Nachruf auf Dieter B. Herrmann

Direktor des Sternentheaters

Von Sibylle Anderl
26.11.2021
, 14:58
Dieter B. Herrmann
Die Ge­schichte der Astronomie lag ihm am Herzen: Zum Tod des Berliner Astronomen Dieter B. Herrmann, der in der DDR die Vorstellung vom Kosmos prägte.
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Die Astronomie ist wohl diejenige wissenschaftliche Disziplin, die mit ihren vielfältigen Bezügen zu Philosophie, Kunst, Musik, Religion und Kulturgeschichte unter allen Disziplinen den weitesten Horizont aufspannt. Man kann das heute als Wissenschaftler getrost ignorieren, wenn man allein an akademischen Forschungsergebnissen interessiert ist. Dann raubt man ihr allerdings ihren besonderen, auch in der Öffentlichkeit wirksamen Zauber. Den entfaltet die Wissenschaft des Kosmos nur, wenn man all diese Aspekte mit im Blick hat, wenn man ihre historische Entwicklung genauso kennt wie ihr Wechselspiel mit unseren spezifisch menschlichen Eigenschaften, Interessen und Begrenzungen. Der Berliner Astrophysiker Dieter B. Herrmann hatte diesen umfassenden Blick auf sein Fach wie kaum ein anderer und war dazu auch noch in der Lage, dieses vielfältige Wissen derart mit anderen zu teilen, dass diese sich daraufhin für all das begeistern konnten, dem er sein Leben gewidmet hatte.

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Geboren 1939 in Berlin, hatte Herrmann schon zu Schulzeiten den Traum, Astronomie zu studieren. 1957 immatrikulierte er sich an der Berliner Humboldt Universität für ein Physikstudium. Nach dem Studienabschluss und kurzer Tätigkeit in der Staatlichen Zentrale für Strahlenschutz der DDR erlangte er schließlich 1969 die Promotion mit einem astro­nomiehistorischen Thema. Die Ge­schichte der Astronomie war es auch, die ihm zunächst besonders am Herzen lag und seine frühem Buchpublikationen — insgesamt sollten es in seinem Leben mehr als vierzig werden — prägte. Sein erstes Buch wurde 1984, untypisch für eine DDR-Publikation, von der Cambridge University Press sogar auf Englisch veröffentlicht. Mit der Zeit wuchs Herrmanns Interesse an philosophischen und erkenntnistheoretischen Fragen immer stärker, genau wie sein Bestreben, die Bezüge zwischen den Künsten und der Astronomie intellektuell auszuloten.

Für Letzteres gab es durchaus autobiographische Gründe: Als Schüler und Student hatte Herrmann mit großer Freude Theater gespielt, musste dies aber schließlich zugunsten des Physikstudiums aufgeben. Als Leiter der Berliner Archenhold-Sternwarte in Alt-Treptow, die er 1976 übernommen hatte und in deren Gebäude er seitdem wohnte, und von 1977 bis 1990 als Moderator der populärwissenschaftlichen Sendung „AHA“ im DDR-Fernsehen kam ihm diese frühe Bühnenerfahrung auch in seinem späteren Berufsleben zugute.

Kurz nach seinem Amtsbeginn als Sternwartendirektor setzte er den Bau eines neuen Planetariums in Ost-Berlin durch. Dieses Zeiss-Großplanetarium wurde 1987 eröffnet — mit einem Kuppeldurchmesser von 23 Metern war es nur knapp kleiner als das größte europäische Gebäude dieser Art in Moskau. Als Gründungsdirektor realisierte Herrmann dort bis 2004 zahlreiche „Sterntheater“-Veranstaltungen, in denen er auf charakteristische Weise Astronomie, Ge­schichte, Kunst und Musik im Zu­sammenspiel erlebbar machte. Auch ­da­nach blieb er in der Öffentlichkeit aktiv und arbeitete unentwegt an neuen populärwissenschaftlichen Publikationen. „Mich haben alle Themen fasziniert, mit denen ich mich entweder wissenschaftlich oder populärwissenschaftlich be­fasst habe“, sagte er im vergangenen Jahr; sein liebstes Buch sei immer das, an dem er gerade arbeite. Am Donnerstag ist Dieter B. Herrmann im Alter von 82 Jahren verstorben.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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