Verurteilter Pianist

Mauser bittet Van der Bellen um Gnade

Von Patrick Bahners
26.01.2022
, 20:40
In glücklicheren Tagen: Siegfried Mauser als Klavierbegleiter beim Kissinger Sommer 2014
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Am 1. Februar soll der wegen sexueller Nötigung verurteilte Pianist Siegfried Mauser seine Haft antreten. Mit einem Gesuch an den österreichischen Bundespräsidenten möchte Mausers Anwalt das noch abwenden.
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Mit einer Eingabe an den österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen möchte der wegen sexueller Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilte Pianist und frühere Musikhochschulrektor Siegfried Mauser seinen Haftantritt noch abwenden, den das Landesgericht Salzburg zum 1. Februar angeordnet hat, nachdem es Mauser aufgrund eines medizinischen Gutachtens für haftfähig erklärt hatte. Mauser wurde 2018 vom Landgericht München verurteilt, hat aber, da er auch die österreichische Staatsangehörigkeit besitzt, nach der Verwerfung seiner Revision durch den Bundesgerichtshof den Antrag gestellt, seine Strafe in Österreich verbüßen zu dürfen, falls er sie verbüßen muss.

Sein Anwalt Johann Schwenn hat, wie er der F.A.Z. mitteilte, den Bundespräsidenten er­sucht, die Strafvollstreckung im Gnadenwege aufzuschieben, weil eine Verfassungsbeschwerde beim deutschen Bundesverfassungsgericht anhängig ist. Gleichzeitig hat Schwenn den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder als Träger des Gnadenrechts um die Erklärung seiner Zustimmung gebeten.

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Die Verfassungsbeschwerde richtet sich gegen die Ablehnung eines Wiederaufnahmeantrags, der die Glaubwürdigkeit des Opfers in Zweifel zieht, einer Sängerin, die Mauser dem Münchner Strafurteil zufolge bei drei Bewerbungsgesprächen in verschiedenen Jahren in identischer Weise gezwungen haben soll, seine sexuellen Handlungen hinzunehmen.

Vor dem Landgericht und den BGH wurde Mauser von einer Münchner Kanzlei vertreten, die heute unter dem Namen Stevens & Partner firmiert. Alexander Stevens profiliert sich auch durch publizistische Tätigkeit und Medienauftritte als Kritiker des reformierten Sexualstrafrechts und der Anwendung dieses Rechts durch die Justiz.

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Verdacht auf Falschbeschuldigung

Die Nebenklägerin im Verfahren vor dem Münchner Landgericht, dem zweiten mit einer Verurteilung abgeschlossenen Strafprozess gegen Mauser, sagte als Zeugin aus, dasselbe wie mit dem Angeklagten vor vielen Jahren schon einmal im Kölner Raum mit einem Dirigenten erlebt zu haben. Ähnlich hatte sie sich in der polizeilichen Vernehmung eingelassen, mit präziserer Ortsangabe. Sie sei in ein Gebüsch gezerrt und geküsst worden, woraufhin sie den Dirigenten geohrfeigt und angezeigt habe. Daraufhin habe sie ihr Engagement verloren und in Deutschland kaum mehr Aufträge erhalten.

Nach Schwenns Einschätzung sollen Mausers frühere Verteidiger der Glaubwürdigkeit dieses Berichts deshalb nicht nachgegangen sein, weil sie sich nicht hätten vorstellen können, „dass eine Strafkammer auf die Aussage dieser hochauffälligen Zeugin etwas geben würde“. Nachdem Schwenn das Mandat übernommen hatte, machte er den Dirigenten ausfindig und suchte ihn auf. Auf die Niederschrift von dessen Schilderung stützte er den Wiederaufnahmeantrag. Das Landgericht Augsburg ließ die Wiederaufnahme mangels Eignung von Tatsache und Beweismittel, einen Freispruch zu bewirken, nicht zu; die Beschwerde beim Oberlandesgericht München hatte keinen Erfolg.

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Schwenn wirft dem Strafsenat vor, die von ihm in seiner den Bauern Rupp („Tot ist tot“) betreffenden Aufhebungsentscheidung als von Verfassungs wegen beachtlich identifizierten Grundsätze der Wiederaufnahme missachtet zu haben. Bevor das Bundesverfassungsgericht über die Verfassungsbeschwerde entscheiden kann, muss das Oberlandesgericht über die gleichzeitig bei ihm eingereichte Rüge wegen Verletzung des Grundrechts auf rechtliches Gehör befinden.

Johann Schwenn, dessen Hamburger Kanzlei im Internet mit der Marke „Mehr Strafrecht“ wirbt, wurde einer sehr großen Öffentlichkeit als Verteidiger des Wetterexperten Jörg Kachelmann bekannt, der 2011 von der Anklage der Vergewaltigung freigesprochen wurde. In der Zeitschrift „Strafverteidiger“ veröffentlichte er 2010 einen Fachaufsatz mit dem Titel „Fehlurteile und ihre Ursachen – die Wiederaufnahme im Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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