Mordprozess gegen Verena Becker

Woran erkennt man eine Frau?

Von Ulf G. Stuberger
07.06.2011
, 22:28
Physiognomisch schwer einzuordnen: Verena Becker
Saß Verena Becker auf dem Motorrad, von dem das RAF-Attentat auf Siegfried Buback begangen wurde? Aussagen der Belastungszeugen können den Verdacht nicht erhärten. Die Verhandlung um andere Formen der Mittäterschaft steht noch an.

Rechtsanwalt Michael Euler, der die frühere RAF-Terroristin Verena Becker im Stuttgarter Mordprozess verteidigt, sagte an einem der fast vierzig bisherigen Verhandlungstage: „Die Bewertung der Aussage liegt nicht bei uns, sondern bei den Richtern - das ist ja das Schlimme!“ Der erfahrene Jurist dürfte diese schelmische Bewertung inzwischen gedanklich relativiert haben. Eine richterliche Bewertung, die seine Mandantin zur Todesschützin erklären würde, ist derzeit nämlich kaum denkbar.

Am Gründonnerstag 1977 wurden in Karlsruhe bei einem Ampelhalt Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Justizbeamte Georg Wurster von RAF-Terroristen gezielt erschossen. Wegen dieses ersten politisch motivierten Attentats der deutschen Nachkriegsgeschichte wurden Knut Folkerts, Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt über die juristische Hilfskonstruktion der mittelbaren Mittäterschaft verurteilt. Wer den Finger am Abzug hatte, ist bis heute nicht geklärt. Bubacks Sohn Michael, sein Bruder Horst, der sich nie öffentlich geäußert hat und vor Gericht nicht erscheint, und die schwerstkranke Witwe Inge Buback sind Nebenkläger in einem Strafprozess vor dem Staatsschutzsenat des Stuttgarter Oberlandesgerichts, in dem Verena Becker die einzige Angeklagte ist. Michael Buback hat sie nach privaten Ermittlungen als Todesschützin bezeichnet. Außerdem behauptet er, über diese Angeklagte sei „eine schützende Hand“ gehalten worden, weil sie für den Verfassungsschutz tätig gewesen sei.

Schwierigkeiten der geschlechtlichen Identifikation

Seit September 2010 verhandeln die Richter. Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen. Auch die von Michael Buback benannten Zeugen sind geladen worden. Durch sie wollte Buback beweisen, dass Verena Becker auf dem Beifahrersitz des Motorrades gesessen habe, von dem aus die drei Morde begangen wurden. Diese Aussagen waren mit Spannung erwartet worden und haben enttäuscht. 28 Zeugen konnten verständlicherweise nicht sagen, welches Geschlecht die in Motorraddress und Integralhelm gekleidete Person hatte.

Das Motorrad, von dem aus der Mord begangen wurde
Das Motorrad, von dem aus der Mord begangen wurde Bild: dapd

Drei Zeugen legten sich darauf fest, es sei ein Mann gewesen, sechs meinten das Gegenteil, darunter Michael Bubacks wichtigste Augenzeugin. Sie erklärte auf Fragen des Gerichts, sie habe selbst aus mehr als fünfzig Metern Entfernung eine Frau erkennen können. Das mache sie an der Länge des Oberschenkels der Person fest. Diese Aussage führte zu großer Heiterkeit im Gerichtssaal. Bubacks Rechtsanwalt Ulrich Endres war genau an jenem Tag nicht erschienen, an dem die Hauptzeugin seines Mandanten auftrat. Als Vertreterin der Anklage nahm Oberstaatsanwältin Silke Ritzert die Zeugin ernst und bat darum, ihr die Formel zu nennen, nach der sie ihre Geschlechtsbestimmung vorgenommen habe. Sie erhielt keine Antwort.

In der Rechtsmedizin gibt es eine Formel, nach der man anhand eines Oberschenkelknochens das Geschlecht bestimmen kann. Allerdings ist das nur möglich, wenn dem Fachmann der Knochen direkt vorgelegt wird, und selbst dann nur mit geringer Wahrscheinlichkeit. Bekleidet sein darf der Knochen nicht und sich bewegen schon gar nicht. Die anderen Zeugen, welche eine Frau auf dem Beifahrersitz des Tatmotorrads erkannt haben wollen, erklärten, sie machten das an den weiblichen Körperformen der Person fest, welche sie trotz Motorradkleidung erkannt hätten. Ein Zeuge sagte, „der Po“ habe ihm den Beweis geliefert, andere verwiesen auf „die runden Hüften“, ein Mann malte birnenförmige Schlangenlinien in die Luft, um seine Aussage zu unterstützen.

Man könnte sie für einen Mann halten

Der Nebenkläger Michael Buback frohlockte nach diesen Bekundungen und erklärte, im Karlsruher Generallandesarchiv gebe es weitere solcher Aussagen. Zusätzlich hätten Zeugen an den Tagen vor und nach dem Attentat in Autos und auf Motorrädern Frauen erkannt. Ob es sich dabei allerdings um die Fahrzeuge handelte, welche die Täter benutzten, ist nicht in jedem Fall gesichert. Und wenn es die Tatfahrzeuge waren, steht nicht fest, dass sie zu den Zeitpunkten der Zeugenbeobachtungen von den Tätern gefahren wurden. Dennoch zählt der Chemieprofessor Buback alle diese Personen zusammen und kommt auf zwanzig.

Selbst wenn man die Zählweise des Nebenklägers zugrunde legt, muss nach dem Abschluss der Beweisaufnahme über die Tatkomplexe des Attentats festgehalten werden, dass es keinen einzigen Zeugen gibt, der die Angeklagte als Mittäterin identifiziert hat, worauf es allein ankommt in diesem Strafprozess. Verena Becker hat keine markanten weiblichen Körperformen, im Gegenteil.

Wer die Angeklagte sieht, wird mit größter Wahrscheinlichkeit sogar ohne verdeckende Motorradkleidung in einer Entfernung von fünfzig und mehr Metern auf einen kleinen schmächtigen Mann schließen. Auch zur Tatzeit hatte sie diese Körperform, wie Fotos belegen, die vor drei Jahrzehnten aufgenommen wurden. Selbst die Polizeibeamten, die sie in Singen nach einer heftigen Schießerei festnahmen, sagten jetzt im Prozess aus, sie hätten gedacht, ein Mann schieße auf sie, und seien überrascht gewesen, eine junge Frau auf der Krankentrage zu erkennen, mit der sie nach einem Oberschenkelschuss transportiert wurde. Alle Zeugen, die sich wegen der Körperform der Person auf dem Beifahrersitz sicher sind, eine Frau gesehen zu haben, entlasten die Angeklagte Verena Becker.

Andere Formen der Mittäterschaft

In den folgenden Monaten wird es um von der Politik gesperrte Akten und mögliche Verstrickungen der Angeklagten mit dem Geheimdienst gehen. Die zweite These Bubacks steht auf dem Prüfstand. Man darf gespannt sein, welche Zeugen er dafür benennen wird. Das Stuttgarter Oberlandesgericht hat sich auf beide Thesen des Nebenklägers eingelassen und prüft diese mit Geduld und Respekt vor dem Hinterbliebenen eines der prominentesten Mordopfer Deutschlands von Amts wegen, scheut den dadurch bewirkten immensen Zeitaufwand nicht, obwohl die Thesen von der Anklage nicht übernommen werden.

Die Bundesanwaltschaft ist überzeugt, dass Verena Becker nicht eine der beiden Personen gewesen ist, welche die drei Morde ausgeführt haben. Sie hat die Siebenundfünfzigjährige dennoch als Mittäterin angeklagt, weil sie bei Diskussionen innerhalb der RAF permanent dafür eingetreten sei, den Mordanschlag durchzuführen, den Ort des Verbrechens zuvor mit Kumpanen ausgeforscht und sich an der Verbreitung einer Selbstbezichtigungserklärung beteiligt habe. Darum sei sie als Mittäterin anzusehen. In molekulargenetischen Gutachten, die dem Gericht vorgetragen wurden, war bestätigt worden, dass Verena Becker Briefhüllen beleckt hatte, mit der Pamphlete der RAF nach den drei Morden verschickt wurden. Auch das werden allein die Richter bewerten.

Quelle: F.A.Z.
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