NSA-Affäre in der Kunst

Das Schweigen der Vernetzungsjunkies

Von Jörg Heiser
16.10.2013
, 10:08
Kreativ geht anders, aber immerhin: Aus „Yes we can“ wird „Yes we scan“
Wieso tun sich Künstler mit der NSA-Affäre und der Ausspähung der Bürger so schwer? Die Gründe für das Schweigen sind vielfältig. Dabei könnte die Gegenwartskunst die abstrakte Bedrohung durch die Geheimdienste endlich visuell erfahrbar machen.

Wo sind die Künstler? Ausgerechnet in der zeitgenössischen Kunst, der man eine besondere Affinität zu digitalen Themen zuschreibt - kaum einer, der nicht täglich Bilder aus dem Netz fischt oder seine Website aktualisiert -, herrscht Schweigen zur Spähaffäre und zur Diskussion um Whistleblower. Man möchte sagen: betretenes Schweigen. In Film und Literatur gab es Protestäußerungen: Aus Hollywood meldeten sich Alec Baldwin, Maggie Gyllenhaal, Russell Brand und Oliver Stone zum Fall Manning zu Wort; deutsche Schriftsteller rafften sich in Sachen NSA immerhin zu einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel auf. Die Kunstszene müsste spätestens seit Ai Weiwei und Pussy Riot besonders sensibilisiert sein für die Verletzung der Meinungs- und Informationsfreiheit; zuletzt regte sich aufgrund des Anti-Schwulen-Gesetzes in Russland Protest gegen die Moskau-Biennale und die für Sankt Petersburg geplante Manifesta. Aber auffallend ruhig bleibt es in Sachen Whistleblower und Spähaktivitäten nun auch im Westen. Warum?

Die bequemste Antwort wäre, dass die Kunst sich einreiht in die gefühlte Mehrheit, die sagt: Hat man es nicht sowieso geahnt? Und außerdem habe ich nichts zu verbergen. Die zynisch verschwörungstheoretische Variante hieße: Die Gegenwartskunst ist Schoßhündchen des Geldadels, der wiederum von Silicon Valley bis Wallstreet selbst mit drinsteckt im algorithmischen Kontroll-Wahnsinn. Oder sind die unsichtbaren Datenkraken einfach kein Stoff, der sich visuell fassen ließe? Literatur und Film wissen sie in Agenten-Thriller und politische Satiren zu übersetzen, aber die bildende Kunst scheint einfach nur gelangweilt vom Anblick dröger Server-Farmen und hässlich gestalteter NSA-Powerpoint-Grafiken. „Daten kann man nicht fotografieren“, gab die Chaos-Computer-Club-Sprecherin Constanze Kurz jüngst als Grund dafür an, dass die allgemeine Empörung sich bislang in Grenzen hält. Es fehlen nicht nur die Bilder, die Dinge eindrücklich auf den Punkt bringen, sondern offenbar auch die Künstler, die sie hervorbringen könnten. Allenfalls wird Shepard Faireys berühmtes Obama-Plakat abgewandelt: Anstatt „Hope“ steht nun „Yes We Scan“ unter dem Konterfei des Präsidenten.

Die Kunstwelt ist dem Netz erlegen

Bei allen Vorbehalten, die man gegenüber den Eitelkeiten des Kunstbetriebs hegen mag: Apathie und Narzissmus allein erklären das Schweigen im Walde nicht. Woran liegt es also? Vielleicht an dem, was der amerikanische Publizistik-Professor Jay Rosen in anderem Zusammenhang das „Toobin-Prinzip“ genannt hat. Namensgeber ist der „New Yorker“- Autor und CNN-Rechtsexperte Jeffrey Toobin. Der wusste kürzlich in einem Live-Gespräch auf CNN keine Antwort auf die Frage, warum er die durch Edward Snowdens Enthüllungen ermöglichte Debatte ausdrücklich begrüßt - ebendiesen Snowden aber als Kriminellen brandmarkt. Rosen schreibt auf seinem Blog pressthink.org, Toobin müsse die Vorstellung verinnerlicht haben, dass es um eine Diskussion geht, „die die Öffentlichkeit nicht führen darf, dann aber die Erinnerung genau daran verdrängt hat. Deshalb begrüßt er eine Debatte, deren Verhinderung er ebenfalls gutheißt.“

In der Kunstszene waltet das Toobin-Prinzip unter veränderten Vorzeichen. Hier sind es mehrere Entwicklungen, die schon seit längerem verinnerlicht wurden und nun nicht mit den neuen, unangenehmen Wahrheiten über große Lauschangriffe und das Versagen juristischer und politischer Kontrollmechanismen in Einklang zu bringen sind. Eine dieser Entwicklungen ist, dass die Kunstwelt ihr Heil in intensiver digitaler Vernetzung sucht. Für viele junge Künstler ist das Internet so selbstverständliche Ressource für Ideen und Material wie für frühere Generationen die Straße und die Zeitung; zugleich ist es das Hauptmedium, die daraus resultierenden Werke ins Gespräch zu bringen. Derweil haben sich ebendiese Künstler wie Kuratoren und Galeristen in den letzten Jahren die Finger am Smartphone wund gewischt, um auf Facebook oder unterwegs auf großen Kunstevents wie Venedig-Biennale oder Documenta an der Steigerung ihrer Beliebtheit zu arbeiten. Denn Vernetzung ist in einer weltweit konkurrierenden Kunstwelt mittlerweile mindestens so wichtig wie das, was man überhaupt an „Content“ zu bieten hat. Wettbewerbsdruck und Wegfall sozialer Absicherungen sind, wie in vielen anderen Branchen auch, in der Kunst längst globalisiert; entsprechend groß die Angst, aus dem löchrigen sozialen Netz herausgeschnitten zu werden.

Der Schock sitzt tief

Was aber nun, wenn Vernetzung nicht nur der eigenen Gehetztheit und nebenbei den Interessen privatwirtschaftlicher Datenhändler zuarbeitet, sondern - weit umfassender als bisher bekannt - auch staatlicher Überwachungsgier? Die Krise der Geheimdienste ist auch die Krise des Gedankens, dass die eigenen digitalen Spuren im Netz einem schon nicht ernsthaft schaden werden, dass Recht und Gesetz zumindest so weit noch gelten. Und das gilt nicht zuletzt für die Vernetzungsjunkies der Kunstwelt. Sich das einzugestehen braucht Zeit. In der Kunstwelt scheint bis dahin eine Art umgekehrtes Toobin-Prinzip zu gelten: Der CNN-Analyst begrüßte die Debatte und brandmarkte ihren Urheber; in der Kunstwelt wird umgekehrt Snowden gern bewundert - während man sich der von ihm ausgelösten Debatte entzieht.

Aber noch etwas haben viele Kulturschaffende ausgeblendet. Es ist die Erfahrung der buchstäblichen Verletzbarkeit des Terrains, auf dem man agiert. Mit den Anschlägen vom 11. September wurde auch die Welthauptstadt der Gegenwartskunst getroffen, ihr reales Wirtschaftszentrum wie romantischer Sehnsuchtspunkt - welcher Künstler träumt nicht von der großen MoMA-Retrospektive? Wer etwas auf ein Leben und Arbeiten mit sich frei entfaltender Kunst gibt, hat einen Beweggrund mehr zu hoffen, dass die Geheimdienste ihren Job tun.

Die Beobachter beobachten

Mit Barack Obama hatte man von 2008 an eine Hoffnungsfigur, die versprach, mit den Irrungen der Bush-Blair-Ära aufzuräumen und doch gleichzeitig unnachgiebig gegen den Terror vorzugehen. Das wäre also eine weitere, triftigere Variante des Toobin-Prinzips: Auf einer uneingestandenen Ebene hofft man auf die knallharte, notfalls gesetzesferne Terrorbekämpfung. Zugleich muss man zur Kenntnis nehmen, dass Terrorismus-Verhinderung zur Rechtfertigung von Totalüberwachung herhalten muss. Das wäre die zeitgenössische Definition des liberal guilt, des linksliberalen Schuldkomplexes: hin- und hergerissen zwischen Triumphgefühlen anlässlich des Todes Usama Bin Ladins und Anflügen von Paranoia beim Googeln. Diese kognitive Dissonanz aufzulösen gelingt nicht ohne weiteres, denn sie hat eine traumatische Struktur - also tut man, als sei nichts Dramatisches geschehen.

Vielleicht ist diese Analyse ungerecht: Steht es der Kunst nicht gerade gut, wenn sie sich vorschneller tagespolitischer Kommentare enthält? Und lieber ihr geduldiges Geschäft künstlerischer Verarbeitung betreibt, die manchmal viele Jahre braucht? So nachträglich und verschoben wie ein Trauma? Mag sein. Zugleich sind Künstler aber mündige Staatsbürger, und wenn sie schon nicht in der Hitze des Moments Meisterwerke schaffen, so können sie sich zumindest zu Wort melden - so wie beispielsweise, eine Ausnahme von der stummen Regel, der Kalifornier Trevor Paglen. Seit Jahren beschäftigt sich der gelernte Geograph und Künstler mit militärisch und geheimdienstlich genutzten Orten. Er fotografiert aus großer Entfernung Orte wie die Area 51 in Nevada, Drohnen beim Testflug im Militärsperrgebiet oder eine NSA-Lauschstation in Virginia. Paglen benutzt hochempfindliche Astronomie-Ausrüstung, er muss, um seine Fotos machen zu können, an abgelegenen Orten nachts oder frühmorgens ausharren und riskiert Konflikte mit den Behörden.

Das Verborgene zur Anschauung bringen

Seine Bilder erzeugen die perverse Schönheit, die entsteht, wenn etwas aufwendig Verborgenes unter beträchtlichem Aufwand eben doch ins Blickfeld gerückt wird - und sei es nur als kleines verschwommenes Detail in einer Wüstenlandschaft oder einem von Wölkchen durchzogenen Himmel. Seine künstlerische Arbeit ist begleitet von einer publizistischen Tätigkeit, die investigative Sorgfalt verrät. Auf Youtube findet sich ein Vortrag Paglens, in dem er bereits im Jahr 2008 ausgiebig über eine der geheimen Telefon- und Internet-Zapfanlagen der NSA informiert.

Mit ihrer Website creativetimereports.org hat Creative Time, die New Yorker Stiftung für Kunst im öffentlichen Raum, immerhin ein Forum geschaffen speziell für politisch und investigativ engagierte Künstler wie Paglen; er veröffentlichte dort Ende Juli einen Text, in dem er die Gefahr einer „Turnkey Tyranny“, eines durch Totalüberwachung „schlüsselfertig“ angelegten totalitären Staates, kenntnisreich umriss. Wie man im Kunstwerk selbst über die neuralgischen Punkte der überwachten Welt sprechen kann, ohne in selbstgerechte Oberlehrerhaftigkeit zu verfallen, zeigt auch Hito Steyerl derzeit auf der Venedig-Biennale. Der Film der in München geborenen Künstlerin und Autorin heißt „How Not to be Seen: A Fucking Didactic Educational MOV File“ - und setzt diesen sprechenden Titel wörtlich um: Im Stil eines erzieherischen Schulungsvideos wird der geneigte Zuschauer darüber informiert, wie er es im digitalen Zeitalter anstellt, nicht gesehen zu werden. Zum Beispiel, indem er eine Kiste auf dem Kopf trägt, die genauso groß ist wie das kleinstmögliche Pixel hochauflösender Satellitenkameras; oder indem er sich mittels Trickfilmverfahren in grüne Tarnkappen-Burkas hüllt, um unerkannt durch Shopping-Malls zu schleichen. Steyerl und Paglen haben begriffen, dass Sichtbarkeit versus Unsichtbarkeit ein Schlüsselproblem dieser Tage ist und folglich Leib- und Magenthema der Kunst - solange die eigenen Sehnsüchte nach Vernetzung und Vergeltung einen nicht zum Verstummen bringen.

Jörg Heiser ist Chefredakteur der in London erscheinenden Kunstzeitschrift „Frieze“.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot