Unesco-Welterbe

Der „Nasse Limes“ sucht den Anschluss

Von Uwe Ebbinghaus
23.07.2021
, 13:16
Gigantomanisch als wäre es eine Kulisse für „Game of Thrones“: Virtuelle Ansicht der antiken Vorgängerstadt Xantens am niedergermanischen Limes
Nach dem obergermanisch-rätischen soll jetzt auch der niedergermanische Limes Unesco-Welterbe werden. Eine Spurensuche zwischen Xanten und Bonn in Zeiten von Covid-19 und Hochwasser.
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­Nähert man sich Xanten von Süden her auf der B 57, der alten Rö­merstraße, erscheint, kurz bevor der Alte Rhein hinter den Bäumen auftaucht, ein unscheinbares Schild auf grünem Grund: „Amphitheater Birten“. Soll das etwa der Hinweis auf das größte erhaltene Standlager der Antike mit seinem noch zugänglichen Vergnügungsbau sein (Vetera castra I), das jetzt, zusammen mit vielen anderen antiken militärischen Stätten, den Welterbestatus an­strebt?

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Der Niedergermanische oder „Nasse Limes“, der hundertfünfzig Kilometer südlich an den bereits zum Welterbe gehörenden Obergermanisch-Raetischen anschloss – dieser verlief dann über Land weiter nach Osten, bis er in den ebenfalls auf der Bewerberliste stehenden Donaulimes überging –, nutzte den Fluss bis zur Nordsee als Grenze zur rechtsrheinischen Germania magna, jenem Gebiet, das sich nach der Varusschlacht und den er­folglosen Germanicus-Feldzügen um das Jahr 15 nach Christus für Rom als unbeherrschbar erwiesen hatte. Bis zu vierzigtausend Soldaten waren in den folgenden vier Jahrhunderten allein am Niederrhein in vier Legionslagern und mehreren Dutzend Hilfstruppenkastellen stationiert, ein Viertel des römischen Heeres, eine enorme Verdichtung militärischer Macht. Auf der B 57 bei Birten spürt und erfährt man von dieser Bedeutung nichts.

Sie wollten die germanischen Stämme beeindrucken

Weit besser ausgeschildert ist der nur wenige Kilometer nördlich gelegene Archäologische Park Xanten des Landschaftsverbands Rheinland. Schon von Weitem sieht man das hinter einer hohen Mauer aufragende Amphitheater. Wir blicken auf die Südecke des größten deutschen archäologischen Freilichtmuseums, das auf den Resten von Colonia Ulpia Traiana steht, jener zivilen römischen Stadt, die um 100 nach Christus aus einer Plan­siedlung im Umkreis von Vetera castra hervorging. In Hochzeiten lebten hier mehr als 10.000 Menschen: Handwerker, Händler, Gastwirte, Veteranen. Durch diesen militärischen Be­zug sind auch die Reste der Zivilstadt Teil des von den Niederlanden und Deutschland gestellten Welterbeantrags „Niedergermanischer Limes“ als Teil der „Grenzen des Römischen Reiches“.

Blick auf den 73 Hektar großen Archäologischen Park Xanten
Blick auf den 73 Hektar großen Archäologischen Park Xanten Bild: FaberCourtial GbR für LVR-Archäologischer Park Xanten

Die wenigen rekonstruierten Gebäude im Museumspark wirken bei näherer Betrachtung völlig überdimensioniert. Aber genau diesen Eindruck sollten die antiken Vorgängerbauten wohl auch erwecken. Sie sollten die germanischen Stämme beeindrucken. Allein der dem Rhein zugewandte Tempel maß 27 Me­ter Höhe, das Kapitol 36 Meter. Mehr als eine halbe Million Besucher zieht der Park schon ohne Welterbetitel jährlich auf die 73 Hektar große Fläche.

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Im Park sind bewusst nur 15 Prozent der Bodendenkmäler ergraben worden, doch mit neuen geophysikalischen Me­thoden lassen sich auch mit wenig Erdbewegung die unterirdischen Überreste erforschen. Viele der zuletzt errichteten Gebäude dienen einer Art experimenteller Archäologie. Beeindruckend die in Lehmstampftechnik errichteten ge­räumigen Handwerkerhäuser, deren sorg­fältig rekonstruierte Inneneinrichtung einen um Jahrtausende zurückversetzt. In einer „Werft“ genannten Halle werden derweil in einem inklusiven Projekt römische Schiffe nachgebaut, die auf dem schon in der Antike stark befahrenen Rhein nicht nur patrouillierten, sondern auch enorme Mengen an Nahrung, Waren und Baumaterial transportierten.

Auf diesem Luftbild sieht man unten in der Mitte den Ort Birten mit dem in einem Wäldchen verborgenen Amphitheater, im Hintergrund links befindet sich der Archäologische Park Xanten
Auf diesem Luftbild sieht man unten in der Mitte den Ort Birten mit dem in einem Wäldchen verborgenen Amphitheater, im Hintergrund links befindet sich der Archäologische Park Xanten Bild: B. Song / LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland

Nach Nordwesten könnte man den Weg jetzt weiter ins Legionslager Nimwegen fortsetzen und über Utrecht zur Rheinmündung vorstoßen. Doch die Niederlande sind gerade zum Risiko­gebiet erklärt worden, und wir kehren zurück zu dem ominösen Schild „Am­phitheater Birten“. Von dort aus folgen wir immer kleiner werdenden Wegweisern, bis wir auf einer schmalen Wohnstraße an einer grünen Holzbude mit der nämlichen Aufschrift landen. Kein Parkplatz weit und breit, auf einem schmalen Grünstreifen stehen drei Erklärschilder, denen zufolge sich das Legionslager aus Augusteischer Zeit direkt hinter dem Amphitheater be­fand, welches noch von einer Baum- und Strauchreihe verdeckt wird.

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Das Römerkastell, das die Rheinseite wechselte

Dahinter eröffnet sich ein verwunschener Ort, eine Art großes Bodennest unter hohen Bäumen. Unansehnliche Betonstufen und Pflastersteine sollten der unterirdisch noch vorhandenen rö­mischen Holz-Erde-Konstruktion wohl stellenweise Halt verleihen, im Parterre steht ein Meer von grünen Holzbänken. Heute finden hier immer noch Theatervorführungen und Freilichtkino statt. Hinter dem idyllischen Waldtheater ist dann nur noch Acker zu sehen, der zum Teil meterdick die Grundrisse der Le­gionslager schützt, außer vor Raubgräbern, die hier zahlreich unterwegs sein sollen. Die Gesandten der UNESCO wer­den bei ihrer Begehung die Substanz des Ortes, der den Bataveraufstand erlebte, erkannt haben. Man sieht aber auch, wie viel Arbeit im Falle eines Welterbetitels auf den Landschaftsverband und die Kommune bei der Vermittlung zukäme.

Das Haus Bürgel wurde auf den Grundmauern eines spätantiken Kastells errichtet. In den Außenmauern sieht man stellenweise noch die alte Baumasse.
Das Haus Bürgel wurde auf den Grundmauern eines spätantiken Kastells errichtet. In den Außenmauern sieht man stellenweise noch die alte Baumasse. Bild: dpa

Vom Hochwasser ist die Gegend um Xanten verschont geblieben, ein anderes Bild ergibt sich, wenn man das Hilfstruppenkastell bei Monheim südlich von Düsseldorf ansteuert. Auf dem Weg dorthin macht man nicht nur einen Zeitsprung in die Spätantike, sondern wechselt auch unerwartet die Rheinseite. Ein Kastell im Feindesland – ein Fahrfehler? Die Erklärung ist einfach: Der Rhein hat nach einem Hochwasser im vierzehnten Jahrhundert eine Abkürzung genommen und dabei das Lager rechts liegen lassen. Auch zum Wochenbeginn ist die Straße kurz vor dem Haus Bürgel, wie der Folgebau des Kastells heißt, wegen Hochwassergefahr gesperrt. Auf dem Fahrradweg liegt Treibholz vom Vortag, dem Rhein zugewandt eine unter Naturschutz stehende Auenlandschaft. Das Haus Bürgel selbst ist ein Kleinod, dem der Welterbetitel wegen des erwartbaren Be­sucherzustroms eigentlich nur schaden kann. Es umfasst ein kleines Museum mit römischen Fundstücken; das eigentliche Ereignis aber sind die gut sichtbaren antiken Mauerreste, die bis zu vier Meter hoch in die Backsteine des späteren Gutshofs übergehen.

Der große Bruder dieses mit einem halben Hektar relativ kleinen Kastells befand sich dreißig Kilometer stromaufwärts im heutigen Köln-Deutz. Dieses Kastell lag schon immer rechtsrheinisch, da es die in spätantiker Zeit errichtete Kölner Rheinbrücke schon auf Feindesgebiet schützen sollte. Aufgemauerte Torstümpfe deuten die Grundrisse des Kastells an. Einen Parkplatz findet man auch hier nicht, und um antikes Mauerwerk zu sehen, müsste man im anliegenden Altenheim um einen Kellerbesuch bitten.

Köln war die Provinzhauptstadt Niedergermaniens, hier befand sich das noch erhaltene Prätorium des Statthalters, das jedoch wegen Umbauarbeiten derzeit geschlossen ist. Wir beenden unsere Spurensuche im Bonner Stadtteil Castell. Auch hier verraten nur noch die Hauptachsen des Viertels und einige relativ willkürlich verstreute Grabsteinkopien am Straßenrand seinen antiken Bodenschatz: eines der längstbelegten und besterforschten Lager des Niederrheinischen Limes. Der Welterbetitel könnte dazu herausfordern, auch die übrigen Limesstätten am Niederrhein mit neuen Augen, und sei es denen eines Georadars, zu be­trachten. Nur der Blick der germanischen Stämme auf den Limes, bevor die Franken ihn durchbrachen, wird wohl mangels Schriftquellen für immer ein Geheimnis bleiben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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