Dokumentation „The Dissident“

Der Mord an Jamal Khashoggi und wer ihn befahl

Von Oliver Jungen
16.04.2021
, 14:00
Bryan Fogels Dokumentation „The Dissident“ über die Ermordung Jamal Khashoggis ist wichtig und sehenswert. Doch sie tappt auch in die Falle des True-Crime-Genres.

Der perfekte Mord: Unzählige Kriminalromane haben sich an der Idee des ultimativen Verbrechens abgearbeitet. So geschickt die Täter Spuren verwischen, überführen die Kommissare sie fast immer. Wie naiv sich eine solche Perspektive angesichts des wahren Lebens ausnimmt, zeigt der wuchtige Dokumentarfilm „The Dissident“. Denn vieles spricht dafür, dass dem saudischen Kronprinzen Muhammad Bin Salman, genannt „MBS“, ein perfekter (Auftrags-)Mord gelungen ist, mit dem er davonzukommen scheint, obwohl die Indizien, wie selbst die CIA sagt, erdrückend sind.

Auf eine zynische Weise steigert es die machtpolitische Bedeutung dieser Tat noch, dass der am 2. Oktober 2018 im Istanbuler Konsulat Saudi-Arabiens von ranghohen saudischen Staatsbeamten heimtückisch verübte Mord an dem regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi so schlecht verschleiert wurde. Schon das Kleiderdouble, das türkischen Überwachungskameras suggerieren sollte, Khashoggi habe das Konsulat wieder verlassen, wirkt lachhaft. Dank des türkischen Geheimdienstes liegt eine Tonaufnahme des gesamten Hergangs vor. Die Führung Saudi-Arabiens räumte ein, dass Khashoggi wohl im Konsulat zu Tode gekommen ist, ohne aber die Verantwortung dafür übernehmen zu müssen. Das hat mit Skalierung zu tun: Die zentrale politische Figur eines märchenhaft reichen Landes setzt Recht; ihm unterworfen ist sie nur bedingt. Man darf sich an Walter Benjamins Überlegungen zum „großen Verbrecher“ erinnert fühlen.

Noch im Rückblick wirkt es beklemmend, wie offen Donald Trump seinerzeit andeutete, über die Beweise gegen das von ihm hofierte Saudi-Arabien hinwegzugehen: „Will anybody really know?“ Um den zahnlosen Protesten durch die Weltgemeinschaft, die durch jüngst von Washington verhängte Einreisebeschränkungen nur unwesentlich verschärft wurden, nicht das Vergessen folgen zu lassen, ist es wichtig, an diese unfassbare Tat, die auch ein feiger Angriff auf die Pressefreiheit war, zu erinnern. Daneben zeichnet der oscarprämierte Regisseur Bryan Fogel den interessanten Weg Khashoggis vom engen Vertrauten zum lautesten Kritiker des saudischen Königshauses nach. Dafür hat er Weggefährten des im Sommer 2017 nach Amerika Emigrierten wie Wadah Khanfar, den Ex-Geschäftsführer des Senders Al Dschazira, interviewt. Keine Frage, Fogel, der zuletzt via Netflix die Dokumentation „Ikarus“ über Doping im Spitzensport vorgelegt hat, versteht sein Handwerk. „The Dissident“ soll Netflix jedoch mit Blick auf den begehrten Markt Saudi-Arabien „zu heiß“ gewesen sein. Nun ist er immerhin über viele Plattformen einzeln beziehbar.

„Heiß„ ist der Film, weil er die Schuldigen klar benennt. Wenn aus den Abhörprotokollen zitiert wird, die belegen, wie höhnisch sich die für den Mord angereisten fünfzehn saudischen Spezialisten unter der Führung des Agenten Maher Mutreb über ihre Tat auslassen, während sie die Leiche mit einer Knochensäge zerteilen und in später zu vernichtende Beutel geben, erreicht das Dargestellte eine fast surreale Dringlichkeit. Allerdings ist all das spätestens seit dem Untersuchungsbericht von Agnès Callamard, der UN-Sonderberichterstatterin für außergerichtliche, standrechtliche oder willkürliche Hinrichtungen, vom Frühsommer 2019 bekannt. Auch sonst bringt Fogel nur wenige neue Fakten. Dass das Handy von Jeff Bezos – als Eigentümer der „Washington Post“ war er der Arbeitgeber Khashoggis – offenbar mit Hilfe einer Nachricht von MBS gehackt wurde, wissen wir seit mehr als einem Jahr. Das wäre auch kein Problem, würde der raunende Ton des Films nicht unablässig suggerieren, es handele sich um einen investigativen Scoop.

Fogel, der „The Dissident“ wie einen True-Crime-Thriller inszeniert – nicht Überblick ist das Ziel, sondern Spannung; dafür sorgt auch die dramatische Musik –, setzt wie viele andere reichweitenstarke Dokumentationen auf das Modell „Storytelling“. Nachdem hierzulande zuletzt viel über die Grenze zwischen Dokumentation und Scripted Reality diskutiert worden ist, wäre darüber nachzudenken, wie viel Emotionalität Dokumentarfilmen zuträglich ist. Zur Effektmaximierung arbeitet Fogel mit ausgesucht schönen Bildern – Sonnenuntergängen über Istanbul, Washington oder Riad –, die den bedrückenden Aussagen der Lebensgefährtin Khashoggis, Hatice Cengiz, entgegengesetzt werden.

Die Türkei gegen Saudi-Arabien

Vor allem aber brauchte Fogel eine (noch unerzählte) „Story“, und die fand der Filmemacher, indem er den wackeren Aktivisten und selbstverliebten Video-Blogger Omar Abdulaziz, einen Bekannten Khashoggis, zum Protagonisten machte, was inhaltlich zu einer gewissen Unwucht führt. Abdulaziz versteigt sich sogar unwidersprochen zu der Aussage, Khashoggi sei ermordet worden, weil er sein gegen die saudische „Twitter-Armee“ gerichtetes Partisanen-Projekt unterstützt habe. Dabei dürfte es offensichtlich sein, dass ein Insider, der in der „Washington Post“ für das saudische Königshaus schmerzhafte Artikel veröffentlichte, auch unabhängig von Sympathien für junge Twitter-Aktivisten dem Regime von Riad ein Dorn im Auge war.

Noch problematischer ist es dort, wo der Film am interessantesten wird: bei der Rekonstruktion der Ermittlungsarbeit nach Khashoggis Verschwinden. Dabei hat Fogel erstaunliches Bildmaterial aufgetan. Wir sehen die Durchsuchung des Konsulats; im UV-Licht tauchen Blutspuren auf. Die Aufnahmen stammen von der türkischen Polizei. Auch sonst fällt auf, wie beflissen türkische Offizielle vom Justizminister über den Geheimdienst bis zum engsten Berater Präsident Erdogans Auskunft über das verbrecherische Gebaren im Istanbuler Konsulat Saudi-Arabiens geben, also – Botschaftsgelände sind tatsächlich nicht exterritorial – „auf türkischem Boden“. Dass hinter solchem Entgegenkommen der eskalierende Konkurrenzkampf zwischen der Türkei und Saudi-Arabien um Vorherrschaft in der Region steht, ist zu vermuten. Natürlich darf sich ein Journalist Interessenkonflikte zunutze machen, aber sie sollten transparent werden. Im Film hört man dazu nichts.

Schlimmer noch: „The Dissident“ inszeniert die Vertreter des türkischen Staates als lupenreine Demokraten, die sich vom Vorgehen gegen kritische Journalisten erschüttert zeigen. Nichts erinnert daran, dass es mit der Unabhängigkeit der türkischen Justiz nicht weit her ist und dass dieses Land unliebsame Journalisten drangsaliert, einsperrt oder als Geiseln benutzt. Zunehmend stellt sich das Gefühl ein, dass Fogel sich – im Tausch für ranghohe Gesprächspartner und Geheimdienstmaterial – ein Stück weit hat benutzen lassen. Das wiegt gerade deshalb schwer, weil es ihm in Bezug auf Khashoggi glaubhaft um die Verteidigung von Menschenrechten und Pressefreiheit zu tun ist, so sehr, dass die Dokumentation mit einem „Aktiv werden/Etwas verändern“-Aufruf endet.

Sehenswert ist dieser Film gleichwohl, denn er hält in einer Welt, die längst zum politisch-wirtschaftlichen Alltagsgeschäft zurückkehrt , die Erinnerung an ein Verbrechen wach, das gleichermaßen für den Mut von Reformern, die für Gerechtigkeit und Meinungsfreiheit kämpfen, sowie für die Hemmungslosigkeit von Autokraten steht. Letzteren ist mehr entgegenzusetzen als nur müder Protest. Sonst werden sie gewonnen haben.

The Dissident ist von heute an auf Amazon, iTunes, Sky, Maxdome zum Kauf, ab dem 23.April zur digitalen Ausleihe zu finden.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot