Hashtag Holocaust

Kann man auf TikTok an die Shoa erinnern?

Von Sophia Rockenmaier
23.01.2022
, 08:45
TikTok-Video der Gedenkstätte Neuengamme
Video
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Ausgerechnet bei TikTok, wo sonst hibbelige Teenager Tänze aufführen, informiert die Gedenkstätte Neuengamme über die Shoa. Kann das gutgehen?
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Im Jahr 1987 besucht Chaim ­Herzog als erster israelischer Staatspräsident die Bundesrepublik Deutschland. Im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen, an dessen Befreiung er 1945 als Teil der britischen Armee beteiligt war, hält er eine Rede, die die Hoffnung der Deutschen auf einen baldigen Schlussstrich zunichtemacht: „Ich bringe weder Vergebung noch Vergessen. Die einzigen, die vergeben können, sind die Toten; die Lebenden haben kein Recht, zu vergessen.“

Heute, 77 Jahre nach Kriegsende, scheint seine Mahnung so fern wie nie. Denn angesichts schwindender Zeitzeugen gestaltet sich der Kampf gegen das Vergessen immer schwieriger. Obwohl die Verbrechen des NS-Regimes eigentlich Standard in jedem Geschichtsunterricht sind, scheint nicht bei allen Deutschen etwas davon hängengeblieben zu sein. Das belegt eine Studie, die 2018 unter Befragten in ganz Europa durchgeführt wurde. 40 Prozent der deutschen Befragten zwischen 18 und 34 gaben dabei an, nichts oder wenig über den Holocaust zu wissen. Und sie sind damit nicht allein: In den USA konnten 48 Prozent der in einer Studie des Claim Center befragten Millennials kein einziges Konzentrationslager namentlich nennen. Bayern ist bisher das einzige Land, das einen Besuch in einer NS-Gedenkstätte verpflichtend als Teil des Lehrplans vorsieht. Andere Länder „empfehlen“ den Besuch lediglich, mit dem Ergebnis, dass unter befragten Erwachsenen nur gut jeder zweite angab, schon einmal ein ehemaliges Konzentrationslager besucht zu haben. Kein Wunder, dass es gerade bei jungen Menschen solch eklatante Wissenslücken gibt.

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Antisemitismus auf Facebook

Wenn aber reguläre Bildungsangebote keine Wirkung entfalten, welche Möglichkeiten gibt es sonst? Können digitale Medien helfen, die Erinnerung wach und lebendig zu halten? Auf den ersten Blick eignen sich soziale Medien denkbar schlecht dazu, um sich ernsthaft mit dem Holocaust auseinanderzusetzen. In den Netzwerken wird der Holocaust ungestört geleugnet und relativiert, die Betreiber der Plattformen reagieren häufig nicht auf antisemitische Inhalte, oft fördern deren Algorithmen sie sogar. Untersuchungen einer britischen Forschungsgruppe ergaben, dass Facebook Nutzern holocaustleugnende Inhalte präsentierte, wenn nach dem Begriff Holocaust gesucht wurde. Wer Zeit auf solchen Seiten verbrachte, dem wurden weitere verwandte Gruppen oder Inhalte angezeigt. Obwohl Facebook im Oktober 2020 seine Richtlinien zu Hate Speech anpasste, um auch Holocaustleugnung und -relativierung einzuschließen, offenbart eine einfache Suche nach den Schlagwörtern „Holocaust“ und „fake“ immer noch Abgründe: „Wenn es Vernichtungslager waren, warum gab es in den Lagern dann so viele Babys?“ und „Rothschild, Rockefeller, Kissinger, Soros – Sie sind das wahre Virus“ sind nur zwei Beispiele für den Antisemitismus, der sich auf Facebook noch immer ungestört austobt. Beide, so ergibt eine Prüfung durch Facebook, verstoßen nicht gegen die Gemeinschaftsrichtlinien.

© twitter.com/Auschwitz Memorial

Selbst wenn antisemitische Inhalte nicht aktiv geteilt werden, führt die Dynamik sozialer Netzwerke oft zu einem respektlosen Umgang mit dem Thema. Besucher balancieren auf den Zugschienen in Auschwitz oder hüpfen auf den Stelen des Holocaust-Denkmals in Berlin herum. Gedenkstätten und Mahnmale verkommen zu Kulissen für Selfies; Menschen lächeln in einem Raum, der bis zur Decke mit Schuhen von Opfern gefüllt ist, fröhlich in ihre Kamera. Hier sind also eine Million Menschen ermordet worden? #sad. Der Comedian Shahak Shapira reagierte darauf mit seinem Projekt #Yolocaust, indem er die Influencer samt Yogaposen in Bilder aus Konzentrationslagern hineinretuschierte.

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Selfies aus Auschwitz

Auch die Plattform TikTok erlebte 2020 eine Welle der Empörung, als Nutzer sich in einer „Holocaust Challenge“ als Opfer des Holocausts verkleideten, mit selbst gebasteltem Judenstern und geschminkten Verletzungen. Angeblich zu „Bildungszwecken“, wie eine Nutzerin später behauptete. Die Auschwitz Memorial Foundation schrieb dazu: „Wir sollten das Bewusstsein dafür stärken, dass nicht jede Aktivität in den sozialen Medien geeignet ist, des Holocausts zu gedenken. Sie erfordert immer Respekt gegenüber den Opfern (. . .) und sachliche Richtigkeit.“

Die Auschwitz Memorial Foundation ist selbst ein herausragendes Beispiel dafür, wie Bildungsarbeit online gelingen kann. Dem Twitter-Profil der Organisation folgen mittlerweile knapp 1,2 Millionen Menschen. Ohne effektheischende Hashtags, unaufgeregt und sachlich informiert die Stiftung dort nicht nur über das Lager an sich, sondern auch auf beklemmend eindrucksvolle Weise über die Opfer des Holocaust. Sie bewahrt das Andenken, indem sie deren Fotos und Lebensgeschichten teilt. Unter den körnigen, schwarz-weißen Aufnahmen finden sich Infos wie das Geburtsdatum, der Wohnort und Beruf, das Datum der Inhaftierung, Häftlingsnummern und Informationen zum letzten bekannten Verbleib. Viel zu selten steht darunter „überlebte den Krieg“ oder „befreit“. Schon seit einigen Jahren bietet die Gedenkstätte virtuelle Rundgänge durch die Lager an. Auch wenn das die Erfahrung, die Ausmaße selbst zu sehen, nicht ersetzen kann, eröffnet das ganz neue Möglichkeiten. Auch während der Pandemie blieb die Gedenkstätte so selbst in den Monaten zugänglich, als keine Besucher das Gelände betreten durften.

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Nun hat mit der Gedenkstätte Neuengamme ein weiteres ehemaliges Konzen­trationslager beschlossen, soziale Medien für Bildungszwecke zu nutzen, und zwar ausgerechnet TikTok, eine Plattform, die in der Regel eher für Tanztrends und ­teilweise zweifelhafte Informationen bekannt ist. Neuengamme zeigt jedoch, dass sich die Plattform denkbar gut eignet, um genau die Generation zu erreichen, die besonders hohe Wissenslücken zum Holocaust aufweist: 70 Prozent der TikTok-Nutzer sind unter 40 Jahre alt. Und dank des Algorithmus, der neben Likes und Kommentaren auch die Spielzeit einzelner Videos auswertet, müssen die Nutzer dem Account der Gedenkstätte nicht unbedingt folgen, um deren Videos angezeigt zu bekommen. Wer also nur ein bisschen länger ein Video wie „How to swear in Yiddish“ anschaut oder einen Clip, in dem der viel diskutierte Antisemitismus-Vorfall um Gil Ofarim thematisiert wird, landet leicht bei den Beiträgen von Neuengamme. Das erklärt, warum die Gedenkstätte bei aktuell nur knapp 8000 Abonnenten mit einzelnen Videos bis zu 250 000 Aufrufe erzielt.

In kurzen englischsprachigen Videos erklären junge Freiwillige die Geschichte des Lagers – ganz im Stil der sonst auf der Plattform beliebten Tutorials mit Pfeilen und Grafiken. Oft werden auch Geschichten einzelner Häftlinge erzählt, etwa in einem Video zu den Aktenschränken des Lagers. So bekommen die Nummern auf den Indexkarten ein Gesicht, wird Geschichte greifbar, werden Brücken in das Leben jedes einzelnen Users gebaut. Einer kommentiert, sein Großonkel sei in Neuengamme gewesen, er kennt die Häftlingsnummer – und tatsächlich findet sich in dem Schrank die Indexkarte von Bur­gardus Zwanenburg aus den Niederlanden. Verstorben mit 18 Jahren im Lager.

Digitale Stolpersteine

Die Resonanz ist riesig, unter den Videos wird kommentiert, diskutiert und – vielleicht am wichtigsten – nachgefragt. So können User Themen vorschlagen, zu denen sie gern mehr erfahren würden, etwa die Bedeutung der verschiedenfarbigen Stoffwinkel zur Kennzeichnung von Häftlingen.

Sicher kann man sich fragen, ob die kurzen Einblicke in die Geschichte am Ende nicht im hektisch fließenden Strom der TikTok-Bilder untergehen. Und sind Nutzer angesichts der Flut an Falschinformationen überhaupt in der Lage, verlässliche Informationen herauszufiltern? Trotz aller Bedenken: Junge Menschen, bei denen der Geschichtsunterricht so kolossal versagt hat, dass sie sich nicht daran erinnern, den Holocaust behandelt zu haben, lesen nur selten aus Eigenantrieb Adornos „Studien zum autoritären Charakter“. Und während es profan, ja anspruchslos klingen mag, etwas so Ungeheuerliches wie die Schoa in einminütigen Videos zu erläutern, macht es doch Hoffnung, dass Gedenkstätten auf veränderte Umstände auch mit neuen Bildungsangeboten reagieren. Die Beiträge zum Holocaust auf TikTok können dabei wie eine Art digitaler Stolperstein funktionieren: Die Geschwindigkeit, mit der Nutzer auf Themen stoßen und dabei hängenbleiben, hebt die App unter anderen sozialen Medien hervor. Und in jedem Fall ist eine Generation, die ihr Wissen aus solchen (gesicherten) Quellen in sozialen Netzwerken bezieht, für die Zukunft besser gewappnet als eine Generation, der dieses Wissen gänzlich abhandengekommen ist.

Quelle: F.A.S.
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