Systemkonformität

Die privatisierte Revolution

Von Mark Siemons
25.05.2015
, 15:45
Der Angestellte auf dem Weg zum authentischen Ich
Früher maskierten sich Angestellte als Rebellen. Heute tarnt sich der Rebell als braver Funktionsträger. So kann man zugleich Systemkritiker sein und im System funktionieren, wie der Fall „Münkler-Watch“ zeigt.
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Die Aufregung um „Münkler-Watch“ ebbt allmählich ab, aber die verblüffende Perspektive, die die anonymen Vorlesungsmitschriften im Netz eröffnen, bleibt. Die Blogbetreiber begründeten ihren Willen, nicht erkannt zu werden, mit der Sorge, die „postadoleszente Revoluzzerei“ verderbe ihnen sonst womöglich die Karriereaussichten: „Wir möchten eine Zukunft mit unseren Kindern und Wohnraum und so weiter, um das hier entworfene Gedankenkonstrukt zu reproduzieren“. Die Ironiesignale und die etwas geschraubte Ausdrucksweise können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie es ernst meinen. Am Exempel des prominenten Berliner Politikwissenschaftlers Herfried Münkler wollen sie eine Kritik am von ihnen so genannten „Extremismus der Mitte“, eine zünftige Systemkritik also, durchexerzieren, aber nicht weniger wichtig als diese Ideenebene ist ihnen offensichtlich auf einer anderen Ebene das reibungslose Funktionieren innerhalb des Systems.

Eröffnet das die Aussicht auf eine Zukunft, in der es Systemkritik nur noch namenlos im Netz gibt, während in der analogen Sphäre nur noch Funktionsträger zu erkennen sind, die allen an sie gestellten Erwartungen gerecht werden? Eine Welt, in der die Diskurse, die man hören und sehen kann, nur vorgetäuscht sind, nichts anderes als prinzipielles Einverständnis demonstrieren, während sich im durch die Anonymität des Internets geschaffenen Raum hinter den Masken ein Abgrund an Umsturzbereitschaft auftut?

Unter Beschuss: der Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der HU Berlin wird im Internet als Rassist beschimpft.
Unter Beschuss: der Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der HU Berlin wird im Internet als Rassist beschimpft. Bild: Imago

Das wäre eindeutig eine Abkehr vom hergebrachten Muster einer persönlichen Haltung, die sich in Gedanken, Worten und Lebensstil zugleich äußert. Einem Achtundsechziger, einem Punker oder einem DDR-Dissidenten zum Beispiel wird gleichermaßen zugeschrieben, dass sich bei ihnen politische, ästhetische und soziale Erkennungsmerkmale entsprechen. Allerdings wird eine solche Art Authentizität, Übereinstimmung von innerer und gesellschaftlich sichtbarer Person, schon seit langem auch instrumentalisiert, von der Popkultur ebenso wie von der Verbrauchsgüterindustrie, so dass sie oft ihrerseits als soziale Fiktion erscheint.

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Kritisieren und funktionieren

In Wirklichkeit gibt es die Mischung aus Karriere, Ironie und Rebellentum, die die Münkler-Watch-Blogger auszeichnet, schon lange, bisher jedoch unter umgekehrten Vorzeichen: Bisher kostümierten sich die von einem umsichtigen Marketing ausstaffierten Angestellten als Rebellen. Nun aber scheint das Authentizitäts-Klischee zum ersten Mal von der anderen Seite unterminiert zu werden: Die Rebellen verkleiden sich als Angestellte.

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Die Möglichkeit dazu schafft das Internet. Ähnlich wie im Zuge der Säkularisierung einmal die Religion privatisiert wurde, deren Bekenntnis man seither nur unter Strafe der Peinlichkeit anderen oder gar einer Öffentlichkeit aufdrängt, könnte im Zuge der Digitalisierung die Politik und insbesondere deren revolutionäre Spielart privatisiert werden. Durch anonyme Blogs kann man mit seinen Ansichten öffentlich wirksam sein, ohne persönlich dafür einstehen zu müssen. Man kann nach kapitalistischen Wettbewerbskriterien funktionieren, ohne mit der Kritik in Kollision zu geraten, die man gleichzeitig daran übt, da diese Kritik nun in die Zuständigkeit einer durch die Anonymität des Netzes geschützten Innerlichkeit fällt.

Man könnte diese Konstellation als verspätete Einlösung des Programms betrachten, das Antonio Negri und Michael Hardt vor vierzehn Jahren mit ihrem immens einflussreichen Manifest „Empire“ aufgestellt hatten. Mit Adorno/Horkheimer stimmten sie überein, dass es zum „Empire“ des in alle Kapillaren eindringenden und noch seine schärfsten Gegner neutralisierenden Kapitalismus kein Außen mehr geben könne, doch sie gaben dieser Feststellung eine unerwartet optimistische Drehung: Zugleich sei dieses System nämlich auf die Mitwirkung der „Vielen“, der „Multitude“ angewiesen: „Im schöpferischen Vermögen der Multitude, der Menge, die das Empire trägt, liegt gleichermaßen die Fähigkeit, ein Gegen-Empire aufzubauen, den weltweiten Strömen und Austauschverhältnissen eine andere politische Gestalt zu geben.“

Das war die linke Lizenz zum Mitmachen, Kollaborieren, allerdings mit der Perspektive, unversehens die Vorzeichen des Ganzen umzukehren, so dass das System plötzlich kollabiert und nur noch die Menschen übrig bleiben, die es zuvor trugen. Ob das auch die Vorstellung der jetzt bloggenden Studenten ist, weiß man nicht; in ihren eigenen Selbsterklärungen stellen sie eher ihre Angst vor Reglementierung heraus.

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Doch je mehr sich äußere Zeichen des Widerständischen verbrauchen und bloß noch als Verkaufsargumente wirksam sind, könnten manche im planmäßigen Doppelleben vielleicht tatsächlich eine Logik der kulturellen Selbstbehauptung entdecken. Kierkegaard bezeichnete die Ironie als Inkognito des Ethikers, warum dann nicht das Angepasstsein als Inkognito des Revolutionärs verstehen? Popbands wie Tocotronic haben sich immer schon von den Authentizitätsbehauptungen früherer Rockmusiker und Linker abgesetzt und statt dessen mit immer neuen Brechungen und Camouflagen das Projekt betrieben, „eine bipolare, ambivalente Ping-Pong-Persönlichkeit auszubilden“ (Dirk von Lowtzow). „Bitte oszillieren Sie“, heißt einer ihrer Songs.

Doch in eben dem Moment, da das Internet als Medium einer besonders radikalen Mehrgleisigkeit in Erscheinung tritt, bringt es zugleich auch das Gegenteil hervor: ein verstärktes Bedürfnis nach Übereinstimmung mit sich selbst, zwischen Innen und Außen. Nach den Frauenzeitschriften „Flow“ und „Slow“, denen es erklärtermaßen ums „Wesentliche“ im Leben geht, ist diesen Monat die Männerzeitschrift „Walden“ mit der Parole herausgekommen: „Die Natur will dich zurück“.

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Authentisch und analog

Alle Magazine treffen sich darin, dass sie berufstätigen digitalen, also vielfach zersplitterten Existenzen das Authentische der analogen Erfahrung predigen, ob beim Kartoffelschälen als Meditation („Slow“) oder beim Übernachten im Wald („Walden“). Das definitive Bild für das angestrebte Einssein ist die Nacktheit, in der man da Männer in Seen springen sieht.

Spätestens im Factsheet für Werbekunden lässt der Verlag Gruner & Jahr jedoch keinen Zweifel daran, dass die Zielgruppe dadurch noch lange nicht für die Ausdifferenzierungen der Persönlichkeit, von der die Markenbildung lebt, verloren ist: „Die Fans und Käufer von WALDEN leben vorwiegend in der Stadt, telefonieren mit Apple, lesen Monocle, fahren DriveNow und Golf Variant für den Wochenendausflug, tragen Redwing-Boots und 3 Sixteen-Jeans“. Mit anderen Worten: Die propagierte Authentizität soll die digitale Vielgleisigkeit nicht ersetzen, sondern bloß durch ein besonders zukunftsträchtiges Segment ergänzen.

Deshalb widersprechen sich die beiden Erscheinungen der letzten Wochen nicht. Man kann sich die Münkler-Watch-Blogger in ihrer künftigen Charaktermaske gut als Leser der Zeitschriften „Flow“ und „Walden“ vorstellen, womit sie sich nicht nur als verlässliche Funktionsträger, sondern auch als brave, der Kompensation bedürftige Digitalexistenzen zu erkennen geben würden.

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Wir alle werden vermehrt von Frauen in Black-Hole -Hotels (in denen das Handy an der Rezeption abgegeben werden muss) und von bärtigen Männern mit dem Schlafsack unterm Arm umgeben sein, von lauter Menschen also, die zusammen mit ihrem Bedürfnis nach Echtheit das Wissen kultivieren, dass ihnen noch eine andere Welt jenseits der analogen zur Verfügung steht, in die sie bei Bedarf ausweichen können.

Da alle dies auch von allen anderen wissen, ergibt sich eine sozialpsychologische Gemengelage, die an die kollektive „Kunst des inneren Vorbehalts“ erinnert, die der polnische Dichter Czeslaw Milosz in den Volksdiktaturen Osteuropas nach dem Zweiten Weltkrieg beobachtethat. Die Verteidiger der Anonymität des Münkler-Watch-Blogs imaginieren ja immerhin eine „postdemokratische“ Welt, die „von der Springerpresse, Spin-Doctoring und den Feinden von Open Access regiert wird“, und bringen sich so in eine mentale Verfassung, die der von Bürgern diktatorischer Staaten ähnlich ist.

Nur das erste Kapitel

Milosz beschreibt die geheime Genugtuung, die die ständige Verstellung den Maskierten gibt, und er hebt die Schulung des Intellekts hervor, die sie in Gang setzt: „Wer sich dieser Geistesakrobatik am besten anpasst, setzt sich durch, und so bildet sich allmählich ein im Europa der Neuzeit sonst wenig bekannter Menschentyp heraus“.

Man kann sich einen schwindelerregendem dystopischen Roman darüber vorstellen, wie ein solches künftiges Leben aussehen wird, in dem Echtheit bloß noch eine Marketing-Idee ist und alle wahren Ansichten in einem unzurechenbaren Internet Zuflucht nehmen. Werden die bestehenden Verhältnisse dann ewig dauern, weil es in ihnen keine ernst gemeinte Kritik mehr gibt? Oder ist die Macht des Bewusstseins stärker, das den virtuellen Raum beherrscht? Aber vielleicht ist Münkler-Watch ja schon das etwas unheimliche erste Kapitel dieses Romans.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Siemons, Mark
Mark Siemons
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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