Medien zum Sturm aufs Kapitol

„Ein krimineller Akt, außergewöhnlich und furchtbar“

Von Nina Rehfeld, Sedona
07.01.2021
, 11:11
Dass Trump-Anhänger ins Kapitol eingedrungen sind, sorgt in den amerikanischen Medien für Entsetzen. Die verschworenen Anhänger des Präsidenten aber interpretieren die Ereignisse auf ihre Weise.

Noch vor dem Sturm auf das Kapitol hatte die „Washington Post“ die Einschätzung publiziert, die Sicherheitskräfte würden die Lage bei den angekündigten Protesten von Trump-Anhängern in Washington „unter Kontrolle“ haben. Aber dann drangen die Demonstranten ins Kapitol vor, wo die eher zeremonielle Bekräftigung des Wahlausgangs vor sich ging. Die Abgeordneten mussten evakuiert werden, Protestler verschafften sich Zugang zu den Kammern. Schüsse fielen, eine Frau starb an Schussverletzungen. Die amerikanischen Medien zeigten sich entsetzt. Man rang um Worte – von Umsturz, Belagerung, Volksverhetzung, Verrat war die Rede.

In der amerikanischen Medienlandschaft herrscht Fassungslosigkeit, überall. Vor allem, weil die Demonstranten offenbar mühelos Barrieren überwanden und ins Kapitol eindrangen. Weithin macht man den amtierenden Präsidenten Trump für die Ausschreitungen verantwortlich, der im Dezember zu den geplanten Protesten auf Twitter geschrieben hatte: „Kommt her, das wird wild!“ Noch am Tag der Ausschreitungen betonte er: „Wir werden niemals aufgeben, wir weichen nicht zurück!“ In seiner aufgezeichneten Videobotschaft rief er zu „Frieden“ auf, goss aber mit der Behauptung, die Wahl sei „gestohlen“ worden, zugleich abermals Öl ins Feuer.

Immer wieder hörte man im Fernsehen das Wort „Insurrection“, Aufstand. „Ich habe so etwas noch nie in meiner langjährigen Karriere gesehen“, bekannte ein CNN-Reporter zu den Bildern von Hunderten Menschen, die mit Trump-Fahnen die Treppen vor dem Kapitol besetzen. „Ich fürchte, das wird dem Land auf absehbare Zeit zutiefst schaden.“

Die „New York Times“ titelte: „Von Trump aufgestachelter Mob stürmt das Kapitol“. Die „Washington Post“ fühlte sich „an Coups und Aufstände in autokratischen Ländern“ erinnert und befand, die amerikanische Hauptstadt zeige sich im „Endstadium der Trump-Ära-Krämpfe“. CNN konstatierte, dass dies „voll und ganz Trump anzulasten“ sei, und auf MSNBC, wo man die „Schändung eines sakralen Monuments“ beklagte, gab eine afromaerikanische Kommentatorin zu bedenken: „Weiße Amerikaner fürchten die Polizei nicht. Wären dies ,Black Lives Matter‘-Demonstranten, wäre dies eine völlig andere Situation.“

Ebenfalls mit Blick auf die Lähmung der Sicherheitskräfte während des Sturms der Trump-Fans auf das amerikanische Parlament fragte man bei CNN, wie die Dinge wohl aussähen, würden etwa Muslime oder andere Gruppen das Kapitol stürmen. Die Eindringlinge müssten mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werde, forderte die MSNBC-Moderatorin Rachel Maddow, während die Nachricht die Runde machte, dass das FBI und die Nationalgarde unterwegs an den Schauplatz seien. Sowohl CNN als auch die „New York Times“, die „USA Today“, die „Washington Post“ und MSNBC brachten den 25. Verfassungszusatz zur Absetzung des Präsidenten wegen Amtsunfähigkeit ins Gespräch. Der „Atlantic“ forderte unter der Überschrift „Remove Trump Tonight“ die sofortige Absetzung des Präsidenten.

„The Nation“, ein konservatives Blatt, das sich bereits zuvor kritisch mit Trump auseinandergesetzt hatte, zitierte lakonisch den „Sedition Act“, ein Gesetz von 1918 über die Volksverhetzung. Das konservative „Wall Street Journal“ befand ob der „politischen Gewalttätigkeit“, dass die Ereignisse es für die Republikanische Partei weit weniger wahrscheinlich machten, Trump als ihren Führer zu akzeptieren.

Mehrere amtierende und ehemalige Mitglieder von Trumps Regierung drängten den Präsidenten auf den sozialen Netzwerken zum Eingreifen. Alyssa Farah, vormalige Stabschefin von Trump, schrieb an Trump: „Verurteilen Sie dies jetzt! Sie sind der einzige, auf den diese Leute hören! Für unser Land!“ Und ein weiterer ehemaliger Stabschef, Mick Mulvaney, forderte den Präsidenten auf: „Sagen Sie diesen Leuten, dass sie heimgehen sollen.“

Auch bei Fox News zeigte sich Fassungslosigkeit. „Dies ist ein krimineller Akt, außergewöhnlich und furchtbar“, hieß es auf dem Sender, der lange als Stichwortgeber Trumps galt und nach dessen Wahlniederlage im November und der offiziellen Anerkennung von Joe Bidens Wahlsieg den Zorn Trumps auf sich zog. „Der Mob hat die amerikanische Demokratie gekippt“, urteilte ein Kommentator. Viele Politiker, die Trump mit Blick auf seine Basis den Rücken freigehalten hätten, würden dies wohl nun bereuen, hieß es bei Fox News. „Unterschätzen Sie dies nicht, es hat sich heute in der Republikanischen Partei etwas verändert“, sagte ein Analytiker.

Zugleich probte man hier freilich weiter die bewährte Gratwanderung: So wertete man die Attacke aufs Kapitol als Tat „unamerikanischer Anarchisten“ und „terroristischen Akt“ sowie als „Bärendienst für Trump. Ein Reporter des Senders berichtete, dass die Leute am Kapitol eine „Revolution“ im Sinne hätten, auch wenn er sich beeilte, hinzuzufügen: „Ich betone, dies sind die Stimmen, die ich hier eingefangen habe.“ Man sprach von „falschen Patrioten“ – aber Sarah Palin, einstige Vizepräsidentschaftskandidatin, durfte die Schuld für den „Aufstand“ bei den traditionellen Medien und der vermeintlichen Antifa-Bewegung suchen und die Sehnsucht nach einer „dritten Partei“, also einer neuen rechtspolitischen Vereinigung unter Trump, zum Besten geben.

Auf Parler, der vermeintlich „unzensierten Alternative“ zu Twitter, blieb es indes seltsam still – Fox News-Moderator Sean Hannity teilte bloß die späten und verhaltenen Botschaften Trumps an die Aufständischen („bleibt friedlich“), sein Kollege Tucker Carlson meldete sich zunächst nicht zu Wort, ebensowenig wie die Trump-Apologetin Maria Bartiromo, die lieber über eine Unterschriftenaktion verbreitete, die den New Yorker Gouverneur Cuomo von einer Sportveranstaltung der Buffalo Bills verbannen will.

Auf den von Trump im Rahmen seiner Fehde mit Fox News favorisierten winzigen Nachrichtenkanal Spartenkanälen Newsmax und One America News blieb man weiter der alternativen Realität des Trump-Universums verhaftet. Auf Newsmax unterstellte man, ultralinke Demonstranten seien verantwortlich für die Übergriffe. Bei One America Network schämte man sich nicht, die Vorgänge als „Unsinn“ zu verniedlichen. Empörung gab es hier stattdessen für die Entscheidung von Twitter, Trump-Tweets zu den Vorgängen zu blockieren.

Der Präsident hatte darin neben der Aufforderung an die Demonstranten, „gehen Sie nach Hause“ abermals behauptet, die Wahl sei ihm gestohlen worden. Rudy Giuliani kam mit der Einschätzung zu Wort, angesichts der Ausschreitungen, die er in New York erlebt habe, sei dies gar nichts, und der Moderator sprang ihm bei – kein Vergleich zu der Gewalt, die bei „Black Lives Matter“-Protesten zu beobachten gewesen sei. OAN bot außerdem einen bulligen Demonstranten namens Steve ein Forum, der in Veteranenkappe und militärischem Outfit unwidersprochen sagen durfte, er finde es beschämend, dass diese Nation „keine fairen und transparenten Wahlen abhalten kann“. Ebendies habe diese Proteste hervorgerufen. Man werde am Tag darauf wieder vor Ort sein. Ein Kommentator bei CBS stellte die Frage in den Raum, die sich viele stellten: Erleben wir gerade das Ende einer Entwicklung oder den Beginn?

Quelle: F.A.Z.
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