Netz-Ratespiel „Wordle“

Jeden Tag nur ein Wort

EIN KOMMENTAR Von Andrea Diener
19.01.2022
, 10:45
So sieht das aus, wenn man es im dritten Anlauf schafft.
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Das Spiel entstand als Geschenk eines Programmierers an seine Partnerin. Jetzt spielt es die halbe Welt. Warum sind alle einem simplen Ratespiel verfallen?
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Künstliche Verknappung erzeugt Begehrlichkeit. Vielleicht liegt es daran, dass die gesamte halbwegs englischsprachige Welt dem Internet-Ratespiel „Wordle“ verfallen ist und die „New York Times“ dem Phänomen lange Betrachtungen widmet. Vielleicht liegt es auch an der Einfachheit, oder an der Möglichkeit, sein Ergebnis als prägnante Visualisierung im Netz zu teilen und damit anzugeben, denn nirgendwo gibt es sich schöner an als in den sozialen Medien.

Jeden Tag, und nur einmal am Tag, wird ein einziges Spiel online gestellt, es ist für alle das gleiche. Einige schaffen es sofort, andere beißen sich die Zähne daran aus. Das Prinzip ist denkbar simpel und erinnert an das gute alte Steckspiel Mastermind, nur eben mit Buchstaben statt mit Farben. Die fünf Buchstaben müssen in sechs Anläufen sinnvolle Wörter ergeben. Sinnvolle englische Wörter, weshalb man so herrliche Begriffe wie TANGY (würzig), CRANK (Kurbel) und TRUSS (Fachwerk) lernt.

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Und als wäre das nicht genug, hat Wordle auch noch eine ausnehmend sympathische Hintergrundgeschichte. Der Brite Josh Wardle, der in New York als Programmierer arbeitet, hat eine Partnerin, die Ratespiele liebt. Wardle erfand also in Anlehnung an seinen Nachnamen das Spiel Wordle und stellte es auf eine vergessene Ecke seiner Website. Jeden Morgen begann die Partnerin fortan ihren pandemiegeplagten Tag mit einem eigens für sie programmierten Spiel, was ja auch wirklich schöner und nachhaltiger ist als ein Blumenstrauß. Wordle durchlief zunächst eine steile Karriere in der familieneigenen Chat-Gruppe, bis Wardle es im Oktober 2021 schließlich für die Öffentlichkeit zugänglich machte. Es verbreitete sich allein durch Mundpropaganda.

Es gibt keine Werbung für das Spiel, keine Werbung auf der Seite, es will keine Daten von einem, es will einem nichts verkaufen, nichts poppt auf oder nervt. Wordle will nur spielen, und das ist im Internet des Jahres 2022 tatsächlich eine Rarität geworden. Große Debatten gibt es allerdings hinsichtlich des besten Startwortes. Einige schwören auf ADIEU, andere auf STARE, für einige Spaßvögel beginnt immer alles mit PENIS. Das beste Wort, befand ein Spieledesigner, der dafür eigens einen Bot programmierte, in einer langen Ausführung, sei ROATE (ein wirtschaftswissenschaftlicher Terminus, der so kompliziert ist, dass er nicht als Lösungswort vorgesehen ist). Das ist nicht schön, aber effektiv. Aber das wirklich wunderbarste an Wordle ist, regelmäßig, jeden Morgen: Niemand verrät das Lösungswort. Wir mögen alle elende Angeber mit abseitigen Vokabelkenntnissen sein, aber wir sind immer noch eher Spieler als Spielverderber.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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