gelesen haben wird und sich jetzt spontan daran erinnert. Bei Olaf Scholz war das mit offenbar einem Drehbuch folgenden Fragen zum Wirecard-Skandal nicht anders. Sinn und Zweck das Ganzen dürfte in diesen Fällen gewesen sein, die Kanzlerkandidaten vorzuführen.

Von Pro Sieben heißt es dazu auf Nachfrage: „Selbstverständlich wurden die beiden Nachwuchs-Journalist*innen vor, während und nach ihren Interview mit den Kanzlerkandidat*innen redaktionell betreut.“ Es sei „gängige Praxis“, dass Fernsehjournalisten einen „Knopf im Ohr tragen, um diese redaktionelle Betreuung auch während der Sendung zu erhalten“. Diese Technik werde von nahezu allen erwachsenen Fernsehjournalisten genutzt: „Warum sollte man also ausgerechnet zwei 11jährigen Kindern dieses gängige Hilfsmittel verwehren? Zumal sie immerhin mit der Aufgabe betraut sind, drei Kanzlerkandidat*innen zu interviewen.“ Die Kandidaten seien vorab über die Art des Interviews informiert gewesen, alle Beteiligten hätten Gelegenheit gehabt, „sich über die Form der Fragestellung, die zu erwartende Dynamik und die grundsätzliche Art, wie Pauline & Romeo in dieser Sendung auftreten, zu informieren“. Bei den Auftritten von Laschet und Scholz sah es indes nicht so aus, als sei ihnen klar, dass ihnen Kinder Fragen stellen, es sich aber nicht um Kinderfragen handelt.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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