Zum Tod von Gerd Ruge

Absichtlich zufälligerweise überall vor Ort

Von Andrea Diener
17.10.2021
, 17:39
Weltweite Wahrheitsfindung war sein Job: Gerd Ruge
Er zeigte den Deutschen die Welt, sie vertrauten seinem Blick: Der Fernsehjournalist und langjährige ARD-Korrespondent Gerd Ruge ist gestorben.
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In einer Zeit, in der man noch keinen Twitteraccounts aus aller Welt folgen konnte und keine Handyvideos vom letzten Putsch oder der letzten Großdemonstration zeitnah ins Internet gestellt und geteilt wurden, verließ man sich allein auf Fernsehkorrespondenten und die Arbeit ihres Kamerateams. Wie es aussah in Gegenden wie Sibirien oder Zentralafrika, das kannte kaum jemand aus eigener Anschauung. Und wenn sich nicht eben Weltbewegendes dort abspielte, erfuhr man überhaupt nichts darüber.

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Genau diese Gegenden am Rande des Berichtsgebietes waren es, die Gerd Ruge besonders interessierten. Der langjährige Korrespondent der ARD und Erfinder des „Weltspiegels“ konzentrierte sich nicht nur auf die neuesten politischen Entwicklungen in den Hauptstädten, er fuhr immer wieder hinaus, gern aufs allerplatteste Land und schaute sich dort um.

Das heißt: Er fragte die, die dort leben, wie es sich da so lebt, und ließ sie einfach erzählen. Das taten viele bereitwillig, weil da einer kam, der sich selbst nie in den Vordergrund spielte. Er trug meistens ein blaues Hemd ohne Krawatte, dazu beige Hosen, und er nuschelte leicht – unprätentiöser ging es kaum. Besonders mit diesen Sendungen, die unter dem lapidaren Titel „Gerd Ruge unterwegs“ liefen, behielten ihn viele in Erinnerung als jemanden, dessen Blick auf die Welt man sich gern anvertraut. Aus diesen Sendungen, die einfache Menschen in ihrem Alltag begleiteten, lernte man dennoch immer erstaunlich viel über die Welt.

Faszination für Russland

Darüber kann man leicht vergessen, dass Gerd Ruge als Journalist bei nicht wenigen historischen Ereignissen vor Ort war. 1949 beginnt der gebürtige Hamburger seine Laufbahn beim NWDR mit Radioreportagen, viele davon aus dem Ausland – um wenigstens ab und zu aus dem muffigen Nachkriegsdeutschland herauszukommen.

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In den Sechzigerjahren setzt sich das heimische Fernsehen durch, und Bilder aus aller Welt erreichen Abend für Abend die Wohnzimmer. Darunter auch die Berichte des jungen Korrespondenten Ruge aus Washington. Erfahrungen hatte er als Radiokorrespondent in den Fünfzigerjahren schon als erster deutscher Journalist in Jugoslawien und danach in Moskau sammeln können – auch dort ein Pionier. Russland lässt ihn bis zum Ende seines Lebens nicht mehr los. Seine Reportagen aus allen entlegenen Winkeln prägten die Sicht der Westdeutschen auf dieses Land, das damals noch abgeschottet hinter dem Eisernen Vorhang lag und aus dem nur wenig herausdrang, entscheidend.

Prägend für Ruge persönlich sind vor allem die späten Sechziger in den Vereinigten Staaten. 1968 berichtet er sichtlich erschüttert, aber um Klarheit bemüht über die Attentate auf den Präsidentschaftskandidaten Robert Kennedy – er ist bei dem Geschehen selbst vor Ort – und auf den Bürgerrechtler Martin Luther King. Ein Jahr später ist er dabei, wenn in Florida die Raumfahrtmission Apollo 11 startet. Ruge schafft es, bei aller Anteilnahme nie gefühlig zu werden und bei aller Analyse nie kalt. Das setzte er auch als Aktivist um, als er 1961 die deutsche Sektion von Amnesty International mitbegründete.

Aber auch seinen heimischen Sender gestaltete er entscheidend mit. Bis heute erfolgreich läuft der „Weltspiegel“, in dem seit 1963 Auslandskorrespondenten aus ihrem Land berichten. In der ersten Sendung, die er mitentwickelte und moderierte, beeindruckt man bereits mit einer besonderen technischen Neuerung: der ersten transatlantischen Satellitenschaltung. Danach leitete er das politische Magazin „Monitor“. Das waren verdienstvolle Schreibtischjobs, ebenso wie der des Leiters des Hauptstadtstudios Bonn oder des WDR-Chefredakteurs.

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Aber Ruge zog es bei aller Führungsverantwortung und allen Meriten dann doch immer wieder hinaus. Auch nach seiner Pensionierung drehte er noch viele Reisereportagen. Er hatte die zwei Eigenschaften, die ein guter Reporter seiner Ansicht nach benötigt: Neugier und gute Füße. Am Freitag ist Gerd Ruge dreinundneunzigjährig in München gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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