„Thunder Force“ bei Netflix

Zur Feier der Großartigkeit von Frauen über vierzig

Von Claudia Reinhard
10.04.2021
, 16:07
Liebenswürdig und fad: Der Netflix-Film „Thunder Force“ setzt auf die Schauspielerinnen Melissa McCarthy und Octavia Spencer, gerät aber dennoch arg konventionell.

Der Ärger eines Superschurken über die eigene Niederlage wächst mit dem vermeintlichen Unvermögen des Gegners. Man kennt das vor allem aus dem Kinderprogramm, wenn die gefesselten Gangster am Ende darüber fluchen, ausgerechnet von einem Haufen Halbstarker überführt worden zu sein. Im Netflix-Film „Thunder Force“ geht eine andere von Bösewichtern gemeinhin wenig gefürchtete Gruppe von Menschen auf Verbrecherjagd: Frauen im mittleren Alter. „Wie kann es sein, dass wir zwei Weiber in ihren Vierzigern nicht stoppen können?“ empört sich „The King“, ein niederträchtiger Politiker mit Superkräften. Letztere hat er seit dem Jahr 1983, als die Erde von kosmischer Strahlung getroffen wurde, die eine genetische Mutation ausgerechnet in Menschen mit soziopathischer Veranlagung auslöst. Seitdem wird der Planet von Superschurken ohne Mitgefühl und ohne ernstzunehmende Gegner tyrannisiert.

Man ahnt als Zuschauer sowohl, was dem vorausging, als auch das, was folgen wird: Zwei Genetiker wollten die Kräfteverhältnisse ändern, doch sie fallen einem Anschlag zum Opfer und hinterlassen nur ihre kleine Tochter Emily, die das Werk ihrer Eltern zu Ende führen will. Dass sie ihr Leben der Wissenschaft verschreibt, bringt ihr zwar gute Noten, aber wenig Freunde. Auch Draufgängerin Lydia ist nicht gerade beliebt. Sie sieht wenig Sinn in Bildung, wohl aber in der Aufgabe, Emily vor frechen Jungs und zwanghafter Schüchternheit zu beschützen. Sie tun sich zusammen und sind jahrelang beste Freundinnen, bevor sie sich nach einem Streit aus den Augen verlieren – bis zum 25-jährigen Jubiläum ihrer Abschlussklasse. Doch anstatt ihre alte Freundin Emily (Octavia Spencer) zur Party abzuholen, verirrt sich die erwachsene Lydia (Melissa McCarthy) in deren Labor, wo sie sich versehentlich eine experimentelle Substanz injiziert, die die Probandin superstark machen soll. Der Stoff war eigentlich für Emily vorgesehen, doch immerhin ist ihr Experiment erfolgreich: Lydia wird zum Kraftprotz. Für Emily bleibt die zweite Test-Fähigkeit übrig: Sie kann sich schon bald unsichtbar machen.

Als „Hammer“ und „Bingo“ gründen sie das Superhelden-Team „Thunder Force“. Guter Name, vor allem, wenn man ihn schreit, findet Metal-Fan Lydia, genau wie die Band-Mitglieder von Slayer, Slipknot und Anthrax, die zusammen den gleichnamigen Soundtrack aufgenommen haben. Die weiteren Abenteuer der neuen Heldinnen sind allerdings austauschbar, mit Ausnahme von Lydias Liaison mit einem charmanten Superschürkchen (Jason Bateman), das mit riesigen Krabbenscheren anstelle von Armen hantiert.

Überhaupt scheint „Thunder Force“ vor allem auf Liebe gebaut. Die Hauptdarstellerinnen Melissa McCarthy und Octavia Spencer sind seit Jahrzehnten enge Freundinnen, für Drehbuch und Regie ist McCarthys Ehemann Ben Falcone verantwortlich. Die Kinder der Paare McCarthy und Bateman sind beste Freunde, die Tochter Vivian McCarthy spielt im Film die junge Lydia, und auch Spencers Tochter hat einen Auftritt. Das klingt alles sehr harmonisch und fühlt sich im Ergebnis auch so an. Die Fallhöhe dieser unkonventionellen Heldinnen bleibt bodenständig. Alle lieben sie, die Bewohner Chicagos, die Ordnungshüter, letztlich sogar ein Schurke. Die winzigen Rückschläge sind nicht der Rede wert, sie kommen an den erwartbaren Punkten, die man fast auf die Minute aus den einschlägigen Anleitungen zur Drehbuch-Dramaturgie entnehmen kann, emotional wirken sie nicht.

Melissa McCarthy hat 2018 in der Filmbiografie „Can You Ever Forgive Me?“ bewiesen, dass sie auch dramatischen Rollen gewachsen ist, für ihre Hauptrolle als geschasste Schriftstellerin Lee Israel wurde sie für einen Oscar nominiert. Ansonsten ist sie eher für klamaukige Komödien bekannt, häufig aus der Feder ihres Mannes. Diesem Humor bleiben die beiden auch in „Thunder Force“ treu, den McCarthy vor allem körperlich gekonnt umsetzt. Octavia Spencer fällt der Gegenpart zu, in den sie kaum je hineinfindet, vielleicht weil sie in ihrer Karriere subtilere Rollen gewohnt ist. So hat Ben Falcone einen Superhelden-Film vom Hollywood-Reißbrett gedreht, wie man ihn auch bei Netflix schon in unzähligen Variationen gesehen hat. In den standardisierten Hauptrollen übergewichtige Frauen Mitte Vierzig zu besetzen und diese Tatsache im Film selbst kaum zu thematisieren ist da fast schon ein progressiver Akt. Eine Handlung, die jenseits davon im Gedächtnis bleibt, wäre dem Unterfangen würdig gewesen.

Thunder Force ist bei Netflix abrufbar.

Quelle: F.A.Z.
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