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„His Dark Materials“ bei Sky

Wenn die Eisbären Rüstung tragen

Von Axel Weidemann
 - 18:44
Auge in Auge mit dem inneren Tier: Lyra Belacqua (Dafne Keen) und ihr „Daemon“ Pantalaimon beraten, was zu tun ist.

Eine Welt, in der sich die Seele, also das Wesen eines Menschen, als tierischer Begleiter für alle sichtbar manifestiert, ist charmant. Der Trick ist: Man spielt die Idee mit den Menschen durch, mit denen man es täglich zu tun hat. „His Dark Materials“, die vielfach ausgezeichnete Fantasy-Roman-Reihe des Briten Philip Pullman, hat diese Idee in die Literatur eingeführt. Sie ist nach einem ursprünglich als Trilogie geplanten, aber nicht fortgesetzten Film („Der Goldene Kompass“, Chris Weitz, 2007) nun von HBO und BBC als Serie verfilmt worden. Und sie stellt rasch klar: Viele Menschen glauben, sie schritten mit einem Löwen durchs Leben. Doch hier bekommen sie den Pudel an die Seite, der ihnen am ehesten entspricht.

Dass auch der Pudel besser ist als sein Ruf, weiß Pullman. Seine Trilogie, bestehend aus „Der Goldene Kompass“ (Northern Lights, 1995), „Das Magische Messer“ (The Subtle Knife, 1997) und „Das Bernstein-Teleskop“ (The Amber Spyglass, 2000), später durch Vorgeschichten (und geplante Fortsetzungen) ergänzt, speist sich aus der Bewunderung für John Miltons „Paradise Lost“, in dem der Weg zum Sündenfall aus der Sicht Luzifers erzählt wird. Schon der Titel der Reihe ist Milton-Zitat: „Bis dem allmächtigen Schöpfer einst gefällt, / Mehr Welten aus dem finstern Stoff zu bilden ...“ Im Original: „Unless th’ Almighty Maker them ordain / His dark materials to create more Worlds ...“

Die kritische Antwort auf C.S. Lewis’ „Chroniken von Narnia“

Reaktionen katholischer Publikationen auf Pullmans Werk waren verschnupft und reichten von „Atheismus für Kinder“ bis zu „verbrennenswürdig“. In „His Dark Materials“ wird die Welt – eine von mehreren innerhalb eines vielschichtigen Multiversums – vom „Magisterium“ beherrscht, einer Art Staat gewordenen Kirche mit diktatorischen Auswüchsen, die in jener unserer nicht unähnlichen Parallelwelt aus dem Papsttum hervorgegangen ist, sich eine „Schweizergarde“ als Exekutive hält und wissenschaftliche Erkenntnisse nach ihrem Bilde formt. Pullman selbst sieht sein Werk als Antwort auf C.S. Lewis’ zwischen 1950 und 1956 veröffentlichte „Chroniken von Narnia“, in denen das Phantastische als Variation christlicher Figuren und Parabeln dient. Pullmans Replik ist keine freundliche: Dem „Guardian“ sagte er 2002, er halte Lewis’ Werk für frauenverachtend und rassistisch.

Pullmans treibende Kraft ist auch in der Serie die Versuchung – und zwar jene einer anderen Welt. Pullman bedient ein Genre, das die Historikerin Farah Mendlesohn als „Liminal Fantasy“ bezeichnet. Bei ihr bezeichnet der Begriff den Moment, an dem der Protagonist an der Schwelle (zu etwas anderem) steht, und das Phantastische zunächst dadurch entsteht, dass er sich dem Übertritt verweigert. Das Raffinierte bei Pullman ist: Er kehrt die Verhältnisse um. Hier ist es die uns bekannte Welt, die in die ähnliche Parallelwelt hineinragt. Die Menschenwelt respektive die Schwelle zu ihr, wird zum Phantastischen. In der Serie schimmert sie in der Ferne durch das Nordlicht, wie ein hell erleuchteter Vergnügungspark.

Wie ein hastig geschnittenes Was-bisher-geschah

Nach vier zur Sichtung freigegebenen Folgen lässt sich jedoch nur schwer sagen, wie weit sich die Serie in Pullmans Stoff vorwagt. Die ersten beiden Folgen, unter der Regie von Tom Hooper („The King’s Speech“), machen es dem Zuschauer nicht leicht. Man merkt ihnen die Schwere des Pensums an – und die Eile, in der sie es darzustellen sucht. Das Personal wird rasch versammelt, Figuren finden zueinander, müssen scheiden, Geheimnisse werden vorgestellt und gelüftet. Das wirkt wie ein hastig geschnittenes Was-bisher-geschah. Kurz erleben wir unbeschwerte Momente der jungen Lyra Belacqua (Dafne Keen) und ihres Kumpels Roger (Lewin Lloyd) am Jordan Collage im Oxford eines fiktionalen Englands. Bei dieser Gelegenheit zeigt sich noch einmal deutlich, woher die „Große Halle“ aus Harry Potters Zauberinternat Hogwarts ursprünglich stammt. Doch das Idyll hat kaum Bestand. Kinder werden entführt, darunter Lyras Freund Roger. Ihr vermeintlicher Onkel Lord Asriel (James McAvoy) stattet dem College, in dessen Obhut er Lyra als Kind gab, einen Besuch ab, enthüllt dort seine vom „Magisterium“ verbotene Forschung zur Anderswelt, zieht aber bald wieder ohne Lyra ab.

Hinter den Kindesentführungen steckt Marisa Coulter (Ruth Wilson), die als Chefin des kirchlichen General Oblation Boards im hohen Norden verbotene Experimente durchführt. Nachdem Lyra von Rektor Carne (Peter Clarke) noch rasch zu ihrem Schutz den wahrheitsfindenden „goldenen Kompass“ zugesteckt bekommen hat, gerät sie in Coulters Fänge, kann aber fliehen und sich den Gyptern anschließen, einem flussfahrenden Volk, das auf Hausbooten lebt und aus dessen Mitte ein Großteil der Kinder entführt wurde. Mit ihnen zieht Lyra nach Norden, um sich auf die Spur ihres Freundes zu begeben.

So zusammengeflickt die Serie zu Beginn wirkt, so bewundernswert ist doch die stoische Aufmerksamkeit, die sie den Gesichtern ihrer handelnden Personen widmet. Nicht nur sind sie durch Besetzung und Maske detailliert gezeichnet, es spielt sich in ihnen ein Hauptteil des Geschehens ab. Dafne Keen gibt zwar eine anstrengende kleine Erwachsene, doch ihr Mienenspiel ist deshalb so glaubwürdig, weil es mitunter fast unbeholfen wirkt. Ruth Wilson indes haftet ein Grauen an, das vor allem dann sichtbar wird, wenn sie nur durch leichtes Umstellen ihrer Mundwinkel das zweite, schauerliche Gesicht ihrer Rolle preisgibt.

Staunen macht aber vor allem, dass die aus dem Computer stammenden Seelentiere, die hier „Dmonen“ genannt werden, ihren Kollegen aus Fleisch und Blut in nichts nachstehen. Auftritt Iorek Byrnison, ein abgehalfterter Panserbjrn (das sind – großartigste Fantasy-Idee aller Zeiten – kriegerische Eisbären in Rüstungen). Er haucht der Serie mit seiner vernarbten Nase, den schweren Knochen, die sich unter schmutzig-grauem Fell bewegen, der rumpelnden Kohleofen-Stimme (im Original Joe Tandberg) und seinem Freund, dem Aeronauten Lee (Lin-Manuel Miranda), ab Folge vier neues Leben ein. Natürlich wähnt mancher Betrachter in ihm nun die stolze Entsprechung seiner gepeinigten Seele. Viele werden sich jedoch damit abfinden müssen, dass es bei einem gebeutelten Frettchen mit schwarzen Knopfaugen bleibt.

His Dark Materials, montags, 21.10 Uhr, auf Sky Atlantic.

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Serientrailer
„His Dark Materials“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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