Schwarzwald-„Tatort“

Was die DNA verrät

Von Thomas Herrig
Aktualisiert am 27.09.2020
 - 16:10
Das friedliche „Rebland“ täuscht: Kommissar Berg (Hans-Jochen Wagner) und seine Kollegin Tobler (Eva Löbau) suchen nach Spuren einer Vergewaltigung.
Ein „Tatort“ ohne Mord, dafür mit dem FC Bayern: Eine Frau wird Opfer einer Vergewaltigung. Den Kommissaren stellen sich Fragen von Racial Profiling und Datenschutz. Am Ende bleibt man ratlos zurück. Wie kann das sein?

Nach einem ausgelassenen Fest mit viel Wein, inmitten der malerischen Reblandschaften des Schwarzwalds: Die Radiomoderatorin Beate Schmidbauer (Victoria Trauttmansdorff) macht sich zu Fuß auf den Heimweg, allein über dunkle Feldwege. Was dann passiert, darf der Zuschauer nur ahnen: eine Vergewaltigung. Gleich am nächsten Tag beginnt die Ermittlung, ihre Freundin, Kommissariatsleiterin Cornelia Harms (Steffi Kühnert) findet Beate vor dem Büro. Weil das Ganze für sie eine persönlichen Angelegenheit ist – beide waren gemeinsam auf dem Fest –, setzt sie ihre Kommissare Tobler und Berg auf den Fall an.

Es gibt kaum Spuren, dafür DNA vom Täter. Und die, so lernt man bald, lässt sich umfassend untersuchen: mögliche Haarfarbe, Augenfarbe, ungefähres Alter – auch die Bestimmung der Hautfarbe ist möglich. Der Ernsthaftigkeit des Themas zum Trotz vermutet Kommissar Berg (Hans-Jochen Wagner) direkt einen FC-Bayern-Fan als Täter. Einer der abendlichen Gäste hatte nämlich ein Lewandowski-Trikot (wohlgemerkt mit i) getragen, das reicht ihm schon aus, denn „so’nem Bayern-Fan ist alles zuzutrauen“.

„Da geht's um Erbgut“

Als die Ermittlungen zu versanden drohen und eine Spur nach Frankreich führt, bieten die französischen Kollegen „DNA-Amtshilfe“ an. Was die Deutschen (noch) nicht analysieren dürfen, scheint hier kein Problem zu sein. Die Kommissare sind versucht, das Angebot anzunehmen. Ihre Chefin aber verbietet es: „Diese Ermittlungsmethode diskriminiert Minderheiten.“

Also streiten Tobler und Berg im Auto über das Für und Wider. „Ich find das schon gut, dass wir da vorsichtig sind“, sagt die Kommissarin (Eva Löbau). „Wenn wir aus der Täter-DNA ein paar mehr körperliche Merkmale rauslesen dürften, dann könnten wir auch die Anzahl der Verdächtigen reduzieren“, entgegnet ihr Partner. Dann brauchte man nicht mehr Proben von fünfhundert Männern, sondern vielleicht nur noch von dreißig, so seine These. Darauf kontert Tobler: Von den dreißig erhielte man jedoch zu viele intime Informationen, „da geht’s um Erbgut, um Krankheiten und so weiter.“

Wo bleibt die Unschuldsvermutung?

Es sind solche Dialoge, die versuchen, gesellschaftlich-relevante Debatten stellvertretend zu führen und Themen wie Datenschutz und Racial Profiling aufzuwerfen. Sie verdienen Lob. Aber auch Kritik, denn dieser „Tatort“ (Regie: Barbara Kulcsar, Drehbuch: Nicole Armbruster) bleibt seltsam an der Oberfläche. Das Vergewaltigungsopfer sagt nur Sätze wie: „Bitte, ich möcht nicht, dass sich das so rumspricht.“ Als ihre Freundin, die Kommissariatsleiterin, feststellt: „Es wird keine DNA-Reihenuntersuchung geben“, die Tat sei „nicht schwer genug“, die Kosten seien zu hoch, antwortet Beate Schmidbauer lapidar: „Verstehe.“ Die Ermittler nutzen die Daten der französischen Kollegen doch. Harms kommt dahinter und stellt ihre Kommissare zur Rede. Und als Tobler fragt, ob man warten solle, bis die nächste Frau ins Gebüsch gezerrt werde, entgegnet ihre Chefin: „Ja warum nicht gleich die DNA von allen Menschen registrieren? Warum nicht gleich alle abhören?“

Dieser „Tatort“ wirft vor allem Fragen auf: Wie damit umgehen, dass die erweiterte DNA-Analyse den einzigen Hinweis auf einen Täter liefern kann, aber aus Datenschutzgründen nicht zugelassen wird? Ist automatisch jeder verdächtig, der keine DNA-Probe abgibt? Der Bayern-Fan Lewandowski kommentiert seine Weigerung mit: „Wenn man da mal nicht mitmacht, steht man sofort unter Verdacht – wo bleibt denn da bitte das Prinzip der Unschuldsvermutung!?“

Der Film endet mit einem Hinweis: Die erweiterte DNA-Analyse wurde am 13. Dezember 2019 auch in Deutschland eingeführt. Sie erlaubt, Haar- und Augenfarbe, Alter und Hautfarbe zu ermitteln. Die Zuschauer bleiben ratlos zurück, denn die Debatte erscheint plötzlich abgeschlossen. So überholt sich der „Tatort“ in seiner Brisanz selbst.

Der Tatort: Rebland läuft am Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD.

Quelle: F.A.Z.
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