„Undercover in Nordkorea“

Die fetten Geschäfte des Rocket Man

Von Oliver Jungen
06.04.2021
, 14:10
Mads Brügger zeigt in der sensationellen investigativen Dokumentation „Der Maulwurf“, wie Nordkorea mit Hilfe korrupter Unternehmer Kriegswaffen verkauft. Diese Geschichte muss die Welt gesehen haben.

Als Österreich im Mai 2019 in Aufruhr geriet, hätte man glauben können, der dänische Filmemacher Mads Brügger habe wieder zugeschlagen, denn so etwas wie das heimlich aufgenommene „Ibiza-Video“ zählt zu den Spezialitäten des Mannes, in dem sozusagen Günter Wallraffs Aufdeckungsenergie, Sacha Baron Cohens Humor und Lars von Triers Amoralität zusammenkommen. Gegen seine Beteiligung sprach indes, dass die „b’soffene G’schicht“ zu unprofessionell gehandhabt wurde und zu harmlos war. Brüggers fesselnd erzählte Filme sind nicht nur investigative Bravourstücke, sondern pures Adrenalin. Vor fünfzehn Jahren hat er sich in Nordkorea über Nordkorea mokiert, indem er in der Fake-Doku „The Red Chapel“ einen Kulturjournalisten mimte, der vermeintliche, teils behinderte dänisch-koreanische Komiker begleitete, die offen Dinge aussprachen, die in dem Land ohne jede Meinungsfreiheit eigentlich undenkbar sind. Das war propagandistische Anti-Propaganda, die dem Filmemacher selbstredend ein ewiges Einreiseverbot einbrachte.

Lebensgefährlich wurde es dann in der irren Realsatire „The Ambassador“, in der sich Brügger einen Diplomatenpass für Liberia kaufte und erstaunlich glaubhaft ins Geschäft mit Blutdiamanten einstieg. Seine versteckte Kamera entlarvte nicht nur dunkle Machenschaften in Hinterzimmern, sondern zeigte die Korruption in all ihrer schillernden Banalität. Sein neuester Film, „Der Maulwurf“, der inhaltlich gewissermaßen die beiden genannten vereint, ist ein wahrer Scoop und so unglaublich, dass man ihn leicht für inszeniert halten könnte. „Die beeindruckendste private Geheimoperation, von der ich je gehört habe“, nennt es die ehemalige MI5-Agentin Annie Machon im Film.

Und dann wird es lebensgefährlich

Die zehn Jahre umspannende Undercover-Aktion, bei der ein frühverrenteter Koch, der Maulwurf, das Vertrauen nordkoreanischer Regimevertreter erschleicht, bis schließlich ein Pseudo-Investor hochgradig illegale, die UN-Sanktionen umgehende Verträge abschließen kann – es geht um komplexe Waffensysteme, die das Regime in Pjöngjang mit Hilfe eines weltweiten kriminellen Netzwerks an Privatpersonen zu verscherbeln bereit ist –, hat bereits die Außenminister Schwedens und Dänemarks aufhorchen lassen. Die für die Sanktionen zuständige Expertengruppe der Vereinten Nationen befasst sich laut Brügger ebenfalls mit dem Inhalt des Films, der auch im Detail – welche neuen Waffen hat das opake Land zur Verfügung – brisant ist. Zum zweiten Mal von diesem Dokumentaristen vorgeführt: Dänen wird man in Nordkorea so schnell nicht mehr trauen.

Der Film beginnt leise, fast beiläufig. Der Koch Ulrich Larsen, erzählt Brügger, habe ihm nach „The Red Chapel“ vorgeschlagen, auf eigene Gefahr und Kosten den dänischen Ableger der Korean Friendship Association (KFA) zu unterwandern. Unter den zumeist arbeitslosen Hardcore-Maoisten, die sozialistische Politfloskeln nachplappern – „eher ein kläglicher Haufen“ –, steigt Larsen schnell auf, wird zum Vertrauten des Gründers des weltweit agierenden Nordkorea-Fanclubs, des Spaniers Alejandro Cao de Benós, der ihn bald zum Skandinavien-Vertreter der KFA promoviert. Larsens Aufgabe, für die KFA auch PR-Arbeit via Youtube zu machen, ist eine perfekte Erklärung dafür, seine Tätigkeiten ungeniert zu filmen, selbst – ansonsten streng untersagt – auf Reisen nach Nordkorea. Bei Geheimverhandlungen in Hotelzimmern kommen dann versteckte Kameras zum Einsatz.

Was diesen Mann antreibt, bleibt unklar. Er wirkt für die Zuschauer so ungreifbar wie für die KFA-Genossen. Reicht der Wunsch, etwas Sinnvolles mit der freien Zeit zu tun, wirklich dafür aus, sich auf Jahre in einen solchen Kosmos zu begeben, öffentlich für Nordkorea zu lobbyieren und sich von der eigenen Familie zu distanzieren? Bei dem Mann, der für die Rolle des reichen Investors engagiert wurde – dass sich misstrauische Nordkoreaner mit einem „Mr. James“ abspeisen lassen, zeigt schön, wie Geld und Gier alle Türen öffnet –, liegt die Sache anders. Jim Latrache-Qvortrup ist ein verwegener Abenteurer, der in der Fremdenlegion diente, als Kokain-Dealer große Räder drehte und acht Jahre im Gefängnis saß. Er liebt die Gefahr und agiert auch unter Druck angstfrei.

Zunächst bringt Larsen den Fake-Investor mit Benós zusammen, der angeblich Verbindungen bis zu Marschall Kim Jong-un besitzt und nach Devisen für das abgeschottete Land sucht. Laut prahlt Benós damit, wie Nordkorea mittels asiatischer Zwischenfirmen die Sanktionen umgehen und von Drogen bis Interkontinentalraketen (die das Land etwa Iran verkaufe) nahezu alles liefern könne. Bis dahin ist dem Film eine gewisse Komik eigen. Benós, zu allem Überfluss auch noch ein knallharter Rassist – Afrikaner hält er für „Tiere“, die ohne „weiße Master“ nur schlafen oder randalieren –, wirkt wie eine aufgeblasene Witzfigur. Dann aber zeigt sich, dass der in Nordkorea tatsächlich mächtige „Ermöglicher“ nicht übertrieben hat. Von nun an wird es Szene um Szene staunenswerter.

Los geht es in Pjöngjang, wo Larsen und Mr. James mit Pomp empfangen werden. In einem versteckten Restaurant präsentiert man ihnen inmitten sozialistischer Biedermeier-Gemütlichkeit einen Waffenkatalog samt Preisliste (eine Scud-E-Rakete mit 1350 Kilometer Reichweite kostet knapp fünf Millionen Dollar). Mit der Korea Narae Trading Corporation wird gleich im Anschluss ein Vertrag über eine geheime Fabrik für Waffen und Metamphetamine (Crystal Meth) außerhalb des Landes unterzeichnet. Die Nordkoreaner schlagen als Standort Uganda vor. Dort wiederum wird der Plan ausgeheckt, für die als Luxusresort mit Landebahn getarnte unterirdische Fabrik eine ganze Insel im Victoriasee zu kaufen. Die geschmierten ugandischen Behörden, die gar nicht wissen wollen, was da gebaut wird, bieten an, Tausende Inselbewohner schnell zu vertreiben.

Aber das ist erst der Beginn: Bald werden Pläne gemacht, über Mr. James Waffen an das Assad-Regime zu liefern. Zudem kommt der jordanische Geschäftsmann Hisham Al-Dasouqi ins Spiel, der Öl nach Nordkorea liefern will, womit ein Dreiecksgeschäft möglich wird. Auch hier wird ein Vertrag über 3,2 Millionen Dollar unterzeichnet, bevor Brügger die gesamte Operation auffliegen lässt. Er zeigt sogar, wie Larsen – seither eine kleine Berühmtheit, aber auch unter Personenschutz stehend – sowohl Benós als auch seiner Ehefrau die Wahrheit mitteilt. Der leicht lakonisch erzählte Film verzichtet, wie stets bei Brügger, auf das so beliebte Moralisieren. Seine Helden (im Wortsinne!) stoßen vor unseren Augen in ein kriminelles Geflecht vor, dessen Protagonisten mit Banditenstolz die eigenen Methoden preisgeben. Alle Schlussfolgerungen überlässt der Film dem Publikum. Und den Strafverfolgungsbehörden, die zumindest Benós festsetzen könnten – was noch nicht passiert ist. Relevanter und spannender kann Fernsehen kaum sein. Damit man das nicht so sehr merkt, versendet das ZDF die Ausnahme-Doku mitten in der Nacht (und verweist auf Mediathek und Spartenkanal). Zur besten Sendezeit bringt man lieber einen Nutella-Check.

Der Maulwurf läuft am Dienstag nach Ostern ab 20.15 Uhr bei ZDFinfo, in der Nacht zu Donnerstag ab 0.45 Uhr im ZDF, am 14. April um 20.15 Uhr bei 3sat. In der ZDF-Mediathek ist der Zweiteiler bereits zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
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