Pro-7-Film über Rechtsextreme

„Oder vergasen, wie du willst“

Von Michael Hanfeld
Aktualisiert am 26.09.2020
 - 11:23
Thilo Mischke im Fanshop für Rechtsextreme.
Am Montag gibt es bei Pro Sieben besonderes Programm. Der Film „Rechts. Deutsch. Radikal“ zeigt, was Rechtsextremisten vorhaben. Und was ein AfDler wirklich denkt.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Privatsender kurzfristig sein Abendprogramm für eine investigative Recherche umwirft. Pro Sieben wird es am kommenden Montag tun – und damit einigen Nachhall erzielen. Gezeigt wird das „Pro Sieben Spezial: Rechts. Deutsch. Radikal“ von und mit dem Reporter und Moderator Thilo Mischke. Er hat anderthalb Jahre lang in der rechten und rechtsextremen Szene recherchiert und ist mit Protagonisten ins Gespräch gekommen, die Gefallen daran finden, sich als Nationalrevolutionäre zu inszenieren. Geht es um ihre wahre politische Gesinnung, nach der Mischke sie immer wieder fragt, fangen sie an zu grinsen. Sie sehen sich auf der Siegerstraße und meinen, das Volk werde bald aufwachen. Sie haben etwas vor.

Was, das erklärt der Präsident des Verfassungsschutzes, Thomas Haldewang. „Rechtsterrorismus und Rechtsextremismus“, sagte er, als er den Verfassungsschutzbericht 2019 vorstellte, „sind aktuell die größte Bedrohung in Deutschland.“ Rund 32000 Personen weist der Verfassungsschutz dem rechtsextremen Spektrum zu, 13000 seien gewaltbereit.

Thilo Mischke durchmisst die Szene. Er besucht Pegida-Aufmärsche und das „Schild und Schwert“-Festival im sächsischen Ostritz, auf dem Rechtsrock läuft. Er spricht mit dem Dortmunder Rechtsextremisten Alexander Deptolla, der den Martial-Arts-Treff „Kampf der Nibelungen“ ausrichtet, der im vergangenen Jahr erstmals verboten wurde. Deptolla erzählt, wie er in die Szene geriet und warum er gar nicht mehr raus will. Thilo Mischke trifft den NRW-Landesvorsitzenden der Partei „Die Rechte“, Michael Brück, der ihn durch seinen Fanshop mit Rechts-Devotionalien führt. Im Angebot hat er unter anderem schwarze Jutetaschen mit dem Aufdruck „HKNKRZ“. Was er von solcherlei menschenverachtender Witzigkeit hält, daraus macht Thilo Mischke im Gespräch mit seinem Gegenüber kein Hehl. Eine ernstzunehmende Antwort bekommt er nicht. Um die ist auch der junge Sanny Kujath verlegen, wenn er nach seiner Einstellung gefragt wird. Kujath gilt mit seiner Gruppe „Junge Revolution“ als Hoffnungsträger der extremen Rechten – ein smarter Junge, der von Patriotismus redet und dessen Zukunft man sich in den schwärzesten Farben ausmalen kann.

Den größten politischen Sprengstoff allerdings bergen die Begegnungen des Pro-Sieben-Reporters Mischke mit einer Youtuberin und Influencerin, die in der rechten Szene in kürzester Zeit einen rasanten Aufstieg genommen hat, dem Chef der „Identitären Bewegung Österreich“, Martin Sellner, und anderen Protagonisten der Szene inzwischen aber als „Verräterin“ gilt. Sie nennt sich Lisa Licentia und ist auf sämtlichen Social-MediaKanälen unterwegs. Man findet von ihr fremdenfeindliche und islamophobe Einlassungen, Huldigungen an die AfD en masse; sieht, wie sie bei einer Demonstration von Antifa-Leuten angegriffen und von der Polizei festgenommen wird. Dann wieder gibt sie sich als Humanistin und Feministin oder bekundet Verständnis für die LGBT-Bewegung und teilt auf ihrem Twitter-Account zustimmend Beiträge über „Black Lives Matter“.

Thilo Mischke begleitet sie beim Besuch einer AfD-Veranstaltung im Bundestag, auf der unumwunden gegen Fremde, Zuwanderung und die Politik der Bundesregierung gehetzt wird. Lisa Licentia meldet sich mit einer scheinbar kritischen Frage. Später ist sie über die Leute, mit denen sie es hier zu tun hat, nur noch entsetzt und in Tränen; entsetzt über Frauenfeindlichkeit und Hass, die ihr entgegenschlagen und die Kommentarspalten unter ihren Beiträgen füllen – von Linken wie von Rechten.

Dieser jungen Frau, Mutter von drei Kindern, auf deren innere Verfasstheit man sich nicht so leicht einen Reim machen kann, hat der Film auch seinen Höhepunkt zu verdanken: ein Treffen mit einem AfD-Politiker, bei dem dieser Tacheles redet und Zeugnis davon ablegt, wie fadenscheinig Beteuerungen dieser Partei sind, wenn sie sich von der extremen Rechten und Nazis abgrenzt.

Das Kalkül, von dem wir hören, lautet: „Wir müssen dafür sorgen, dass es Deutschland schlechtgeht.“ Warum? „Weil dann geht es der AfD besser.“ Soll heißen: Ihr strömen Wähler zu. „Ein Muslim müsste sich im Karneval hochsprengen“, lautet die Wunschvorstellung des AfD-Mannes. Und weiter: „Wir können nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst. Mir egal! Aber jetzt, wo die Grenzen immer noch offen sind, müssen wir dafür sorgen, solange die AfD noch ein bisschen instabil ist und ein paar Idioten da antisemitisch rumlaufen, müssen wir dafür sorgen, dass es Deutschland schlechtgeht.“

Das lässt, auch unter den besonderen Umständen, unter denen die Aussagen bezeugt werden, nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Auf die Ausreden der AfD sind wir schon gespannt. Und auf den kommenden Montagabend bei Pro Sieben ebenfalls.

Das Pro Sieben Spezial: Rechts. Deutsch. Radikal, Montag um 20.15 Uhr bei Pro Sieben

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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