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Verkauf von „La Repubblica“

Zeitungswende in Italien

Von Tobias Piller, Rom
07.12.2019
, 16:57
Sein Medienimperium geht flöten: Carlo De Benedetti. Bild: CAMERA PRESS/Fabio Frustaci
„La Repubblica“ war die Zeitung, die gegen Italiens Establishment antrat. Jetzt wird sie von diesem gekauft – von der Familie Agnelli. Dahinter verbirgt sich eine Übernahmeschlacht.
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Ausgerechnet diejenige Zeitung, die einst als Stimme gegen das italienische Establishment gegründet worden war, wird nun von denen übernommen, die wie sonst niemand die etablierten Mächte in Italien repräsentieren – von der Familie Agnelli. Auch als kritische Stimme gegen diese Familie, die in den siebziger und achtziger Jahren fast den Status eines inoffiziellen Königshauses Italiens genoss, war 1976 in Rom die Zeitung „La Repubblica“ gegründet worden, um als linke Stimme gegen das konservative Establishment anzutreten. Der damalige Mitbegründer und langjährige Chefredakteur Eugenio Scalfari, heute 95 Jahre alt, genießt in Italien Kultstatus und publiziert immer noch jeden Sonntag einen langen Leitartikel in der „Repubblica“.

Dass sich ausgerechnet die Agnelli-Familie nun in diesen Verlag einkauft, ist im doppelten Sinne eine Zeitenwende. Jenseits der politischen Orientierungen aus der Vergangenheit schien es lange Zeit, als wolle sich die Familie Agnelli aus dem Mediengeschäft zurückziehen. Das gegenwärtige Oberhaupt der Familie, der heute 43 Jahre alte John Elkann, hatte für einige Jahre auf langen Reisen den Chefredakteuren und Verlegern in aller Welt die Frage gestellt, wie sie sich die Zukunft der Medienbranche vorstellten. 2017 gab er dann die seit 91 Jahren bestehende Kontrolle über die Turiner Zeitung „La Stampa“ auf, indem er seinen Zeitungsverlag mit dem der „Repubblica“ vereinte und sich nur noch mit einem Minderheitsanteil von sieben Prozent an der gemeinsamen Medienholding „Gedi SpA“ begnügte. John Elkann kaufte sich dagegen beim Londoner „Economist“ ein, wo die Familienholding der Agnellis, Exor, nun 43,4 Prozent der Anteile und 20 Prozent der Stimmrechte hält.

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Die unternehmerische Führung des wichtigsten Zeitungsverlages Italiens lag seither bei der Unternehmerfamilie De Benedetti, die bisher offiziell 43,4 Prozent an der börsennotierten Medienholding besaß. Carlo De Benedetti, eine historische Unternehmerfigur Italiens, stand schon kurz nach Gründung an der Seite der „Repubblica“. Nach der Fusion mit „La Stampa“ der Agnellis und der Genueser Regionalzeitung „Il Secolo XIX“ umfasst der Verlag Gedi neben der als nationales Blatt mit zehn verschiedenen Lokalteilen herausgegebenen „Repubblica“ nun dreizehn Lokalzeitungen, die italienische Ausgabe der Internetzeitung „Huffington Post“, das Magazin „Espresso“ sowie drei nationale Radiosender, die zu den meistgehörten des Landes gehören.

Zuletzt gingen die Geschäfte aber nicht mehr so blendend. Die fetten Jahre mit einer verkauften Auflage der „Repubblica“ von mehr als 600000 Exemplaren, zwischen 1999 und 2007, liegen weit zurück. Zuletzt wurden in gedruckter und digitaler Form 221000 Exemplare der „Repubblica“ verkauft. In den ersten neun Monaten 2019 schrumpfte der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um sechs Prozent auf 441 Millionen Euro. Statt eines schmalen Gewinns 2018 wurde für die ersten drei Quartale 2019 ein Verlust von achtzehn Millionen Euro präsentiert. Vor allem aber hat die „Repubblica“, früher zeitweise die meistverkaufte Zeitung Italiens, vorerst das Rennen mit dem Mailänder „Corriere della Sera“ verloren. Der kam zuletzt auf eine verkaufte Auflage von 278000 Stück.

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Für den heute 85 Jahre alten Carlo De Benedetti war die „Repubblica“ weit mehr als ein Unternehmen. Mehr schon ein Identifikationsobjekt, um sich als progressiver Unternehmer zu inszenieren. Während der Todfeind Silvio Berlusconi traditionell mit den Sozialisten verbündet war, galten für Carlo De Benedetti die früheren Kommunisten als die sogenannten „politischen Referenten“. Ihnen wurde sozusagen ein Sprachrohr zur Verfügung gestellt, und dafür gab es im Proporzwesen der italienischen Klientelpolitik immer wieder auch wirtschaftlich Nützliches wie etwa die erste private Mobilfunklizenz Italiens im Jahr 1994.

Er will zeigen, dass er der bessere Medienunternehmer ist: John Elkann. Bild: EPA

Carlo De Benedetti scheute sich offenbar auch nicht davor, die Zeitungen als Instrument für seine Interessen einzusetzen. Als um das Jahr 2000 der staatliche Strommonopolist Enel seine Marktmacht verlieren und vierzig Prozent der italienischen Stromerzeugungskapazitäten abgeben sollte, kam De Benedetti zum damaligen Unternehmenschef und wollte die Kraftwerke zu einem symbolischen Preise übernehmen. Weil der Geschäftsführer entgegnete, es gebe dafür einen Weltmarktpreis und eine Ausschreibung, wurde er infolgedessen in der Zeitschrift „Espresso“ mit offenbar erfundenen Geschichten angeschwärzt, etwa über angebliche Hubschrauberflüge auf Firmenkosten zur Wochenendvilla. Vor wenigen Jahren noch sorgte die Rolle als Zeitungsverleger für direkten Kontakt von De Benedetti zum damaligen Ministerpräsidenten Matteo Renzi. Dabei kamen börsenrelevante Informationen zur Sprache. De Benedetti war danach Ziel staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen wegen angeblicher Insidergeschäfte.

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Eine besondere Schmach

In den achtziger Jahren ehrgeiziger Finanzier, in den neunziger Jahren als Chef von Olivetti gescheitert, war Carlo De Benedetti immer eine umstrittene Figur in Italien. Er profilierte sich als Gegner nicht nur von Silvio Berlusconi, sondern auch der Agnellis. 1976 war der damals aufstrebende Familienunternehmer Carlo De Benedetti für hundert Tage einer von drei Geschäftsführern und Aktionär von Fiat. Es hieß damals, er habe Verbündete gesucht, um die Agnellis auszubooten. Schließlich wurde ihm gesagt, man könne nicht „täglich eine Revolution im Hause Fiat veranstalten“, wie es De Benedetti wollte. Er wurde mit einer üppigen Abfindung vor die Türe gesetzt.

Für Carlo De Benedetti ist es eine besondere Schmach, dass seine Söhne den Medienkonzern an die Agnellis verkaufen. Schließlich wollte er in einer Generation so reich werden wie die Agnellis in drei. Zuletzt gab es offenbar Familienkrach um die Zukunft des Medienunternehmens. Carlo De Benedetti wollte im Oktober von den Söhnen die Aktien des Verlags zurück, für 25 Eurocent je Aktie für 29,9 Prozent, ohne Übernahmeangebot an die anderen Aktionäre. Die Söhne lehnten ab. Einzige Genugtuung für De Benedetti ist, dass Agnelli-Erbe John Elkann für den Aktienbesitz der Familie De Benedetti von 43,7 Prozent jeweils 46 Eurocent je Aktie zahlt und dann ein Kaufangebot an alle anderen Aktionäre abgeben muss. Doch John Elkann bezahlt die „Repubblica“ und den Verlag sozusagen aus der Portokasse. Die Holding der Familie De Benedetti erhält 102 Millionen Euro, während andererseits Elkann und die Agnellis bei der Fusion von Fiat mit Peugeot eine milliardenschwere Sonderausschüttung erhalten sollen.

Richtig neidisch soll Carlo De Benedetti aber erst noch werden: Aus dem Haus von Elkann verlautet, es gehe nicht um Nostalgie bei der Übernahme. Längst überfällige unternehmerische Entscheidungen müssten getroffen werden, um der „Repubblica“ das Überleben zu sichern. Elkann will zeigen, dass er der bessere Medienunternehmer ist.

Quelle: F.A.Z.
Tobias Piller
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