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#meToo im Opernhaus

Schmutzige Klassik

EIN KOMMENTAR Von Jan Brachmann
 - 14:24

An diesem Palmsonntagswochenende beginnen wieder die Opernfestspiele in Berlin, Baden-Baden und Salzburg. Doch lange haben sie kein Bild derartiger Zerrüttung geboten wie in diesem Jahr. Aus Salzburg vernimmt man Gerüchte von Intrigen, nach denen der bisherige Künstlerische Leiter Christian Thielemann bei der Regelung der Nachfolge von Peter Ruzicka als Geschäftsführendem Intendanten mit durchaus intrigantem Kalkül übergangen worden sein soll: Man will ihm, ungefragt, künftig Nikolaus Bachler an die Seite setzen. In Berlin sah sich der Generalmusikdirektor Daniel Barenboim Vorwürfen ehemaliger Musiker seiner Staatskapelle ausgesetzt, er habe in der Probenarbeit die Grenze zwischen musikalischer Leistungsforderung und persönlicher Demütigung mehrfach überschritten. In Baden-Baden vertritt der greise Zubin Mehta als Dirigent den ursprünglich vorgesehenen Daniele Gatti. Das Concertgebouw-Orchester Amsterdam hatte dem Italiener im vergangenen Spätsommer fristlos gekündigt, weil er mehrere Frauen sexuell belästigt haben soll; er gestand es mit einer ungelenken Entschuldigung im Nachhinein selbst ein.

„Das Geschäft ist ein schmutziges geworden“, sagte die Bratschistin Tabea Zimmermann kürzlich der „Neuen Musikzeitung“. Und der Geiger Leonidas Kavakos zitierte in der „Süddeutschen Zeitung“ den Dirigenten Dmitri Mitropoulos: Musik verwandele diejenigen, die sie hören, in Engel und die, die sie spielen, in Monster. Angst, Frustration und Betriebsekel artikulieren sich in Medien, in denen man jahrzehntelang las, wie sehr Musiker ihren Beruf lieben; dass sie großartige Kollegen haben; dass alle dem Werk dienen würden. Ist plötzlich alles anders?

Opernsängerinnen galten als erotisches Freiwild

Intriganz, Belästigung und Missbrauch gehören zur Oper, solange sie als Betriebsform existiert. Parodien wie „L’opera seria“ von Florian Leopold Gassmann oder „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss haben die Schattenseiten des Musikbetriebs zum Thema der Kunst selbst gemacht. Es ist kein Wunder, dass der Geiger Joseph Joachim 1863 von seiner Braut, der Altistin Amalie Schneeweiss, verlangte, nach der Hochzeit die Opernbühne zu verlassen – Opernsängerinnen galten als erotisches Freiwild. Und Herman Bang beschrieb in seiner Erzählung „Charlot Dupont“ schon vor mehr als hundert Jahren, dass die „Klassik“ ein schmutziges Geschäft sei, weil sie Wunderkinder mit falschen Namen und falschen Biographien versehe, um großes Geld mit ihnen zu verdienen.

Erstaunlicherweise hat sich aber in der „Klassik“ lange die Überzeugung gehalten, dass im ästhetisch Schönen auch das sittlich Gute erscheine. Alles, was die Kunst des aufstrebenden Bürgertums seit Ende des achtzehnten Jahrhunderts an Rechtfertigungsideologien aufbot, um sich gegen die Macht von Adel und Kirche zu behaupten, muss derart verinnerlicht worden sein, dass es weithin noch geglaubt wird: die Bühne „als moralische Anstalt“, Musik als „höhere Offenbarung“ denn alle Weisheit und Philosophie, eine „holde Kunst“, die den Singenden in Franz Schuberts Lied „An die Musik“ in „eine beßre Welt entrückt“.

Die Rechtfertigungslast kehrt sich um

So funktionierte Kunst als Äquivalent von Religion: Sie definierte Normen, was „der gute Mensch“ und was „letzte Wahrheiten“ seien, erfand dafür Symbole und sorgte für deren Verinnerlichung. Was jetzt einsetzt, ist so etwas wie eine Säkularisierung der Kunstreligion: Sie hat ausgedient als Legitimation von Herrschaft einer sozialen Klasse oder einer Kaste von Genies. Der im vergangenen Jahr verstorbene Soziologe Peter L. Berger hat einmal formuliert, Säkularisierung beschreibe, dass Religion von einem Instrument sozialer Kontrolle zu deren Gegenstand werde. Die Rechtfertigungslast kehre sich um. Was bislang plausibel war, sei es nun nicht mehr.

Doch braucht fatalerweise gerade die „Klassik“ den Glanz, das Charisma, den Schein der Integrität, weil genau darauf ihre gesellschaftliche Akzeptanz beruht in Zeiten ökonomischer Verteilungskämpfe und massendemokratisch neu auszuhandelnder Repräsentationsansprüche. Die „Klassik“ mit ihren Orchestern und Opernhäusern verschlingt den Großteil öffentlicher Gelder, die insgesamt für Kultur ausgegeben werden. Der finanzielle Anteil übersteigt den Bevölkerungsanteil derer, die sich mit dieser Musik beschäftigen, um ein Vielfaches. Auch deshalb ist der moralische Druck auf allgemeinmenschliche Verbindlichkeit, auf eine Vorbildfunktion der vermeintlich funktionslosen, autonomen Kunst so groß. An der gesellschaftlichen Akzeptanz hängt ihr ökonomisches Überleben.

Alles, was im Zuge der #MeToo-Debatte diskutiert wurde, weitet sich über den Bereich sexueller Nötigung aus auf zwischenmenschliches Verhalten im Allgemeinen. Wie in den Kirchen auch, gibt es jetzt in der Kunst keine Kaste mehr, die den „Gläubigen“ keine Rechenschaft schuldet. Offen bleibt, wie die Welt und wie die Kunst aussehen würden, wenn sie restlos akzeptierten, was schon Johannes Brahms illusionslos über sein Metier an Clara Schumann schrieb: „Menschenwerk ist, was wir tun.“

Quelle: F.A.Z.
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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