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Kommentar zu „Beziehungstat“

Wie Begriffe den Blick auf Verbrechen verstellen

Von Michael Hanfeld
 - 08:36

Die Polizei schließe eine „Beziehungstat“ nicht aus, hieß es in den letzten Tagen in Meldungen zu einem Verbrechen in Sankt Augustin. In einer kommunalen Unterkunft für Flüchtlinge und Obdachlose wurde die Leiche eines siebzehn Jahre alten Mädchens gefunden, das seit dem vergangenen Freitag vermisst worden war. Einen Neunzehnjährigen, in dessen Zimmer man die Tote fand, nahm die Polizei als Tatverdächtigen fest, er soll den Angriff auf die junge Frau gestanden haben. Opfer und Täter hätten sich gekannt, heißt es. Kennengelernt hätten sie sich am Vorabend der Tat in der Tat.

Das reicht offenbar, um ein Verbrechen in bestimmter Weise zu qualifizieren: „War es eine Beziehungstat?“, lautete eine Überschrift. Das klingt so, als erkläre sich damit etwas. Dabei ist es eine Irreführung. „Beziehungstat“ – auch mit Hinweis auf diesen Begriff erklärte die Nachrichtenredaktion ARD aktuell vor knapp einem Jahr, warum man über den Mord an einem fünfzehn Jahre alten Mädchen in Kandel nicht berichtet habe. Es handele sich um eine „Beziehungstat“, und über „Beziehungstaten“ berichte man nicht.

Die Kriminalstatistik kennt „Beziehungstaten“ als solche, die in Ehe, Partnerschaft und Familie, in formellen sozialen Beziehungen (Schule, Unternehmen, Behörde) und in informellen sozialen Beziehungen, wenn Opfer und Täter befreundet oder miteinander bekannt waren begangen werden. Die Bekanntschaft reicht. Damit ist der Begriff allerdings so weit gedehnt, dass er als Zuschreibung wenig taugt. Er erklärt so gut wie nichts, er wirkt vielmehr verharmlosend, er sorgt dafür, das zwischen Opfer und Täter eine Nähe hergestellt wird, die den Blick auf die Tat verstellt, auf den Mord, den Totschlag, die Vergewaltigung, auf die Verbrechen, die zumeist von Männern – mit und ohne Migrationshintergrund, von Brüdern, Vätern, Freunden, flüchtigen Bekannten, Stalkern, Tätern, die sich eine Beziehung bloß einbilden – an Frauen begangen werden.

Eine weitere Wendung ist das in Schlagzeilen ebenfalls oft auftauchende „Familiendrama“. Dabei handelt es sich zumeist um Verbrechen, bei denen Männer ihre Frau, Kinder, Anverwandte – und sich selbst – ums Leben gebracht haben. Auch das ist mit „Beziehungstat“ nicht hinreichend beschrieben und als „Drama“ falsch ausgewiesen. Denn es ist kein Theater, sondern echt: eine Vergewaltigung oder ein Tötungsdelikt, Totschlag oder Mord.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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