Wie ich den „Turm“ sah

Filmreise in die eigene Vergangenheit

Von Anke Domscheit-Berg
13.10.2012
, 21:16
Jüngst wurde im Fernsehen die Verfilmung von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ ausgestrahlt. Anke Domscheit-Berg erzählt, was sie beim Zuschauen bewegte - und was sie durchlitt.

Neulich wurde „Der Turm“, ein Spielfilm mit Dokumentarcharakter, in der ARD erstmals ausgestrahlt. Ein Wende-Film, der die achtziger Jahre bis zum Mauerfall aus der Perspektive einer Dresdener Familie des Bildungsbürgertums erzählt.

In 180 Minuten schafft dieser Film das Unmögliche: eine Vorstellung davon zu vermitteln, was wir im Osten erlebt haben vor und während der Wende, aber vor allem auch, wie es sich angefühlt hat. Ein Film schafft etwas Besonderes, wenn er Emotionen weckt und darüber hinaus eine Beziehung ermöglicht zum eigenen Erfahrungshorizont und zum kollektiven Gedächtnis. Bei „Der Turm“ habe ich das so intensiv erlebt, dass ich zwar einen Film am Bildschirm sah, aber parallel viele andere Filme in meinem Kopfkino.

Braunkohle und Blechmülltonnen

Das war emotional so anstrengend, dass ich nach dem zweiten Teil vom wieder ausgeschütteten Adrenalin, vom Wechselbad aus Tränen und Glücksgefühlen völlig erschöpft war. Wie viele Menschen haben wohl diesen Film mit anderen oder ähnlichen Erinnerungswelten geschaut und sich so in diese vergangenen Jahre versetzen lassen, dass sie nicht nur wieder gesehen haben, wie sich aus dem DDR Alltag heraus die Wende langsam anbahnte und an ihrem Ende die Mauer fiel, sondern dass sie sich auch genauso gefühlt haben wie damals?

„Der Turm“ lebt von vielen authentischen Details, sie machen die DDR selbst im Kleinen wieder lebendig: Die Kaufangebote an Autos, auf die man zwanzig Jahre nach der Bestellung warten musste, der irrationale Wert von Ersatzteilen – die man als kostbare Geschenke zu Weihnachten bekommt (Hoffmanns Geschenk ist ein Lenkrad), oder die Macht von Handwerkern, die manchmal nur für Westgeld kamen und in der Berufehierarchie weit über jedem Arzt standen.

Alltäglich auch die Versuche, Gefälligkeiten zu erlangen, durch die Besorgung schwer zu beschaffender Baumaterialien: über Armaturen oder Dachpappe für die Datsche spekuliert der Hoffmannsche Familienrat, dass sie vielleicht den Kreisschulrat gnädig stimmen könnten, als Sohn Christian mit verbotener Literatur erwischt wird. Fast vergessen hatte ich schon die von der Asche schlechter Braunkohle qualmenden Blechmülltonnen, in deren verbeulten Deckeln manausdrucksvolle Gesichter sah oder die kleinen Papierrollen mit angebundenem Stift neben den Wohnungstüren; Telefone waren wenig verbreitet und Besuche waren oft spontan und daher manchmal vergeblich. Wenn man jemanden nicht antraf, hinterließ man eine Botschaft.

Aber diese Kleinigkeiten bilden nur den passenden Teppich für die größere Geschichte, in der jede Szene ein Trigger für intensive Erinnerungen sein kann.

Warten auf Westanrufe

Die lähmende Ohnmacht war plötzlich wieder da, die Resignation und Hoffnungslosigkeit, wenn die Spitzel es nicht mal mehr für nötig hielten, ihre Tätigkeiten zu verbergen und Briefe im Studentenwohnheim einfach offen in das Postfach legten. Das Empfinden der ständigen Beobachtung, das allgegenwärtige Misstrauen– wir haben damals bei jedem Knacken in der Telefonleitung damit gerechnet, dass Dritte mithörten, manchmal haben wir sie sogar angesprochen: „Hallo Horch und Guck, viel Spaß beim Zuhören!“ Die Trauer und Sorge waren auch wieder da, wenn Freunde oder Verwandte wie mein Bruder ausgereist sind, und man nicht sicher war, ob man sich jemals wieder sieht. Das nervöse Warten auf den angemeldeten Anruf aus dem Westen, für den man sich tagelang nicht aus dem Haus, ja, nicht einmal auf Toilette traute, nur, um das eine Klingeln nicht zu verpassen, das so oft dann gar nicht kam.

Auch das schöne Gefühl war wieder lebendig, wie es ist, dem System auch mal ein Schnippchen zu schlagen, es auszutricksen, Widerstand im Kleinen zu pflegen und zu bündeln oder sich einfach über seine Seltsamkeit zu amüsieren. Weihnachtsbäume klauen im Film sowohl Herr Hoffmann als auch der Pfarrer. Wir klauten Mais auf dem Feld, weil es damals keinen zu kaufen gab. Bei „Der Turm“ lacht die Belegschaft, als der Krankenhausleiter durch einen fingierten Notruf, um den man einen Patienten bat, bei seiner elend langweiligen Rede sozialistischer Bauart abrupt unterbrochen wird. Bei Stalins Tod 1953 lachte sich meine Mutter versteckt hinter einer Säule in ihrer Schulaula die Unterhosen nass, weil alle anderen mit erzwungenen Grabesminen da saßen und nicht mitlachen durften.

Ich flog mehr als drei Jahrzehnte später fast von der Kunstschule, weil ich ausgerechnet im Fach Politische Ökonomie einen unstillbaren Lachkrampf bekam, der mir von der humorlosen Schulleitung als Sabotage der politischen Studentenbildung ausgelegt wurde. Diese Rhetorik von der allseits gebildeten sozialistischen Persönlichkeit und dem stinkenden, verfaulenden Imperialismus war aber auch einfach zu lustig.

Und gerade so, wie es der Anwalt Christian riet, habe ich eben diese Rhetorik eingesetzt, um Meinungsfreiheiten zu verteidigen und das System mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Mein Lieblingszitat damals war von Karl Marx: „An allem ist zu zweifeln“. Es eignete sich hervorragend als Totschlagargument, um das aufmüpfige Mundwerk ideologisch fundiert zu verteidigen, wenn wieder einmal ein Staatsbürgerkundelehrerbohrende Fragen als unzulässige Kritik interpretierte.

„Guten Morgen, Jugendfreunde“

Mit Albernheit kann man selbst absurde Situationen mit Humor und Leichtigkeit ertragen. Ich bin dem Film sehr dankbar, dass er mich wieder an Ricarda erinnerte, die an unserer, nach einem polnischen Stasigeneral benannten Oberschule, FDJ Sekretärin war und genauso einen festen Klassenstandpunkt hatte, wie Swetlana in „Der Turm“. Unsere Swetlana kam jeden Morgen mit einer unglaublichen Dynamik ins Klassenzimmer gestürmt, schmetterte uns ein „Guten Morgen, Jugendfreunde“ entgegen, wurde noch in der zwölften Klasse Kandidatin der SED und hatte auf jede Frage eine Antwort, wie sie auch in einem Buch der SED Parteigeschichte gestanden haben könnte. Sie studierte Medizin und ist heute Pathologin – das passt natürlich perfekt, ihr Lieblingssystem ist ja auch tot und kann nur noch seziert werden.

Doch immer wieder bringt „Der Turm“ unangenehme Gefühle zurück: blinde Wut und tiefe Empörung, nackte Angst, Trauer und Verzweiflung,etwa bei der Szene von der Räumung des Dresdener Bahnhofs, die stellvertretend für die vielen Übergriffe im Herbst 1989 stand. Ich hatte das Glück, nie in so einen Übergriff hineingeraten zu sein, aber ich habe damals Gedächtnisprotokolle abgeschrieben und verteilt, die mich erschüttert haben, die von ähnlicher Staatsgewalt in Berlin oder anderen Orten erzählten, von „Zuführungen“, Knüppeleinsatz und Verhören.

Anders als in der Realität spielt sich im Film Weltgeschichte in Minuten ab. Kurz nach dem erneut durchlebten Entsetzen war auch die unfassbare Freude wieder da und das ungläubige Staunen, als doch sehr unerwartet die Mauer fiel und mit ihr das System stürzte. Ich kann niemandem beschreiben, was ich empfand, als ich die Mitteilung darüber zum ersten Mal im Radio hörte. Die nächsten Nachrichten hatte ich sogar auf Kassette aufgenommen – um diese Weltneuheit für die Ewigkeit zu konservieren.

Nie war ich so high vor Glück

Am nächsten Tag schon war ich in West-Berlin, einer Stadt in Festlaune. Direkt hinter der Grenze reichten uns West-Berliner Sektflaschenfür einen Begrüßungsschluck und teilten händeweise Gummibärchen aus.In einem Schuhladen wurde uns Besuchern vom anderen Stern selbstgebackener Kuchen und Kaffee serviert. Ein türkischer Händler schenkte mir seinen Mittagsproviant, eine Tüte mit Joghurt, belegten Broten und einer Banane. Noch in jener Nacht tanzte ich mit meiner Mutter und ungezählten Anderen auf der Mauer hinter dem Brandenburger Tor. Nein, diese Gefühle kann man nicht beschreiben. Aber beim Filmschauen da waren sie wieder da: Nie davor und nie danach war ich so high vor Glück wie an jenem 10. November 1989.

Es gab noch so viele Parallelen in diesem Film zu meinem eigenen Leben, was ich gleichzeitig wunderbar und irritierend fand. Mein Vater war auch Arzt. Ein Landarzt, kein Chirurg, aber auch in leitender Position im Landambulatorium. Wie Dr. Hoffmann war mein Vater ein Kriegskind. Hoffmann hatte Dresden brennen sehen, mein Vater Königsberg in Ostpreußen. Beide haben durch den Sozialismus Chancen bekommen, die es vor dem Sozialismus für sie nicht gab. Hoffmann und mein Vater besuchten die Arbeiter- und Bauern-Fakultät, um Abitur zu machen. Nur dadurch konnten beide Medizin studieren, und deshalb empfanden beide ein Gefühl der Dankbarkeit und Verpflichtung gegenüber dem Staat, einem Staat, der besser sein wollte als andere, der den Anspruch hatte, ein gutes, solidarisches Gesellschaftssystem aufzubauen.

Dr. Hoffmann glaubt daran. Mit neunzehn will er helfen, dieses neue junge Land gegen seine „inneren Feinde“ zu verteidigen. Er unterschreibt eine Verpflichtungserklärung für die Staatssicherheit, er schreibt Berichte über Kommilitonen. Mein Vater hat sich zwar von der Stasi fernhalten können, aber als junger Mann wollte auch er einen Beitrag zum Aufbau leisten, wurde Mitglied der SED und für mehr als zehn Jahre Arzt beim Militär.

Ist das schon Opportunismus?

Wie bei Hoffmann kühlte bei meinem Vater die Begeisterung über die Jahre ab, wich einer Ernüchterung und der desillusionierenden Erkenntnis, dass die großen Visionen der Nachkriegszeit mit dem grauen Realsozialismus wenig zu tun hatten. So, wie Herr und Frau Hoffmann sich darüber Gedanken machen, wie sie sich politisch wenigstens so unauffällig verhalten können, dass sie die Zulassung des Sohnes Christian zu Abitur und Studium nicht gefährden, so war es auch Thema bei uns, dass Töchterchen Anke - also ich - Abitur machen möchte und dieser Umstand eine gewisse Vorsicht aller erfordert. Ist das schon Opportunismus? Ist es Feigheit?

Mein Vater, angetrieben von einem radikalen Gerechtigkeitssinn, riskierte immer wieder eine dicke Lippe in der Partei, schrieb trotz drei Monaten Parteischule, in denen er den Klassenstandpunkt zuverlässiger ausbilden sollte, in den Jahren danach Beschwerden an die Obrigkeit, wenn er etwa die Unterbringung alter Menschen im örtlichen Pflegeheim unwürdig fand, und empörte sich bei der Parteileitung, als der rumänische Diktator Ceaucescu den Karl-Marx-Orden erhielt. Später wollte er unauffällig aus der SED austreten, in dem er monatelang seinen Beitrag nicht bezahlte. Aber eine Bürokraft im Rathaus passte irgendwann meine Mutter ab, gestand, dass sie heimlich die Beiträge ausgelegt hätte und dass es jetzt aber langsam zu viel würde und dass es doch besser wäre, sie zahlte das jetzt schnell, denn „Anke will doch auf die Erweiterte Oberschule“.

Natürlich hat meine Mutter bezahlt, natürlich bekam mein Vater von ihr Vorwürfe, warum er die Zukunft seiner Tochter gefährdete. So war das damals, genau, wie es der Film „Der Turm“ erzählt.Wie Christian hat sich auch mein Bruder „freiwillig“ verpflichtet, um studieren zu dürfen. Beide erleben die Erniedrigung durch Vorgesetzte und andere Soldaten bei einem Militärdienst, in dem Beleidigungen und Schikane normal und alltäglich waren.

Die Stasi wartete schon

Mein Puls steigt, als die Staatssicherheit Dr. Hoffmann Jahrzehnte nach seiner Verpflichtungserklärung abfängt, ins Auto setzt und zur neuerlichen Mitarbeit erpressen will. Sie winken mit dem Studienplatz für den Sohn und mit dem Leitungsposten bei der Klinik und drohen gleichzeitig mit ihrer Intervention, wenn die Mitarbeit verweigert wird. Mein paralleles Kopfkino bei diesen Szenen spielt im Sommer 1989, nach dem ich einen Französisch-Wettbewerb einer Pariser Kunsthochschulegewonnen hatte. Der Preis:drei Monate Paris-Stipendium, mit Atelierbesuchen, Kunstschule, Übernahme aller Kosten. Nur DDR-Bürger haben eine Vorstellung davon, was vor dem Mauerfall eine dreimonatige Reise nach Paris bedeutete. Da ist der Zauber von 1001 Nacht ein schwacher Abglanz. Meine Vorfreude war grenzenlos - bis ich einen fingierten Brief bekam, mit dem mich die FDJ Kreisverwaltung nach Aue lockte, wo man mich mit dem trockenen „Tut mir leid, wir wollen gar nichts von Dir, aber die da“ in ein Büro schob, in dem die Stasi schon auf mich wartete.

Sie wollten von mir das gleiche wie im Film von Dr. Hoffmann: Ich sollte IM werden und mein Umfeld aushorchen. Wie Hoffmann erschrecken sie mich mit Detailwissen aus meinem Privat- und Familienleben und mit dem Versuch, mich zu erpressen. Mein Vater sei ja als Arzt vom Staat bezahlt, ob das nicht zu Dankbarkeit verpflichte und ob ich mir klar sei, dass er genauso gut diesen Job verlieren könnte und ob mir auch bewusst sei, dass damit ja das ganze Familieneinkommen wegbricht und ob ich das auf meine Kappe nehmen will, dass dann die ganze Familie ohne Geld da steht. In mir wuchs die Empörung, in meinen Augen lag damals bestimmt die gleiche Mischung von Abscheu und Entsetzen, wie in der Mimik von Hoffmann, den Jan Josef Liefers meisterhaft spielt.

Aber die „Firma“ setzte noch eins drauf. Ob ich denn nicht gern nach Paris möchte, so ein schönes Stipendium, aber leider, leider, ohne das Okay der Staatssicherheit fährt natürlich niemand ins kapitalistische Ausland, und außerdem, wüsste ich nicht, dass kein DDR-Bürger das Land Richtung Westen verlässt, ohne die Stasi zu unterstützen? Bluff oder Wahrheit? Ich weiß es nicht. Beim Filmgucken ist es jedenfalls wieder da, das damalige Gefühl, von einem sehr, sehr hohen Berg in die Tiefe zu stürzen. Eben noch der Eiffelturm und ein Paris in allen Farben dieser Welt greifbar nah und dann der freie Fall, ins Schwarze und Dunkle hinein. Eine harte Landung nach dem Flug der Phantasie, gelandet wieder in einem Gefängnis, das DDR heißt und dessen versperrte Türen von der Stasi bewacht werden.

Mein „nein“ aber lehnen sie ab, genau wie bei Hoffmann. Sie zwingen mich am nächsten Tag, zu einem Treffpunkt zu kommen, ein kleiner Parkplatz unweit der Studentenwohnheime, umgeben von Bäumen. Ich will mein Nein wiederholen, aber der Mann von der Stasi, dessen Namen ich bis heute nicht weiß, zerrt mich ins Auto und fährt irgendwo hin, ich weiß nicht wo. In irgendeinem Wald stehen wir eine oder zwei Stunden, unser kleiner Dialog wiederholt sich gefühlte hundert Mal. Die Stasi lässt sich nicht so leicht abschütteln. Mit ihrem Vasallen allein an einem unbekannten Ort von dem keiner weiß, dass man dort ist, fühlt man nackte Angst.

22 Jahre nach diesem Vorfall schaue ich „Der Turm“, bekomme eiskalte Hände und fange wieder an zu zittern, genau wie damals. Hoffmann sah seine ganze bisherige Existenz auf dem Spiel, seine Karriere, die seines Sohnes, die Ehe mit seiner Frau – eine Spielfigur, mit der die Stasi eine perfide Form von „Mensch ärgere Dich nicht“ spielen kann: „Und Du bist raus – wenn wir das wollen“. Jemand sagt im Film: „Man hat immer eine Wahl, man kann immer auch nein sagen.“Das stimmt. Aber es ist eine schwere Wahl, und „nein“ sagen verlangte manchmal sehr viel Mut und dieInkaufnahme großer Opfer.

Die Seele des Ostens

Wer weiß denn so genau, wo die eigene Schwelle zum Heldentum liegt und wo der Opportunismus anfängt? Ich kann mir vorstellen, dass Menschen damals in Situationen kamen, die für die meisten von uns ein Dilemma darstellen würden und in denen man nur verlieren konnte. Eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Man sollte daher nie pauschal und leichtfertig urteilen über die Vergangenheit, Opfer und Täter waren nicht immer durch eine klare Linie getrennt. Dennoch ist es wahr, man konnte immer auch „nein“ sagen. Ich blieb zum Glück standhaft und durfte folgerichtig auch nicht nach Paris fahren. Aber wenigstens hat mein Vater seine Arbeit behalten. Genau wie bei „Der Turm“konnte man wohl nicht auf den Arzt im Ort verzichten, zu viele Ärzte hatten der DDR Richtung Westen schon den Rücken gekehrt. Vielleicht hat aber auch, wie schon öfter davor, der Bürgermeister seine schützende Hand über ihn gehalten. Man konnte schlicht nie wissen, welche zufälligen Schicksalsfäden sich mal zu leichten und mal zu verhängnisvollen Folgen eigener Entscheidungen verwoben.

Ich bin dem Autor des Buches „Der Turm“ und den Filmemachern, die diesen Roman so beeindruckend lebendig verfilmten, sehr dankbar für diese aufrührende Reise in die Vergangenheit - die unseres Landes und meine eigene. Wer ihn verpasst hat, sollte das nachholen. Für Menschen aus dem Ostteil ist der Film ein großartiger Erinnerungstrip und auch gut für das Selbstbewusstsein. Wir können stolz sein auf den historischen Sieg, den wir friedlich und gemeinsam erkämpft haben. Menschen aus dem Westteil Deutschlands kann der Film helfen, das schwer zu Beschreibende, die Seele des Ostens ein wenig besser zu begreifen. Noch immer trifft man in der gesamtdeutschen Gegenwart hier und da auf Hochmut gegenüber dem Osten und seinen Bewohner, wird billig geurteilt über Menschen, die in einer anderen Welt unter anderen Bedingungen über richtig und falsch zu entscheiden hatten und für die das aus heutiger Sicht Absurde eine sehr reale Gegenwart war – jeden einzelnen Tag.

Anke Domscheit-Berg wurde 1968 in Premnitz in Brandenburg geboren und wuchs in der ehemaligen DDR auf. Nach der Wende studierte sie International Business Administration in Bad Homburg und Newcastle und arbeitete als Unternehmensberaterin. Domscheit-Berg setzt sich für Transparenz und Gleichberechtigung in der Wirtschaft ein. Seit Mai 2012 ist sie Mitglied der Piratenpartei.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot