Jugendangebot „funk“

Sende für keinen über dreißig

Von Axel Weidemann
20.10.2016
, 13:06
Hexadezimale Zahlen und sehenswerte Serien: „Funk“ ist Fundgrube und Talentschmiede.
Video
Mit „funk“ haben die öffentlich-rechtlichen Sender eine Plattform für junge Leute im Netz geschaffen. Sie ist gedacht für die Generation, die kein Fernsehen mehr schaut. Aber was läuft da eigentlich?
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In Elfenbeintürmen verstehen sie kaum etwas von Menschen unter dreißig. Dabei wohnte schon in Michael Endes unendlicher Geschichte die kindliche Kaiserin in einem solchen Turm. „Tu was Du willst“ steht auf der Rückseite ihres Amuletts, mit dem Endes Held Bastian Balthasar Bux durch Phantásien zieht. In Deutschland heißt das Wunsch-Refugium Bonifazius-Turm A, steht in Mainz und ist seit Neuestem eng mit der unendlichen Geschichte des öffentlich rechtlichen Rundfunks verknüpft. Auf dass sie nicht endlich werde: Denn dort entsteht „funk“ – ja, das muss wohl klein geschrieben werden, weil wegen Internet.

Dass der Name „funk“ Programm sei, würde man nicht unbedingt sagen. Er klingt eher nach einer Beschwichtigung für die öffentlich-rechtlichen Mütter vom guten alten „Rund-Funk“. Neben ihrem Programm wirkt das internetbasierte „Content-Netzwerk“, das junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren ansprechen und gleichzeitig „eine Stimme geben“ soll, schon ziemlich revolutionär. Seit dem 1. Oktober können all die lustig-aufgeklärten Menschen unter dreißig (auch die darüber) die wie Konfetti ins Netz gestreuten Clips – auf der „funk“Website, der App und über Drittanbieter wie Facebook, Youtube, Snapchat – konsumieren.

© Youtube/funk

Die 45 Millionen Euro, die das im Jahr kostet, fließen in hexadezimale Farben, den Ankauf durchaus sehenswerter Serien (meist aus dem Hause BBC) und in vierzig Minisendereihen, genannt, „Formate“. Es ist ein reichhaltiges Bildbuffet, das den vielen jungen Menschen mit kürzer werdender Aufmerksamkeitsspanne im Netz aufgetischt wird. Dabei führen jene „funk“-Trailer, die aussehen wie Internetkollagen aus den nuller Jahren und verkünden, das „Internet ist vorbei“, gewollt in die Irre. Denn für die Öffentlich-Rechtlichen hat es gerade erst begonnen.

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Titel, die auf den ersten Blick etwas bemüht wirken

Läuft bei denen. Aber was eigentlich? Inhalte, welche die Macher in die drei Kategorien „Orientieren, Informieren, Unterhalten“ unterteilt haben. In der Realität ist die Reihenfolge allerdings umgekehrt – Unterhaltung steht vorne an. Doch es sieht nicht so schwerfällig aus, wie es zunächst klingt. Warum ist das überraschend? Weil gerade die Zielgruppe aus dieser Richtung nicht mehr so viel frischen Wind erwartet hat. Auch wenn das Logo, dessen Farben frech aus der Uni-Cafeteria in Siegen kopiert wurden, abschreckt. Aber es ist ja immer nur kurz am Ende der ein- bis zehnminütigen Videos zu sehen, die in Formaten daherkommen, die Namen tragen wie „Bohemian Browser Ballett“, „Tourettikette“, „1080 Nerd Scope“ und „LiDiRo“. Die Titel wirken auf den ersten Blick etwas bemüht, die Redaktion des „Neo Magazin Royale“ hätte sie nicht einmal im Pep-Rausch ersonnen. Aber auch das muss niemanden abschrecken. Es ist ein wenig, als hätten die „funk“-Macher das aktuelle Gewese um „Craft“-Bier auf die Videoproduktion übertragen: Vieles versprüht den Charme von Unfertig und Selbstgemacht. Die Youtuber, die den Laden schmeißen, schalten und walten, ohne dass der Zuschauer die Fingerabdrücke der Redakteure zu sehen bekommt.

Funker: Die versammelten Moderatoren, Produzenten und Verantwortlichen für „funk“.
Funker: Die versammelten Moderatoren, Produzenten und Verantwortlichen für „funk“. Bild: dap

Dem Stand-up-Comedian Moritz Neumeier hat man nur die Zigarette weggenommen und ihm eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt. Sein Videoblog, in dem er sich lässig zu aktuellen und weniger aktuellen Themen wie Kritikern, Wiedervereinigung und anderen Schmerzfeldern äußert, ist nun rauchfrei, aber immer noch treffsicher und heißt jetzt eben „Auf einen Kaffee mit Moritz Neumeier“. Statt Zigaretten. Allein die Themen, zu denen Neumeier seinen Kaffee schlürft, wechseln. Das wirkt wunderbar unaufgeregt.

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Vorbereitung auf Katastrophenfälle wie radioaktive Verseuchung oder die Zombieapokalypse

Rauchen darf im Bild nur Ronja von Rönne. Die Berliner Journalistin und Schriftstellerin trifft in dem Minireportageformat „Jäger und Sammler“ in einer der ersten Folgen einen Menschen, der gigantische Vorräte anlegt, um auf Katastrophenfälle wie radioaktive Verseuchung oder die Zombieapokalypse vorbereitet zu sein. Prepper (von „to be prepared“, vorbereitet sein) werden diese Zeitgenossen genannt. Sie trifft den Mann im Vorratsraum, packt den Rucksack, marschiert in schwarzer Berlin-Mitte-Uniform aus der Stadt, geht mit ihm Campen. Gegengeschnitten wird das durch alte Lehrfilmschnipsel für Verhalten im Ernstfall. Neben Ronja von Rönne jagen und sammeln auch Nemi El-Hassan sowie Friedemann Karig fleißig mit. In einer Folge klärt Nemi El-Hassan über rechten Deutsch-Rap auf und trifft einen Rapper aus der identitären Bewegung. Das ist weniger auf Konflikt angelegt als vielmehr eine sachliche Auseinandersetzung, die in diesem Fall mehr ist als bloßes Infotainment.

© Youtube/Jäger & Sammler

Ein ähnliches Format, in dem ein leicht pädagogischer Ansatz mitschwingt, ist „die Frage“ von und mit BR-Puls-Redakteur Michael Bartlewski. Der will sich den „großen, kniffligen“ Fragen widmen. Er setzt aber nicht bei „Wer bin ich?“ an, sondern fragt: „Saufen wir zu viel?“; „Wie schlimm ist es im Knast?“; „Muss ich Karriere machen?“ oder „Wie Porno sind wir?“. Aktiv wird der Reporter laut eigener Aussage immer dann, wenn die Gesellschaft so tut, als hätte sie „gar kein Problem“ mit dem jeweiligen Thema. So besucht er einen Pornodreh, schläft im Gefängnis, redet mit dessen Insassen und fragt Polizisten, warum Cannabis nicht legalisiert wird. Großartig, die Episode, in der er einen Hanf-Heimplantagen-Besitzer zu Hause besucht und dieser ihn rührend bittet, die Vorhänge zuzuziehen.

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Solide Aufklärung im schwedischen Möbelhausambiente

Etwas greller ist „Headlinez“. Hier kommentiert der Berliner Polit-Blogger Rayk Anders mit reichlich animiertem Schnickschnack die Schlagzeilen der Nachrichtenwelt. Das muss nicht immer schlecht sein, wirkt aber manchmal ungewollt komisch, etwa wenn Anders der Deutschen Bank die Leviten liest: „Passt euch an oder verschwindet“. Geht es vielleicht etwas differenzierter?

Um Aufklärung im Wortsinn geht es in der Reihe „Fickt euch“. Abgesehen vom Titel, der weniger Beleidigung als vielmehr übermütig formulierter Appell ist (braucht es den?), gibt sich das Format als Ratgeber. Die Moderatorin Kristina Weitkamp wagt sich dabei nicht weit vor, aber das muss sie auch nicht. Ihre Zuschauer wollen schließlich wie Erwachsene behandelt werden. Und auch die können hier vielleicht noch etwas lernen. Allein der Hintergrund der Aufsager – ein Arrangement aus dunklen Sofas, rosafarbenen Kerzen und diversen Zimmerpflanzen, sieht aus wie die Resterampe in einem schwedischen Möbelhaus. Und noch mehr Aufklärung: In „Germania“ – ironisch eingeblendet in Fraktur – stellen sich Deutsche, die nicht im Land geboren sind, in Minutenporträts vor. Die erste Folge handelt von der MTV-Moderatorin Wana Limar, die an Orten, die ihr wichtig sind, von ihrem Leben erzählt.

© Youtube/GERMANIA

Dann gibt es natürlich noch reichlich Krawall und Halligalli. Das erwähnte „Bohemian Browser Ballett“ versammelt „Gag-Autoren mit Visionen“ um die „Königin des Schwarms“ – den Blogger Schlecky Silberstein. „Man muss sich das wie einen Society Club vorstellen, nur, dass hier nicht das Geld entscheidet, sondern das Niveau“, heißt es in der Selbstbeschreibung. Das ist denn doch etwas großkotzig. Vor allem wenn man auf die kleinen Clips über Phänomene des Alltags blickt. Da geht es zum Beispiel um den Fliesentisch („Das Denkmal mit Kacheln“) oder Haushaltsgeräte für Männer (die „Titanium Clean Line“: aufgemotzte Wasserpistolen zum Fensterputzen). Aber wenigstens wird neben den üblichen Verdächtigen (AfD) hier auch mal die eigene Zielgruppe verkaspert.

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Von Lamas und Black Metal

Gleiches gilt für „Gute Arbeit Originals“, das laut Beschreibung das „Beste aus 30 Jahren Black Metal und vier Jahren Lama-Zucht“ vereint. Doch geht es natürlich nicht um satanische Rhythmen und Pullover-Lieferanten aus Südamerika. Das ist nur ein plakativer Anreißer für die Sketche von Florentin Will (weit mehr als Böhmermanns Hofnarr) und der deutsch-amerikanischen Schauspielerin Katjana Gerz. Vom Bewerbungsgespräch beim BND bis hin zum Film-Trailer des fiktiven Regiedebüts des Schauspieler Frederick Lau, schaffen es die beiden mit einem guten Gefühl für Timing und Zeitgenossenschaft, dass auch gagresistente Zuschauer dranbleiben.

© Youtube/Gute Arbeit Originals

So könnte „funk“ – wenn die Videoanzahl etwas angestiegen ist – tatsächlich zu der großen Fundgrube an Unterhaltung und Infothemen werden, die seinen Machern vorschwebt. Gleichwohl der Inhalt noch in der Entwicklung ist und sich der Vorteil von Snapchat-Formaten vielleicht wirklich nur aus der Lebenswelt eines Vierzehnjährigen erschließen lässt. Dann ist da noch die sich anbiedernde Kraftsprache, die mitunter etwas arg nach Pausenhof klingt. Aber will man sich andererseits anhören, wie Rolf Illig in „Pauk mit: Latein“ (6.15, BR-alpha) doziert?

Auf lange Sicht dürfte es bei den vielen Formaten freilich schwierig werden, das Tempo zu halten. Als Nachwuchsschmiede sollte sich „funk“ in jedem Fall erweisen und auch bis dato unbekannteren Gesichtern den Weg ins lineare Fernsehen bereiten. Bis es eines Tages heißt: „Fernsehen ist vorbei.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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