Der Film „Hyperland“ im ZDF

Der Manipulation wird niemand entkommen

Von Dietmar Dath
22.11.2021
, 18:38
Gegenschlag: Cee (Lorna Ishema) beweist ihre speziellen Fähigkeiten.
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Hetzen, Petzen und Verletzen: Der ZDF-Film „Hyperland“ zeigt die soziale Hölle einer gar nicht all zu fernen Zukunft. Werden wir bald noch entschlossener ferngesteuert als heute schon?
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Irgendwann muss das Publikum dieses Films die Leinwand oder den Bildschirm mit geballten Fäusten anschreien: „Schluss! Das können die doch nicht machen!“ Gerechte Empörung kocht über, wenn eine dumpfe Hausfrau die Heldin Cee, die zu diesem Zeitpunkt bereits einen sexualisierten Übergriff, eine Verleumdungskampagne und die totale soziale Deklassierung ertragen musste, bitter anschwärzt: „Und sie verachtet die Familie!“ Das ist eine infame Verdrehung; die Heldin hat lediglich gesagt, dass sie von ihrem Vater liebevoll aufs Erwachsenwerden vorbereitet wurde und ihr also nichts fehlt, obwohl sie einen traditionellen Familienzusammenhang entbehren musste.

Systematisch wird im Erzählgang des Fernsehspiels „Hyperland“ mit Szenen wie dieser jede Hoffnung auf Besserung der Lage abgetragen und zermalmt. Das Thema, das Mario Sixtus, Autor und Regisseur, hier inszeniert, ist die Triangulation von Digitalisierung, Arbeitsteilung und Mob-Mentalität. Der Film gehört zum Genre Science-Fiction, weiß aber etwas, das dieses Genre in früheren Phasen seiner Auseinandersetzung mit der vernetzten Computerwelt nicht gewusst hat. Zum Beginn dieser Auseinandersetzung, nämlich in den Sechziger- und Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts, also etwa zwischen dem Erscheinen von Harlan Ellisons Erzählung „‚Repent, Harlequin!‘ Said the Ticktockman“ (1965) und Michael Endes Roman „Momo“ (1973), gestaltete spekulatives Erzählen vor allem die Furcht, neue, rechnende Maschinen würden uns zu ihresgleichen machen: kalt und logisch, ohne Emotionen. Gedacht war das als Analogie zur Industrialisierung, deren Maschinenpark die Leute bekanntlich in den Akkord und ans Fließband gedrängt hatte, dem Arbeitstakt von Apparaten unterworfen. Seit allerdings die sogenannten sozialen Medien ihre enormen Unheilspotenzen freisetzen, wissen wir, dass Computer das Gefühlsleben der Menschen nicht unbedingt austrocknen, sondern es, um neue Profitquellen anzuzapfen, auch ankurbeln und bis in völlig hirnlose Erregungshöhen peitschen können.

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An allen Hauswände prangen Botschaften

Der fiktionale Weltentwurf von „Hyperland“ macht diese Einsicht zum hallenden Hintergrund der Handlung: Schnittstellen zwischen Virtualität und unbewaffneter Sinneserfahrung sitzen als Reiz-Reaktions-Transceiver in jedem Kopf; alle Hauswände und sonstigen urbanen Oberflächen sind Projektionsplattformen für Werbung, politische und soziale Hetze sowie Wasserstandsmeldungen betreffend das soziale Karma, dessen mess- und zählbarer jeweiliger Betrag, in Interaktionen mit Mitmenschen ermittelt, nicht nur über den Zugang zu allerlei Annehmlichkeiten entscheidet, sondern auch darüber, ob eine Person überhaupt noch volle bürgerliche Rechte genießt oder stattdessen „verblasst“, bis sie im Rauschen des großen Tratsches über alles und nichts untergeht.

Trailer
Hyperland
Video: ZDF, Bild: ZDF und Mario Sixtus

Vom Real-Dschungel aus Heizungs- und Lüftungsrohren bis zu den Feeds virtueller Partyräume, mal knallig und graffitiaffin, mal mit eigenartiger Pixel-Patina verfremdet, zeigt der Film uns Nachbarschaften für eine künftige Ro­toskopie des psychischen Innenlebens. Dass eine deutsche Produktion sich, gemessen an ausländischen Standards, gesetzt etwa von der britischen Show „Black Mirror“, so wenig schämen muss wie „Hyperland“, sieht man selten.

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Die Wirkungen, die der Film in Herz und Hirn freisetzt, wären freilich bei aller Inszenierungssicherheit bis in die Effektregie nicht halb so deutlich zu spüren, wenn Sixtus weniger Glück mit seiner Hauptdarstellerin und gleich auch noch dem Kollegen gehabt hätte, der ihren Todfeind spielt.

Lorna Ishema als unbeugsame Cee, die selbst im Grauen der Schnittstellenschwindsucht das Spiel von Macht und Masse nicht mitspielt, arbeitet sich mit schmerzhafter Präsenz durch den üblen Sozialbrei ihres schmalen Aktionsraums; und Maximilian Pekrul, dessen windiger Drecksack Marvin das grausige Prinzip ausnutzt, dem zufolge einem Psychopathen mit den nötigen Mitteln nichts so viel Sicherheit gewährt wie eine Öffentlichkeit, die von der Wahrheit glaubt, sie sei gelogen, wechselt seine Farben zwischen notgeilem Würstchen und James-Bond-Film-Schurke, bis man versteht, dass das wahre Böse in der Post-Twitter-Welt nicht etwa „kein Gesicht mehr“ hat, sondern viel zu viele situative, okkasionelle, opportunistische Gesichter. In Schauspielerei, Effekt und Konzeption baut „Hyperland“ so eine Warnung vor Ereignissen, die einerseits schon geschehen sind, deren Folgen sich aber andererseits vielleicht noch ändern lassen, bevor wir ihretwegen gar nicht mehr wissen, wie schlimm wir längst dran sind.

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Hyperland läuft heute um 0.00 Uhr im ZDF.

In einer früheren Version dieses Artikels stand irrtümlicherweise, “Black Mirror“ werde von der BBC produziert. In Wirklichkeit ist das eine Show des anderen britischen öffentlich-rechtlichen Senders Channel 4, die dann von Netflix übernommen wurde

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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