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Lernen mit „Assassin’s Creed“

Ging es so bei den alten Griechen zu?

Von Matthias Hannemann und Claudia Reinhard
Aktualisiert am 25.01.2020
 - 09:07
Wer denkt, das Parthenon auf der Akropolis sei groß, der hat die Bronzestatue der Athena Promachos nicht gesehen. Wie auch? Im Jahr 465 nach Christus wurde die von dem Bildhauer Phidias geschaffene Kolossin nach Konstantinopel geschafft, 1203 zerstört. In der Historienversion von „Assassin’s Creed“ überragt Athene alles.zur Bildergalerie
Mit der „Discovery Tour: Antikes Griechenland“ macht Ubisoft das Videospiel „Assassin’s Creed: Odyssey“ digital zur Museumslandschaft, unterstützt von etlichen Historikern.

Welche Götter waren das noch beim Streit um Athen: Athene und Ares? Aphrodite und Artemis? Poseidon und Athene? Kronos und Zeus? Unsere Fremdenführerin Aspasia – die in Perikles, der an diesem lauschigen Tag weiter unten im Gelände zu tun hat, verliebte Philosophin – steht mit Quizmaster-Lächeln auf dem Akropolisfelsen und wartet auf eine Antwort.

Es ist nicht das erste Mal, dass wir Aspasia über den Weg geschickt werden. Sie hatte uns schon auf den Stufen begrüßt, als wir in Athen ankamen. Seither ziehen wir zwischen den Gebäuden umher, mal anhand eines golden schimmernden Fadens, den Aspasia für uns ausgelegt hat, mal abseits davon, ganz, wie es beliebt. Im „Entdeckungstour“-Modus des Videospiels „Assassin’s Creed: Odyssey“ fehlt alles, was lauert, angreift und uns gefährlich werden kann – stattdessen bietet der Modus, der für PC-Besitzer auch ohne Vollversion des Spiels erhältlich ist, ein digitales Lernerlebnis, wie es die Welt seit 500 vor Christus noch nicht gesehen hat.

Wir beobachten einen Steinmetz, der am Nike-Tempel einen Quader bearbeitet, und merken uns die Geschichte von Aeigeus, der wohl nahebei auf den in Kreta weilenden Theseus gewartet hat. Wir laufen durch die Säulen der Propyläen auf ein leuchtendes, von betenden Männern umgebenes Standbild der Athena Promachos im heiligen Bezirk der Akropolis zu. Der goldene Faden führte uns zum Haus der Arrephoroi, der Dienerinnen der Athena-Priesterin, dann zum Erechtheion und in den Parthenon, in dem eine Athene-Statue aus Gold und Elfenbein steht. Auch Klettern wie im Hauptspiel (das 2018 erschien, historisch beraten von Stéphanie-Anne Ruatta) darf man in der neuen „Entdeckungstour“ natürlich, so dass wir uns die Wandmalereien der Gebäude näher anschauen können, bevor wir uns unter die vielen umherflanierenden Frauen und Männer mischen.

An jeder der neun Akropolis-Stationen passieren zwei Dinge: Zunächst startet an mit Lichtsäulen markierten Stellen, in die wir hineinlaufen, ein kleiner Intro-Film, bei dem die Kamera wie in einer Fernsehdoku um das virtuelle Objekt schwebt, Details hervorhebt und Aspasias angenehme Stimme (im Original Marianthi Evans) als Kommentatorin zu hören ist. Anschließend gibt es einen kurzen Sachtext zum Thema zu lesen, der mit Fotos echter Museumsobjekte oder Bildern der heutigen Ruine unterlegt ist. Alles nicht zu lang, nicht zu kurz, nicht zu platt und auch nicht zu schwierig. Insgesamt gibt es in der „Discovery Tour: Antikes Griechenland“ dreißig Orte, die man auf diese Weise besuchen kann: Der Geschichtstourist erkundet das Dionysos-Theater, in dem Schauspieler auf der Bühne stehen, bekommt auf der Pnyx erläutert, wie die griechische Demokratie funktioniert, reist nach Olympia, Delphi und Knossos, durchstreift antike Wohnhäuser, die Minen von Laurion, das Kynosarges-Gymnasion, in dem gerade Sokrates lehrt.

Auch der Alltag griechischer Frauen, die Arbeit auf den Weizen- und Weinfeldern oder die Orte berühmter Schlachten werden zum Thema (dort heißt der Guide Herodot, die Schlachtverläufe werden mit Hilfe von Fahnen erläutert). Am Ende jeder Tour steht ein Multiple-Choice-Quiz, bei dem auch falsche Antworten mit reformpädagogischer Geduld erläutert werden.

Dieses Quiz, das der Sicherung des Wissens dient und bei Erfolg neue Avatare, also Spielfiguren verspricht, konnte es im ersten Versuch einer Spielergänzung durch wissenschaftlich kuratierte Führung innerhalb der Kulissen des Gaming-Blockbusters „Assassin’s Creed“ noch nicht geben, sagt Ubisoft-Historiker Maxime Durand, den wir am Rande eines Vortrags in Köln getroffen haben. „Beim Ägypten-Abenteuer 2017 (,Assassin’s Creed Origins‘) gab es im Hauptspiel noch keine Dialog-Optionen. Sie wurden erst für ,Assassin’s Creed Odyssey‘ 2018 entwickelt, wodurch sich für uns die Möglichkeit zum Einbau eines Quiz bot.“ Sichtbare Guides am Anfang und Ende jeder Führung, die es beim Lernmodus zum „Origins“-Teil nicht gab, sind nun sinnvoll. Ein weiterer Unterschied zur ersten Ausgabe der „Entdeckungstour“ ist der Umfang der Führungen; mit durchschnittlich fünfzehn Minuten sind sie etwas länger als beim Vorgänger, die Gesamtzahl der Touren wurde jedoch halbiert, was durch mehrere hundert winzige „Entdeckungsorte“ wettgemacht wird. Vieles wirkt konzeptionell durchdachter als im Vorgänger.

Auch der Titel wurde verändert: Statt „Discovery Tour by Assassin’s Creed“ heißt es nun „Discovery Tour by Ubisoft“ – eine Reaktion darauf, dass viele Eltern und Lehrer schon bei der Erwähnung von „Assassin’s Creed“ die Schotten dicht machen, obwohl es im Bildungsreisemodus so unblutig zugeht wie auf einer Butterfahrt.

Maxime Durand, der gleich nach dem Studium bei Ubisoft anheuerte, begleitet die Reihe seit 2010, und fast genauso alt sind die Anregungen videospielender Pädagogen, die Spielwelt für Unterrichtszwecke umzuarbeiten. Der Beschluss für einen originellen Nachfolger der Geschichtsdatenbank „Animus“, die es seit jeher gab, fiel aber erst nach der Veröffentlichung von „Assassin’s Creed: Unity“ (2014), dessen Bild der Französischen Revolution in Frankreichs Öffentlichkeit lautstark diskutiert wurde. Durand zufolge hatten er und Creative Director Jean Guesdon damals fast gleichzeitig die Idee, mit einem Tour-Modus auf das offenbar sehr starke öffentliche Interesse am historischen Hintergrund der „Assassin’s Creed“-Abenteuer zu reagieren. Für „Origins“ konnte das mit acht externen Fachhistorikern umgesetzt werden. Für „Odyssey“ brauchte es bereits achtzehn Experten, die Ubisoft (wo nunmehr drei festangestellte Historiker arbeiten) an Universitäten und Museen ausfindig machte und um Texte für die Stationen bat.

Das Ergebnis ist überzeugender, als man beim Nebenprodukt eines solchen Blockbusterspiels vermutet. Zwar werden die Unterschiede zwischen der Kunstkulisse und der historischen „Wirklichkeit“ immer ein Gegenstand von Debatten sein, wie man sie auch bei historischen Spielfilmen erlebt, und so manchen wird stören, dass der „Entdeckungstour“-Modus für Ubisoft auch ein funkelndes Instrument zur Markenkernpflege ist. Die Texte aber kommen wie ein lebendig gewordenes „Was ist was“-Buch zum alten Griechenland daher und sind ihrem Medium angemessen gewichtet. Und selbst wenn solche Vergleiche dann doch wieder hinken: Die eigentliche Stärke dieses Spielmodus ist die räumliche Erfahrung, die das optische und akustische Eintauchen in eine Welt ermöglicht, die sich frei und spielerisch erkunden lässt.

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„Assassin’s Creed Odyssey: Discovery Tour“

Schon jetzt fragt man sich: Wie wird das erst eines Tages mit VR-Brille sein? Die VR-Umsetzung der Ausstellung „Von Mossul nach Palmyra“ in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle stammte ebenso von Ubisoft (in Zusammenarbeit mit Iconem und dem Institute du monde arabe) wie die virtuelle Notre-Dame-Ausstellung, die im September bei der Unesco in Paris zu erleben war.

Durand lässt sich keinen Satz zu künftigen Varianten entlocken. Er sagt lediglich, dass man sich ja viel vorstellen könne. Er persönlich zum Beispiel träume von noch mehr Interaktion im Modus – aber was irgendwann kommt und was nicht, hängt nicht zuletzt von Parametern wie seiner Teamgröße, der Technik des Hauptspiels oder der Hardware ab, über die der Anwender verfügt. Im Moment freue er sich darüber, was jetzt schon möglich ist. Abwechslung im Geschichtsunterricht etwa.

In der Nibelungen-Realschule in Braunschweig ist die „Discovery Tour“ jüngst zum Einsatz gekommen. Die Schüler der sechsten Klasse des Geschichtslehrers Yannick Reupke rücken neugierig ans Smartboard, eine interaktive Schultafel, heran, als sich die digital nachkonstruierte Antike vor ihnen aufbaut. Reupke nimmt zuerst den Controller. Er lässt den Adler schweben, der vom Besucher dieses virtuellen Freilichtmuseums wie eine Drohne in die Luft geschickt werden kann, und umrundet mit ihm die Akropolis: „Wo sind wir denn gerade?“ Später startet er ein Kapitel, das zum Heiligtum von Olympia in Elis führt und damit zu den Olympischen Spielen, nach jedem Abschnitt wandert der Controller weiter zu einem anderen Schüler. Die Klasse versinkt so tief in der virtuellen Fremde, dass sie den Pausengong überhört.

Als selbständige Gruppenarbeit, verteilt an mehreren Rechnern, sagt Reupke, würde das auch funktionieren. Natürlich könne der Modus konventionellen Unterricht nicht ersetzen. Das soll er auch gar nicht. Und selbstverständlich müsse auch die Geschichtsinszenierung von Ubisoft ihre kritische Einordnung finden. Doch die Bereitschaft, sich mit dem Stoff auseinanderzusetzen, steige durch den Einsatz deutlich. Nur ob sich deutsche Pädagogen auch der Möglichkeit bedienen sollten, „historische Nacktheit“ technisch auszuschalten – mit der optionalen Zensur reagiert Ubisoft auf eine Debatte, die sich die Firma redlich verdient hat: die antiken Statuen des Entdeckungsmodus zu „Origins“ waren aus Furcht vor prüden Eltern mit Muscheln geschmückt –, vergaßen wir ihn leider zu fragen.

Discovery Tour: Das antike Griechenland kostet in der PC-Version etwa 20 Euro (via Uplay). Für Konsolen ist es nur gemeinsam mit dem Hauptspiel „Assassin’s Creed: Odyssey“ erhältlich.

Quelle: F.A.Z.
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